Hinauf aufs Oberdeck

Alle wünschen sich eine – nur wenige haben sie: die Dachterrasse. Doch sie fordert Härte und Disziplin.

Eine Dachterrasse für viele, zumindest einmal im Jahr: Das Zürcher Onlineradio GDS.FM lädt an den Goldbrunnenplatz. Foto: Reto Oeschger

Eine Dachterrasse für viele, zumindest einmal im Jahr: Das Zürcher Onlineradio GDS.FM lädt an den Goldbrunnenplatz. Foto: Reto Oeschger

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Es ist nicht richtig. Nein, es ist falsch. Und unfair ist es sowieso: Ron Orp, ­intimer Kenner und mit ­seinem Newsletter inoffizielles Publikationsorgan dieser Stadt, ruft alljährlich den Rooftop-Day aus.

Ein ganzer Tag, um den Dachterrassen dieser Stadt zu huldigen. Und um einem Grossteil der Stadt mitzuteilen: «Ätschipätsch. Wir haben eine Dach­terrasse, ihr nicht.»

Am Samstag war er wieder, dieser «Wir oben, ihr unten»-Tag. Inzwischen ist der Schmerz abgeklungen, das leise Surren, das zurückbleibt, lässt es zu, über die Dachterrasse, diesem Oberdeck unter den Aussenräumen, zu sinnieren.

Inspiration von ganz oben

Die Dachterrasse ist ein Sehnsuchtsort einer jeder Städterin, eines jeden Städters. Wie ein Berggipfel bei Hochnebellage. Steigt man hoch, lässt man den Alltag unter sich. Ein Hotel mit Dachterrasse potenziert die Erholung in den Ferien. Tipp: Das Mama Shelter in Bordeaux hat eine Dachterrasse, die ihresgleichen sucht. Weil sie nicht wie diese elenden Infinitypools rundherum abfällt, sondern von zwei Seiten gefasst wird, einen Raum bildet. Einen mit Turm dazu: Das Hotel ist in einer ehemaligen Telefonzentrale untergebracht.

Zurück in die eigene Stadt, hinauf auf die Dachterrasse, die wir damals, in unserer alten Wohnung, mit den Nachbarn teilten. Maroder Holzrost am Boden, wacklige Geländer, ausrangierte Grills – und jede Menge Inspiration.

Die aus dem zweiten Stock versuchten, mit Schlingpflanzen ein Schattendach wachsen zu lassen. Das Projekt verdorrte trotz Bewässerungsanlage.

Die aus dem dritten installierten eine Dusche, vergassen aber immer, den Schlauch anzuschliessen, bevor sie aufs Dach stiegen. Die Dusche kühlte nur im Geiste ab – was offenbar reichte. Ich sah jedenfalls nie jemanden duschen.

Wir selber schleppten Europaletten die enge Treppe hoch und zimmerten daraus Sofas.

Wer noch mehr Inspiration brauchte, schaute über den Dachrand: Die Hippies gegenüber nutzten ihre Terrasse wirklich; bei ihnen war es grün. Sie schliefen unter freiem Himmel, tanzten im Sommergewitter und grillierten dem Teufel ein Steak ab.

Die fremde ist die beste

Mit zunehmender Mietdauer waren wir immer weniger auf dem Dach anzutreffen. Eine Dachterrasse verlangt ein gewisses Mass an Härte und Disziplin. Oben ist es immer entweder zu windig oder zu heiss. Es gibt immer etwas zu tun – oder es gäbe. So wenig inspirierende Arbeiten wie Müll entsorgen, marode Bodenbretter ersetzen, Schlingpflanzen neu anpflanzen, weil alle Ranken verbrannt sind.

Heute leben wir in einer Wohnung mit Balkon, von der eigenen Dachterrasse träumen wir selten. Die Dachterrasse ist ein Sehnsuchtsort – und als solcher fast am besten. Auch das zeigte der Rooftop-Day am Samstag: Es gibt in dieser Stadt eine Reihe wunderbarer Dachterrassen, die jedermann offenstehen. Mit Bars und Restaurants und Ausblick. Auch hier fühlt man sich über dem Alltag. Damit sie ihren Zauber behalten, sollte man sie nicht allzu oft besuchen.

Dann ist es wie Reinhard Mey die Dachterrasse besang: «Über den ­Wohnungen muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2017, 00:10 Uhr

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