«Wir waren Kabaretthasser»

Das österreichische Duo Stermann & Grissemann packt eine Menge Anarchie in seine Komik. Logisch, dass zum «Züritipp»-Interview nur einer erschien.

Lustiges Scheitern im TV und auf der Bühne: Dirk Stermann (l.) und Christoph Grissemann.

Lustiges Scheitern im TV und auf der Bühne: Dirk Stermann (l.) und Christoph Grissemann. Bild: Udo Leitner

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Wir hören nur eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Herr Grissemann scheint sich zu verspäten. Wann kommt er denn?
Ich weiss es nicht genau. Wir treten in einer Stunde auf, und er hat ein sehr unangenehmes Bühnenoutfit, das er früh anziehen muss. Etwas, das ich mir für ihn überlegt habe und das für ihn ein wenig demütigend ist.

Und er macht das mit?
Er muss es mitmachen.

Apropos demütigend: Bei Ihnen kommt es öfter mal zu Streit auf der Bühne. Im neuen Programm «Stermann» scheint die Möglichkeit dazu schon im Titel angelegt. Gibts Krach?
Ja. Diesmal ist es bewusst so, weil ich ursprünglich über mich selber reden wollte. Und Grissemann hält es nicht aus, dass ich mich in den Vordergrund spielen will. Er ist derartig egozentrisch, dass ihn das zu sehr ärgert.

Geht man sich nicht andauernd auf die Nerven, wenn man so viel gemeinsam macht – Bühne, Radio, Fernsehen?
Ja, komplett. Wir schauen, dass wir im Flugzeug nie nebeneinandersitzen.

Aber wenn man dann einzeln in die Ferien geht, vermisst man sich doch ein bisschen.
Überhaupt nicht. Ich bin total glücklich, wenn ich ihn länger nicht sehen muss.

Dienen die fiesen Tagebucheinträge, in denen Sie sich auf der Bühne gegenseitig beschimpfen, auch zur Verarbeitung dieser Konflikte?
Natürlich. Wobei ich die meisten selbst verfasst habe, weil Grissemann so faul ist. Sehr viel Böses gegen mich selbst habe ich geschrieben.

Aber Grissemann ist jetzt nicht aus Faulheit dem Interview ferngeblieben?
Doch. Er mag keine Interviews geben. Ich bin alles: Sekretariat, Vorzimmer, Büroleiter. Er ist eigentlich der, der nur die Hand aufhält.

Ihre Sendung «Willkommen Österreich» im Staatsfernsehen ORF hat Sie beide sehr bekannt gemacht. Kann es sein, dass Sie dies nun ausnutzen, um dem Publikum in ihren Live-Shows noch mehr zuzumuten?
Das stimmt insofern, als wir unsere Fernseharbeit gnadenlos ausnutzen, um volle Säle zu haben. Was uns im Moment auf der Bühne am meisten Spass macht, sind Pausen, in denen die Leute ganz lange das unangenehme Gefühl haben, dass wir nicht mehr weiterwissen. Das machen wir jeden Abend, und wir haben Spass daran, es immer länger und peinlicher zu machen.

Machen Sie das auf der Bühne auch deshalb gerne, weil so was im Fernsehen ein No-Go ist?
Ja, wobei auch im Fernsehen gilt: Wir kommen grundsätzlich vom Scheitern. Wir finden es angenehmer, wenn Dinge nicht funktionieren. Alles, was funktioniert, vergesse ich sofort.

Heute benutzen Sie den Ausdruck Kabarett für sich selber. War das von Anfang an so, dass Sie zu dieser Szene gehört haben?
Am Anfang waren wir Kabaretthasser. Wir haben gesagt: Wir sind jetzt einmal Kabarettisten, die Kabarett für Kabaretthasser machen, sodass Kabaretthasser zu uns kommen können, weil die ja vielleicht auch Kabarett sehen wollen.

Ihre Fernsehshow am Donnerstagabend erfreut sich grosser Beliebtheit. Fragen Gäste aus der Hochkultur bei Ihnen an, ob sie kommen dürfen?
Nur Leute, die nicht mal wir kennen, fragen bei uns an. Aber es ist für uns inzwischen Gott sei Dank leicht, Gäste zu bekommen, weil die sich bei uns ganz wohl fühlen. Was ich sehr berührend fand: Elke Heidenreich hat uns ein SMS gezeigt, das sie Senta Berger geschrieben hat. Da stand: «Die Jungs sind nett, kannst gerne herkommen.»

