«Mein Chef hat sich geweigert, das Gebäude zu verlassen»

Evakuierung des Prime Tower nach dem Stromausfall verlief ruhig – abgesehen von vergessenen Taschen und Hausschlüsseln.

Betreuen die Evakuierten: Einsatzleiter vor dem Prime Tower am 12. März 2013.

Betreuen die Evakuierten: Einsatzleiter vor dem Prime Tower am 12. März 2013. Bild: Ruedi Baumann

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Für den Horror sorgten bloss Katastrophenfilme, die man im Hinterkopf hat: blockierte Lifte, gefangen in 126 Meter Höhe. Die Realität nach dem gestrigen Stromausfall im Prime Tower war weit weniger dramatisch: Die Evakuierung der 36 Stockwerke, angeführt von firmeninternen Sicherheitsbeauftragten in gelben Westen, erinnerte eher an einen lockeren Betriebsausflug.

Der Zeitpunkt für einen Stromausfall war für all jene ideal, die gerne früh Büroschluss machen. Um 14.54 Uhr gehen Lichter und Desktop-Computer auf einen Schlag aus. Mathias Knellwolf, der stellvertretende Sicherheitsbeauftragte im Prime Tower, realisiert sofort, dass der Blackout grossflächig ist. «Ich sah, dass auch andere Gebäude dunkel sind und die Verkehrsampeln nicht mehr funktionierten.» Evakuationen hat Knellwolf mit den 20 eingemieteten Firmen schon vielfach geübt: Leuchtweste an, koordinieren, organisieren – und erleichtert feststellen, dass wenigstens das Telefonnetz noch funktioniert.

2000 Menschen verlassen den Turm

Die Sicherheitsbeauftragten der Firmen führen ihre Leute übers Treppenhaus nach unten. Eine Notbeleuchtung brennt. Vor dem Prime Tower sammeln sich die einzelnen Firmengruppen an abgemachten Treffpunkten – die einen am Turbinenplatz, die anderen zwischen den Gebäuden, wo allerdings der legendäre Sturmwind zwischen den Häuserschluchten heult. Gegen 2000 Leute verlassen innerhalb von 20 Minuten den Turm – auf den Strassen sieht es aus wie nach Büroschluss in Tokio.

Ein Verkehrsdienst lotst die Menschenschlangen über die Pfingstweidstrasse, wo sich der Abendverkehr mit dem stromlosen Turmflüchtlingsstrom kreuzt. Bürolisten fingern auf ihren Handys herum. Die ersten Witze machen auf Twitter die Runde: «Der Marder vom FC Thun hat zurückgeschlagen.» Die Leute entscheiden sich – mit dem Segen des Chefs – für einen vorzeitigen Feierabend. Trams Richtung Bahnhof und S-Bahn funktionieren.

Lifte blieben stecken

Einer der allerersten Gedanken von Mathias Knellwolf sind die Lifte. «Zwei Aufzüge sind stecken geblieben», sagt er. In den Liften sind Servitels installiert: Über Knopfdruck kann jeder Eingeschlossene eine Sprechverbindung mit dem Schindler-Kundenservice herstellen. In gut 20 Minuten sind die Schindler-Leute da und befreien alle.

In zwei Büros im 33. und 35. Stock bleiben gehbehinderte Kollegen im Rollstuhl zurück. Sie werden betreut. «Und wenn ich sie zu Fuss runterbuckeln müsste, ich würde das machen», sagt der Sicherheitsbeauftragte. Sein Kollege schlägt den Warenlift vor. Doch auch der funktioniert nicht. «Eigentlich müssten wir wenigstens für einen Lift einen Notstromgenerator haben – ein VW-Motörli würde reichen», schlägt einer vor.

Der Boss zog das Meeting durch

Ein anderer Sicherheitsbeauftragter ist weniger gut gelaunt. «Mein Chef war an einem internationalen Meeting und hat sich geweigert, das Gebäude zu verlassen», klagt er, «hätte ich ihn etwa runtertragen sollen?» Hauptfrage der Evakuierten an alle Leute in den Leuchtwesten: «Wann kommt der Strom zurück?» In der durchrationalisierten Welt eines Prime Tower mit teuren Büros und hohem Effizienzdruck kann man nicht den halben Nachmittag verplempern.

Weit grösser als die Zahl der renitenten Chefs ist die Zahl jener, die auf dem Sammelplatz merken, dass sie Handtaschen, Hausschlüssel oder Portemonnaie vergessen haben. Die Frauen sind klar in der Mehrzahl. Im allerdümmsten Moment hat der Blackout Gabriella Ruf aus dem 14. Stock erwischt. Sie ging für eine Rauchpause nach draussen – und kann nicht mehr zurück. «Ich habe drei Hunde und zwei Katzen zu Hause und meine Hausschlüssel im Büro», bettelt sie beim Sicherheitschef – und der lässt sich erweichen. Ruf wird zu Fuss durchs Treppenhaus ins Büro begleitet.

Das Badge-Problem

Auf dem falschen Fuss wird auch Christine Suter erwischt. Sie war für eine Sitzung auf einem anderen Stock und konnte nicht mehr in ihr Büro zurück. «Wir haben elektronische Badges und keine Schlüssel», sagt sie. Ohne Strom funktionieren die elektronischen Türsysteme nicht mehr, die Türen lassen nur noch nach aussen öffnen. Auch Christine Suter wird zu Fuss in den 14. Stock begleitet. Mit einem normalen Schlüssel lässt sich die Türe knacken.

