Die Zutaten für den Traum vom Zürcher Silicon Valley

Sie heissen Bea Knecht und Oliver Herren, und die beiden wissen, was es braucht, damit in Zürich ein Tech-Cluster entstehen – oder eben auch scheitern kann.

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Ringier-Chef Marc Walder will Zürich zu einem Silicon Valley Europas machen. Die Limmat-Stadt quasi als attraktiver Standort für digitale Start-ups, Unternehmen und Talente. Namhafte Konzernchefs wie Patrick Warnking (Google Schweiz), Sergio Ermotti (UBS) und Urs Schaeppi (Swisscom) unterstützen die Initiative «Digital Zurich 2025». Sie wollen den Grossraum Zürich innerhalb eines Jahrzehnts zu einem industrieübergreifenden Cluster für die digitale Wirtschaft machen. Das Ziel ist hoch gegriffen – für manche der bereits in Zürich angesiedelten digitalen Unternehmen zu hoch.

«Tolle Vision, aber das wird lange dauern», sagt etwa Bea Knecht, Mitgründerin des Internetfernsehens Zattoo. Für ein solches Unterfangen brauche es eher zwanzig als zehn Jahre. Auch ein Vergleich mit dem Silicon Valley sei mit Vorsicht zu geniessen: «Das Silicon Valley hat so ein riesiges Tempo, das können wir Schweizer uns gar nicht vorstellen.» Knecht kennt die Gesetze des Silicon Valley. Sie hat selbst in Kalifornien studiert und dort gearbeitet.

Neben einem anderen Tempo hat Zürich laut Knecht auch eine andere Kultur. «Das Silicon Valley hat eine sehr integrative Kultur.» Viele Inder, Chinesen und andere Eingewanderte gründen dort ihre Start-ups – manche erfolgreich, andere nicht. «Es herrscht eine Art darwinistischer Überlebenskampf», sagt Knecht. Diese Mentalität finde man in Zürich nicht. Bei Ringier, wo der Initiant herkommt, sieht man das Silicon Valley vor allem als «Beweis dafür, wie dynamisch und schnell sich ein Cluster weiterentwickelt und welche Vorteile und Eigendynamik sich daraus ergeben».

Nicht nur Konzerne

Gegenüber den vage formulierten Zielen von Walders Initiative ist auch Digitec-Mitgründer Oliver Herren kritisch: «Man soll nicht möglichst viele grosse Unternehmen anlocken und dabei die kleinen vergessen.» Herren kennt Zürich als Nährboden für Start-ups: Mit dem Finanzdienstleister True Wealth AG hat er bereits sein zweites Unternehmen gegründet.

Für Herren hängt die Standortattraktivität direkt mit den politischen Rahmenbedingungen zusammen: Wichtig sei, dass Start-ups in Zürich ihre ersten Gewinne in Innovationen anstatt Steuern stecken können. Die grossen Player wie Google dürften keine Steuervorteile gegenüber den Start-ups haben. Denn: «Es braucht eine breite Basis mit vielen kleinen Start-ups.» Auch die grossen Unternehmen seien schliesslich vor zehn Jahren noch klein gewesen.

Google in Zürich halten

Der Grundgedanke der Initiative «Digital Zurich 2025» gefällt aber sowohl Herren wie auch Knecht. «Es ist eine grosse Chance, aber auch eine grosse Notwendigkeit.» Man müsse in den Wirtschaftsstandort Zürich investieren. Schon alleine den Konzern Google in Zürich halten zu können, bezeichnet Knecht als Erfolg. Knecht und Herren sind sich einig, dass die Stadt Zürich dank ihrer Lage und der politischen Rahmenbedingungen Potenzial hat.

Schwierig werden könnte es bei den Fachkräften: In der Schweiz seien Talente eher rar, sagt Knecht. «Wir werden angewiesen sein auf ausländische Fachkräfte.» Auch an der Mentalität der Schweizer könnte die Initiative scheitern. Digitec-Gründer Herren bezeichnet Schweizer als risikoscheu. «Obwohl die Amerikaner weniger Auffangnetze und Sicherheiten haben, sind sie zu mehr Risiko bereit.» Zudem wird laut Herren in Amerika offensiver investiert. «In der Schweiz ist es schwieriger, an Investorenkapital zu kommen.»

Laut Knecht ist das Ziel, aus Zürich ein europäisches Zentrum für die digitale Wirtschaft zu machen, noch weit weg. «Wir tauchen im Moment noch nicht mal als Punkt auf der Karte der digitalen Wirtschaftszentren auf.» London, Berlin und Tel Aviv seien im Vergleich grosse Namen in der digitalen Wirtschaft. Knecht ist überzeugt: «Wir werden kein Silicon Valley, aber ein besserer Hub für Technologie.»

Medienanfragen überraschten

Wie neu die Initiative noch ist, zeigt sich daran, dass man bis Mitte letzter Woche weder bei Zattoo noch bei Digitec davon gehört hatte. Die Initiative ist noch nicht offiziell – laut Ringier findet erst «in sechs Wochen» ein grosses Kick-off-Meeting mit dem Kern der Initiative statt. Dazu gehören neben den Wirtschaftsvertretern auch Kanton und Stadt Zürich. Dass die Information bereits jetzt an die Öffentlichkeit gelangte, überraschte gewisse Beteiligte.

Die Pressestelle von Ringier lässt auf Anfrage verlauten: «In den kommenden Monaten wird der Kreis involvierter Unternehmen und Experten kontinuierlich vergrössert werden.» Das Interesse sei aber jetzt schon gross, da sich laut Ringier die Unternehmen der Herausforderungen bewusst sind, welche die Digitalisierung mit sich bringt. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.02.2015, 11:57 Uhr

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