Alkoholiker, Sozialfall, Schläger

Von René Staubli. Aktualisiert am 03.04.2012 94 Kommentare

Drime Tenzin hat die Gabe, Frauen in seinen Bann zu ziehen, die sich nach Halt und Zuwendung sehnen. Dann zeigt er sein wahres Gesicht: Unter dem Einfluss von Alkohol schlägt er wieder und wieder zu.

«Ich überlegte, ob sie Randen gegessen hat»: Drime Tenzin.

«Ich überlegte, ob sie Randen gegessen hat»: Drime Tenzin.
Bild: TA

Zerstörte Leben: Serie in 3 Teilen

1. Tage der Gewalt
Wie Marianne Müllers* Hoffnungen in einen Albtraum mündeten. (2. April)

2. Der Schläger
Alkoholabhängig, charmant, gewalttätig: die Spuren des Drime Tenzin*. (heute)

3. Das Versagen
Die Fehler der Staatsanwaltschaft und der überforderten Therapeuten. (4. April)

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Drime Tenzin*, gebürtiger Tibeter, kommt 1966 mit seiner Familie in die Schweiz. Er ist siebenjährig und besucht die Schule im Tösstal, später in Uster. Sein zentrales Problem ist der Alkohol, dem er schon in der Lehre an der Hotelfachschule in Chur verfällt. Anschliessend arbeitet er in einem Zürcher Etablissement, wo er an der Quelle ist. Er lebt in einer Wohngemeinschaft und verliert im Lauf der Jahre wegen seiner Trunksucht verschiedene Jobs.

Als 24-Jähriger wird Tenzin 1983 wegen mehrfachen Fahrens in angetrunkenem Zustand (FiaZ) zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Vier Jahre später folgt eine weitere Verurteilung wegen FiaZ. Zu dieser Zeit ist er bereits mehrfacher Vater. Er hat ein Kind von einer Tibeterin und zwei von Esther Novak*, mit der er von 1990 bis 1993 im Glattal wohnt; sie hat ebenfalls ein Alkoholproblem.

In dieser Beziehung kommt es zu schweren Übergriffen. Sie zeigt ihn an und sagt bei der polizeilichen Befragung, er habe sie derart geschlagen, dass sie Rippenbrüche erlitten habe. Er habe sie gewürgt, mehrfach vergewaltigt, Zigaretten auf ihrem Körper ausgedrückt und ihren Kopf gegen einen Pfosten geschlagen. Das Verfahren wird eingestellt, weil Novak zusammenbricht und keine Aussagen mehr machen will.

In jener Zeit bricht Tenzin einer Wirtin mit einem Faustschlag den Kiefer, weil sie ihm ein weiteres Bier verweigert. Er erhält dafür sieben Monate Gefängnis; die Strafe wird aufgeschoben, denn er gelobt Entzug und Besserung. Die Realität sieht anders aus: Es folgen weitere Verurteilungen wegen FiaZ. Tenzin wird als 35-Jähriger zum Sozialfall: Abstürze, Kontrollverluste, Gefängnisaufenthalte. Ab 2001 findet er keinen Job mehr und hat hohe Schulden.

Verhängnisvolles Treffen

Nach einer weiteren Verurteilung wegen FiaZ im Jahr 2002 lernt er in einer Suchtklinik im Berner Oberland Judith Binder* kennen. Er hat ein Gespür für Frauen, die sich im Leben vorübergehend schlecht zurechtfinden und sich nach Halt und Zuwendung sehnen. Diese schätzen sein Einfühlungsvermögen, seinen Charme und seine Eloquenz. Die beiden verbringen viel Zeit zusammen. Tenzin beteuert, wie sehr er sie liebe.

In dieser Phase wird er von einer Therapeutin der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme betreut. Im August 2003 entwendet er deren Auto, macht mit Judith Binder eine Spritztour und wird mit 2,54 Promille am Steuer erwischt. Eineinhalb Monate später leistet er sich dieselbe Einlage noch einmal. So gibt er es jedenfalls später vor dem Geschworenengericht zu Protokoll; die Therapeutin stellt heute die Entwendung des Fahrzeugs in Abrede.