Gegen 17 Uhr leert sich der Platz. Vor allem eine Frage beschäftigt viele der Evakuierten: «Hat mein Computer den Absturz überlebt – und ist mein letzter Arbeitsschritt gespeichert?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2013, 06:17 Uhr

Lukas Küng ist stellvertretender Direktor des EWZ und Leiter der Verteilnetze. (Bild: PD)

«Wir haften nicht bei Stromausfällen»

Mit Lukas Küng sprach Thomas Zemp

Gestern um 14.54 Uhr ist der Strom in Zürich-West ausgefallen. Was ist genau passiert?

Ein Bauarbeiter hat auf dem Maagplatz mit einer Betontrennmaschine in ein Netzspannungskabel geschnitten. Das führte zu einer Folgestörung im Unterwerk Herdern.

Was ist alles ausgefallen?

Das ganze Unterwerk, das Zürich-West und einen Teil von Höngg versorgt. Das Gebiet erstreckte sich von der Hardbrücke entlang der Pfingstweidstrasse bis zur Europabrücke und bis zur Limmattalstrasse in Höngg.

Was geschieht beim EWZ bei einem solchen Unglück?

Verschiedene Alarme melden auf dem Leitsystem Störungen. Wir mussten diesmal keine Leute losschicken, weil das Unterwerk bei unserem Werkhof liegt – wir hatten Leute vor Ort. Sie konnten aber nicht viel machen, weil das unterirdische Gebäude mit Rauch gefüllt war. Sie alarmierten die Feuerwehr, die den Rauch möglichst rasch aus dem Raum abblasen musste.

Ist das der Grund dafür, dass es etwa zwei Stunden dauerte, bis die ersten EWZ-Kunden im betroffenen Gebiet wieder Strom hatten?

Ja, genau. Es dauerte etwa eine Stunde, bis wir den Raum ohne Risiko betreten konnten. Dann mussten wir die Störung lokalisieren und isolieren. Alle nicht betroffenen Teile konnten wir danach freischalten. Schrittweise versorgten wir die Kunden dann im Gebiet wieder mit Strom.

Erhalten bei einem solchen Vorfall zuerst wichtige Firmen Strom?

Nein. Zuerst schalten wir die Stromleitungen ein, die möglichst weit entfernt vom Störungsort liegen, um das Risiko einer weiteren Störung zu minimieren. Deshalb kam der Prime Tower als Letzter ans Netz.

Gibts in diesem Versorgungsgebiet neben dem Prime Tower heikle Betriebe, die vom Stromausfall betroffen waren?

Ja, zum Beispiel die Firma Six, die im Finanzbereich tätig ist. Sie ist für solche Fälle aber gerüstet und hat mit uns geübt, was bei Stromunterbrüchen zu tun ist. Auch die Informatikdienststelle OIZ der Stadt Zürich, die in der Gegend das Rechenzentrum betreibt, verfügt über ein Notstromaggregat.

Wie oft kommt es in Zürich zu Stromunterbrüchen?

Oft. Bauarbeiter graben ein- bis zweimal pro Woche in eine Leitung. Grosse Folgeschäden sind aber aussergewöhnlich. Der letzte grosse Ausfall war im Januar 2012 beim Bellevue und im Seefeld.

Wer kommt für die Schäden eines solchen Stromausfalls auf?

Der Bauarbeiter ist nur für den Schaden auf der Baustelle verantwortlich, nicht aber für den Stromunterbruch. Wir selber haften nicht, denn wir können die Stromversorgung nicht zu 100 Prozent garantieren. Kunden müssen kritische Prozesse selber schützen.

Zahlreiche Gemeinden betroffen

Von Aesch bis Zollikon, von Embrach bis Steinmaur: Die Websites von mehr als 70 Gemeinden im Kanton Zürich meldeten gestern alle dasselbe: «Nicht erreichbar.» Und nicht nur sie. Gemeinden in der ganzen Schweiz waren betroffen, ebenso einige Kantone. So verschickte Luzern eine Medienmitteilung: Wegen eines Stromausfalls in Zürich sei die Website des Kantons vorübergehend nicht erreichbar.

Schuld an der Misere ist der Umstand, dass all diese Websites über die Firma I-Web laufen, deren Server gestern ohne Strom waren. I-Web gehört zu den grossen Anbietern von Internetlösungen für die öffentliche Hand. Auch Schulen und Kirchen, ebenso Wasser- und Energiewerke zählen zu den I-Web-Kunden. Warum es möglich ist, dass ein Stromausfall einen Web-Anbieter derart lahmlegt, war gestern nicht in Erfahrung zu bringen: Bei I-Web war am Abend niemand mehr erreichbar. Sicher ist, dass andere Firmen vorgesorgt haben. Bei der Swisscom etwa fiel zwar das Handynetz aus, alles andere funktionierte aber mit Notstrom, wie Swisscom-Sprecherin Anna Merk sagt. Die wichtigen Rechenzentren seien zudem redundant aufgebaut.

Mit Notstrom lief auch die Firma Six, die Kartenlesegeräte in Hunderten von Läden betreibt. Dunkel blieb es in den Büros im ZKB-Geschäftshaus. Die Kunden bekamen davon nichts zu spüren, wie Sprecher Urs Ackermann sagt: Im Geschäftshaus ist das Backoffice untergebracht.
(leu)

Bildstrecke

Stromausfall in Zürich-West

Stromausfall in Zürich-West In der Gegend rund um den Prime Tower ist am Dienstagnachmittag, 12. März 2013 der Strom ausgefallen.

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