Es gibt ja auch jeweils genug Weisswein.
Ja, das ist nicht unwichtig, finde ich. Der Wein ist gut, und es ist für die Leute oft angenehmer, in einer so entspannten Situation zu reden.

Das merkt man aber den Fragen nicht unbedingt an. Zum Beispiel haben Sie Schauspieler Helmut Berger nach seinem kokainbedingten Durchfall an einer Party mit Caroline von Monaco gefragt.
Ja, aber Helmut Berger hat uns danach alle auf den Mund geküsst und gesagt: «Ich möchte sofort wiederkommen, und dann machen wir etwas richtig Arges». Haben Sie bei der Stand-up-Comedy im ersten Teil der Sendung eine Rollenverteilung?
Ja, ich bin der Nettere, der Harmonizer, und Grissemann ist räudiger.

Gilt das auch für die Interviews?
In den Interviews ist er sehr schleimig. Da bin ich weniger schleimig als er.

Sind Sie beide diejenigen mit der Narrenfreiheit im österreichischen Fernsehen?
Das sind wir. Wir hatten das grosse Glück, dass wir bei unseren Anfängen im Radio einen Chef hatten, der sagte: «Lass sie mal machen. Es ist nicht gut, aber warum nicht?» Und irgendwann hatten wir das so oft gemacht, dass sich so etwas ergab wie Akzeptanz durch Penetranz. Wenn man immer weiter da ist, wird man irgendwann wahrgenommen, so wie Regen oder Matsch.

Gabs Dinge, die Sie gemacht haben, die eindeutig grenzüberschreitend waren? Wo vielleicht auch von oben ein «Das reicht jetzt» kam?
Eine Zeit lang hatten wir in Österreich Probleme mit den Freiheitlichen. Das ist das, was bei euch der Blocher ist. Einmal haben wir etwas über den damaligen FPÖ-Chef Haider gesagt und durften vier Monate nicht beim ORF arbeiten. Wir sind aber live aufgetreten, und es war immer einer von der FPÖ im Publikum. Und immer wenn der ORF gesagt hat, wir lassen sie wieder arbeiten, kam die FPÖ und sagte, nein, die haben auf der Bühne dort und dort das und das gesagt. Das war dann so ein komisches Spiel zwischen denen und uns.

2003 haben Sie den Salzburger Stier im Casinotheater Winterthur entgegengenommen. Haben Sie Erinnerungen an den Abend?
Sehr lustige Erinnerungen. Da kannte uns gefühlsmässig überhaupt niemand. Es war ganz schlechte Stimmung. Man muss dann selber auch auftreten, obwohl man Preisträger ist. Dann waren wir fertig, wir waren zufrieden mit uns. Am kalten Buffet stand einer mit einer Frikadelle in der Hand und sagte: «Ich war der Einzige, dem das gefallen hat.» Das fand ich sehr schön.

Wir sind fertig mit unseren Fragen.
Ja, dann richte ich meinem Kollegen Grissemann schöne Grüsse aus.

Gern. Als Dank bekommen Sie, Herr Stermann, mehr Platz auf dem Cover. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.02.2012, 16:53 Uhr)

Zu Stermann & Grissemann

Der gebürtige Duisburger Dirk Stermann und der Tiroler Christoph Grissemann gehören seit Mitte der 90er-Jahre zu den erfolgreichsten Komödianten Österreichs. Sie sind sicher die anarchistischsten. Begonnen haben sie beim Radio mit ihrer Satiresendung «Salon Helga», die sie heute noch moderieren. Nach einigem Experimentieren mit schrägen Fernsehformaten bekamen sie 2007 mit «Willkommen Österreich» ihre eigene Late-Night-Show; eine Mischung aus Comedy, eingespielten Sketches und Gesprächen mit jeweils zwei berühmten Gästen. Die «Süddeutsche Zeitung» nannte «Willkommen Österreich» 2010 die witzigste Late-Night-Sendung des deutschsprachigen Raums. Nach Zürich kommen sie mit ihrem sechsten Bühnenprogramm «Stermann». (duk)

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