Nach einer Verurteilung wegen FiaZ am 30. Juni 2004 bleibt dem inzwischen 45-Jährigen das Gefängnis erneut erspart. In seinem Urteil begründet der Richter die Milde so: «Der Angeklagte hat glaubhaft dargetan, dass er gewillt ist, einen neuen, ernsthaften Versuch zu unternehmen, seinem gravierenden Alkoholproblem beizukommen. Sein Ziel ist es, völlig abstinent zu leben.» Der Richter verfügt, Tenzin müsse zur Entziehungskur in die Forel-Klinik in Ellikon an der Thur.

Wenn er trinkt, tut er es exzessiv, am liebsten in der Nacht: 6 bis 7 Liter Bier, dazu Whisky und Wein. Judith Binder, geschiedene Mutter eines Kindes, trinkt ebenfalls. Auch in dieser Beziehung ist Gewalt allgegenwärtig. Aktenkundig sind auch perverse sexuelle Praktiken, die er seiner Partnerin aufnötigt. Judith Binders Mutter sagt später vor dem Geschworenengericht aus, ihre Tochter sei dauernd von oben bis unten «verschlagen» gewesen, habe am ganzen Körper Blutergüsse gehabt, verdrehte Finger und Füsse, er habe ihr die Haare ausgerissen und ihr Brandwunden zugefügt, einmal habe er ihr eine Brust dermassen «umgedreht, dass sie schwarz war». Sie habe ihrer Tochter gesagt, das sei doch unerträglich, sie müsse weg von diesem Mann. «Ich weiss, Mama», habe diese geantwortet, «aber er bedroht mich. Wenn ich ihn verlasse, bringt er mich um oder tut meinem Kind etwas an.»

«Du bist Dreck!»

Mit Judith Binder steigt Tenzin gerne in guten Hotels ab. Das Geld, insgesamt 50 000 Franken, entwendet er seinem Vater. Es gibt dauernd Beschwerden von anderen Gästen über Lärm und Streit. Anderntags finden Angestellte Blutspuren an den Wänden und auf den Teppichen, ausgerissene Haarbüschel auf den Betten, leere Flaschen, Erbrochenes. Rezeptionisten sehen die Frau mit zerschlagenem Gesicht durch die Lobby gehen. In einem Luzerner Hotel uriniert er im Flur auf sie, worauf Gäste die Polizei alarmieren. Andernorts hört ein Zeuge, wie er seine Gefährtin mit kalter Wut beschimpft: «Du bist Dreck!»

Am 4. September 2004 rücken Zürcher Kantonspolizisten aus, weil Hotelgäste Alarm geschlagen haben. Bei der Zimmerkontrolle stellen sie fest, dass Judith Binder mit nacktem Oberkörper auf dem Bett sitzt, Tenzin daneben. Die Frau blutet aus der Nase. Tenzin sagt, die Polizei solle nicht so viel Aufhebens machen, er sei schliesslich ein unbescholtener Bürger. Es handle sich lediglich um eine kleine Auseinandersetzung. Die Polizisten finden in ihrem Melde- und Erfassungssystem Polis 20 Einträge.

Sie versuchen die Frau davon zu überzeugen, nach Hause zu fahren. Diese habe zunächst eingewilligt und sich zurechtgemacht, heisst es im Protokoll. Als sie im Spiegel ihre Verletzungen gesehen habe und ihr beim Kämmen ganze Haarbüschel ausgefallen seien, habe sie bitter geweint. Der Mann habe sie beim Arm genommen und gesagt, dass er sie liebe. Da habe sie sich plötzlich umentschieden. Ein Polizist sagt als Zeuge: «Sie hatte wahnsinnige Angst vor diesem Mann, wollte aber bei ihm bleiben. Sie wollte auch keine Anzeige machen.» Damals sei das noch ein Antragsdelikt gewesen; da habe man nichts machen können. Bei der polizeilichen Überprüfung von 60 Übernachtungen stellt sich später heraus, dass es in 14 Hotels «spezielle Vorkommnisse» gegeben hat: in Zürich, Lachen, Wädenswil, Luzern, Uster, Olten, Pfäffikon, Winterthur – überall Blut, Exzesse und Reklamationen.

