Kosovos Konsulin findet, die Vorwürfe an ihr Land kämen zu einem «suspekten Zeitpunkt»
Von Samira Zingaro . Aktualisiert am 18.12.2010 2 Kommentare
Schnittstelle zwischen Kosovo und der Schweiz: Dhurata Selimi. (Bild: Sabina Bobst)
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«Viele stellen sich einen dickbäuchigen, älteren Mann vor. Dann sehen sie mich», sagt Dhurata Selimi und lächelt. Die 30-Jährige bekleidet in Zürich das Amt der Konsulin. Ende Oktober wurde die Dienststelle in Altstetten eingeweiht, just zwei Jahre nachdem sich die Regierung Kosovos mit einer Gedenktafel bei der Schweiz für die Unterstützung während des Krieges bedankt hatte.
Kaum im Amt, muss sich die Gesandte unangenehmen Fragen stellen. Was sagt sie zu den Vorwürfen von Ständerat Dick Marty gegen den Ministerpräsidenten Hashim Thaci? Selimi antwortet diplomatisch. «Wir warten nun die Beweise ab. Ich will nicht spekulieren.» Offiziell habe man im Konsulat nicht über den Bericht gesprochen. Die Botschaft in Bern sei hingegen mehr involviert. Und: «Ich bevorzuge keine Partei.»
In einem wird sie deutlich. Es sei falsch, die UCK als Terroristengruppe zu bezeichnen. «Sie haben uns verteidigt. Wir hatten keine Armee.» Der Zeitpunkt von Dick Martys Veröffentlichung sei suspekt, sagt Selimi. «Gerade jetzt, wo wir das Land wieder aufbauen, die neue Regierung gebildet wird und Kosovo mit Serbien Gespräche führt. Das schadet unserem Image.»
Nach Deutschland geflüchtet
Selimi versteht sich als Lobbyistin ihres Landes. Statt über Integrationsmängel oder straffällige Landsleute spricht die Gesandte lieber von ehrgeizigen Kosovaren an der Uni Zürich. Oder von jungen Leuten, die bei der UBS arbeiten, und jener Generation, die den neuen Staat aufbaut: jung, optimistisch, voller Tatendrang – und das Rüstzeug im Ausland erworben. Wie sie selbst. «Jeder bekommt eine Chance. Jeder.»
Länger weg von der Heimat war Selimi schon einmal. 1995 flüchtete die Kosovarin mit Eltern und Bruder in den Süden Deutschlands. Die Familie blieb fünf Jahre, getrieben vom Wunsch, heimzukehren, sobald es dort friedlicher würde. Heim nach Pristina. «Man verzeiht, aber vergisst nie», sagt Selimi über ihre Jahre als Flüchtling. Inzwischen lebt sie in Zürich. Sie reist viel – aber heute freiwillig. Und wird dabei empfangen.
In Baden-Württemberg hat Selimi eine Wirtschaftsschule abgeschlossen. Zurück in Pristina arbeitete sie als Dolmetscherin, später für die deutsche Botschaft. Sie wollte Pianistin werden. Ihr Vater, ein Albanischprofessor, setzte sich aber durch: Selimi studierte Germanistik in Pristina und bildete sich dort an der Europäischen Integrationsschule weiter. Das Auswärtige Amt ermöglichte ihr ausserdem verschiedene diplomatische Seminare in Berlin.
Erste Vertreter in der Geschichte eines Staates
«Als Konsulin habe ich mehr Kontakt mit den Menschen als eine Botschafterin. Das entspricht mir.» Das Gerangel um dieses Amt sei hart gewesen. «Nie hätte ich gedacht, dass ich als Jüngste ausgewählt würde. Es ist eine Ehre, als erste Vertreter in der Geschichte eines Staates entsandt zu werden.» Weltweit gibt es 13 kosovarische Konsulate und 18 Botschaften. Zwei Wochen vor ihrer Abreise hat die junge Frau erfahren, wohin die Reise führen sollte. Berlin war ihr Favorit gewesen. Ihr Mann – er arbeitet im Auswärtigen Amt – lebt dort. Vor einem Monat haben die beiden geheiratet.
Selimis Arbeitsplatz liegt im obersten Stock eines Blocks, unweit des Bahnhofs Altstetten. Im Erdgeschoss liegt ein Denner. Wer eintritt, findet sich in einem bilderlosen Zimmer wieder. Stühle stehen vor einer Glasscheibe, dahinter ein ebenso karger Raum. Auf das Klingeln hin öffnet ein Mann die Tür und führt in Selimis Eckbüro. Hier wachsen Orchideen auf dem Fenstersims. Hinter dem Pult halten die Fahnen Kosovos und der Schweiz Wache. Im Mai ist das Konsulat in diese 300 Quadratmeter eingezogen, die Dienste laufen seit Juni. Sie und ihr Stellvertreter hätten die Räumlichkeiten von Grund auf aufgebaut. «Dazu gehörte auch die Objektsuche und die Wahl des Laminats.» Selimi ist voller Lob für die kosovarische Diaspora und die Schweizer Behörde. «Ohne diese Mithilfe hätten wir es nicht geschafft.»
Unmik-ID gilt nicht
Seit Juni hat das Konsulat 180 Rückkehrausweise und über 70 Pässe ausgestellt sowie 17 Geburten und 4 Eheschliessungen registriert. Das Büro ist für 12 Kantone zuständig. Die übrigen verwalten die Vertretungen in Bern und in Genf. Im Moment kann das Konsulat keine kosovarischen Pässe ausstellen. Das soll sich ändern, sagt Selimi. Der Grund: Dafür braucht es eine Identitätskarte und die wird bislang nur in Kosovo ausgefertigt. «Die meisten Kosovaren besitzen noch die ID der Unmik, und die gilt nicht.» Verlangt wird ausserdem auch ein Auszug aus dem Strafregister. «Wir arbeiten eng mit der Schweizer Polizei und den Migrationsämtern zusammen», erklärt die Konsulin. Laut Bundesamt für Migration leben im Kanton Zürich rund 10'000 Menschen mit der kosovarischen Staatsangehörigkeit.
Die Schweiz hat Selimi zuvor noch nie bereist. Über Zürich sagt sie: «Die Stadt ist edel. Mir fällt kein Minuspunkt ein.» Beeindruckt zeigt sie sich vom öffentlichen Verkehr. «Am Anfang nahm ich das Auto. Ich kam überall zu spät.» Dennoch folgt die Antwort rasch und unmissverständlich auf die Frage, ob sie sich ein Leben in Pristina noch vorstellen könne. «Klar.» Ihr Mandat in Zürich dauert nach Wiener Übereinkommen vier Jahre. Die Karriere sei ihr wichtig. Der Wunsch nach einer eigenen Familie aber auch. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.12.2010, 23:09 Uhr