Neben der Toten geschlafen

Nur einen Monat nach der letzten polizeilichen Intervention, in der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober 2004, stirbt Judith Binder in einem Hotel am Zürcher Limmatquai. Die Obduktion ergibt zahllose frische Hautunterblutungen und Abschürfungen an Brüsten, Genitalien, Oberschenkeln, Hals sowie eine Rippenfraktur als Folge multipler, stumpfer Gewalteinwirkung. Die Todesursache ist akutes Herz-Kreislauf-Versagen, hervorgerufen durch starke innere Blutungen als Folge eines Milzrisses. Tenzin, der neben der Toten geschlafen hat, wird am nächsten Morgen verhaftet.

Nach 3 ½ Monaten entlässt ihn die Staatsanwaltschaft aus der Untersuchungshaft. Sie sieht keine Wiederholungsgefahr. Ab Herbst 2005 lebt der Täter in einer Einzimmerwohnung im Kreis 6. Im März 2006 besucht ihn dort Eva Widmer*, damals 36. Er hat sie bei seinem ersten Aufenthalt in der Forel-Klinik kennen gelernt. Als sie die Wohnung verlassen will, schlägt er sie mit Fäusten brutal am ganzen Körper. Laut Anklageschrift stösst er sie anschliessend aufs Sofa und drückt ihr ein Kissen aufs Gesicht, um sie zu ersticken. Er lässt erst von ihr ab, als sie sich tot stellt. Anschliessend gelingt ihr die Flucht. Zwei Monate später, im Mai 2006, erhält er für FiaZ wieder keine Gefängnisstrafe, sondern kommt für einen weiteren Alkoholentzug in die Forel-Klinik. Dort lernt er Marianne Müller* kennen, sein nächstes Opfer.

«Alles nicht gewollt»

Ende Juni 2007 weiss Tenzin, dass er wegen vorsätzlicher Tötung von Judith Binder angeklagt wird. Er weiss, dass ihn Esther Novak, die Mutter seiner Kinder, mit ihren Aussagen schwer belastet hat. Die um ein Haar tödliche Attacke auf Eva Widmer liegt gerade ein Jahr zurück. Und nun sagt ihm Marianne Müller in seiner Wohnung, dass sie ihn verlassen will. Es kommt zum Streit, sie will weg, er lässt sie nicht gehen und rastet aus. Nach fünftägiger Tortur kommt sie schwer verletzt mit dem Leben davon.

Zwei Wochen nach der Tat erhält sie von ihm einen Brief aus dem Gefängnis. Die Anrede lautet «Hallo mein Schatz». Er schreibt: «Ich sitze hier allein in der Zelle und kann nicht einmal weinen. Ich kann mich auch nicht in Worten ausdrücken, was ist uns passiert? Was ist genau los? Wie nur konnte uns so geschehen? Bin ich in einem Film»? Der Brief erfüllt sie mit Abscheu, insbesondere der Schluss: «Nur du hast in meinem Kopf und in meinem Herzen den Platz eingenommen. Ich wünschte, ich wäre bei dir und es ginge.»

An der Gerichtsverhandlung, die Ende 2007 stattfindet, sagt Tenzin vor den Geschworenen, er wisse weder bei Judith noch bei Marianne, was passiert sei. Er habe unter dem Alkoholeinfluss einen Filmriss erlitten und das alles nicht gewollt. Er sei am Morgen neben Judith aufgewacht und habe sie an sich ziehen wollen, um zu kuscheln; da habe sie sich nicht mehr bewegt. Bei Marianne, so sagt er, habe er beinahe das Spital angerufen, «als ich sah, dass sie rot erbricht. Ich dachte noch, es sei vielleicht Rotwein. Ich überlegte auch, ob sie Randen gegessen hat. Ich habe nicht einmal gedacht, dass es von meinen Schlägen sein könnte.»

* Namen geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2012, 07:35 Uhr

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94 Kommentare

Heinz Binggeli

03.04.2012, 08:27 Uhr
Melden 364 Empfehlung 0

Wenn diese Geschichte stimmt dann bin ich der Meinung das einige Therapeuten und Beamte auch zur Rechenschaft gezogen werden sollten!
Ein solches Monster gehört verwart.
Antworten


Philipp Rittermann

03.04.2012, 07:44 Uhr
Melden 341 Empfehlung 0

die chronologie dieses abscheulichen täters widerspiegelt so ziemlich alle gravierenden lücken in unserem rechts-system; tragisch. kreaturen wie der gehören lebenslang eingesperrt oder verwahrt. Antworten