«Der beste Schutz ist auch jetzt noch, sich zu impfen»

Die Grippe ist früh da. Der Experte Christoph Berger sagt, wann man zum Arzt gehen soll.

Eine Praxisassistentin bereitet eine Grippeimpfung vor. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Eine Praxisassistentin bereitet eine Grippeimpfung vor. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Die Nase läuft, es kratzt im Hals, der Kopf schmerzt. Ist das der Anfang der Grippe?
Das kann, muss aber nicht sein. Zurzeit sind viele Menschen auch einfach erkältet. Wer die Grippe hat, hat in der Regel Fieber – 38 Grad oder mehr. Man fühlt sich richtig krank. Aber Tatsache ist, dass die Grippewelle bei uns im Kanton Zürich eingetroffen ist und die Anzahl Erkrankter steigt.

Rollt die Grippewelle bei uns in Zürich nicht früher an als in anderen Jahren?
Das variiert jeweils von Jahr zu Jahr, und wir wissen nicht, was jeweils der Auslöser ist. Dieses Jahr erfolgte der Anstieg bei den Grippemeldungen tatsächlich bereits in der letzten Woche des Jahres, in den Vorjahren war dies erst in der zweiten Januarwoche der Fall.

Gibt es Bevölkerungsschichten, die besonders von der Grippe betroffen sind?
Es gibt Hinweise, dass im Moment etwas mehr kleine Kinder betroffen sind als üblich. Wir haben aber bei uns im Kinderspital noch nicht viele Hospitalisierungen. Generell ist es so, dass sich alle Menschen mit Grippe anstecken können, die Erkrankung ist aber vor allem für sehr kleine Kinder, Menschen mit chronischen Krankheiten wie zum Beispiel Asthma oder Herzkrankheiten und ältere Menschen gefährlich. Schulkinder stecken sich häufig mit Grippe an, weil sie in der Schule mit vielen anderen ­Kindern zusammenkommen.

Dann ist es ja gut, dass im Moment noch Schulferien sind.
Es kann tatsächlich sein, dass es wegen der Ferien zu etwas weniger Ansteckungen kommt.

Über die Festtage sind Notfallpraxen von Grippekranken überrannt worden. Soll man wirklich einen Arzt aufsuchen, wenn man glaubt, die Grippe zu haben?
Eine Grippe lässt sich meist ohne ärztliche Hilfe auskurieren. Zum Arzt gehen sollte man, wenn das Fieber sich nicht senken lässt und der Allgemeinzustand schlecht ist. Auch wenn der Krankheitsverlauf sich plötzlich wieder verschlechtert oder bei starkem Husten mit viel Auswurf. Und wenn Menschen mit schweren chronischen Krankheiten an Grippe erkranken, sollten sie ebenfalls einen Arzt aufsuchen.

Infografik: Grippefälle in der Schweiz Grafik vergrössern

Gibt es auch richtige Notfälle?
Bei Atemnot und wenn sich die oben ­genannten Symptome drastisch verschlechtern, ist schnelle ärztliche Hilfe notwendig. Und wenn Kleinkinder nicht mehr trinken wollen, ist das auch ein Alarmzeichen. Doch bei den meisten Menschen verläuft die Krankheit zwar unangenehm, aber ohne grössere Probleme. Und sie klingt in der Regel nach einer Woche wieder ab.

Wozu raten Sie diesen «normalen» Grippekranken?
Sie sollen am besten zu Hause bleiben und vor allem genügend trinken. Wenn der Erkrankte sich richtig unwohl fühlt, sollte man auch das Fieber senken – mit Essigwickeln oder auch mit Medikamenten, ganz so, wie es einem am besten erscheint. Das beschleunigt den Krankheitsverlauf zwar nicht, aber es entspannt die Situation zu Hause – und zwar für die Kranken und auch für die gesunden Angehörigen.

Wann sind Sie selbst das letzte Mal an der Grippe erkrankt?
Ich bin geimpft – ich hatte aber vor zwei Jahren die Grippe. Ausgerechnet in den Skiferien! Ich lag eine Woche im Bett.

Wie kann ich eine Ansteckung vermeiden?
Häufig die Hände waschen, in Papier­taschentücher schneuzen und niesen. Der beste Schutz ist aber: sofort noch impfen, wenn man das nicht ohnehin schon getan hat. Denn ist man noch nicht angesteckt, nützt die Impfung ­immer noch. Hat man sich schon angesteckt, schadet sie nicht.

Gibt es denn überhaupt noch genügend Impfstoff?
Laut Aussagen des Bundesamtes für Gesundheit gibt es derzeit noch genügend Impfstoff – und auch beim Bund heisst es, dass es immer noch Sinn ergebe, sich zu impfen. Wenden Sie sich am besten an den Hausarzt oder die Hausärztin.

Wäre es eigentlich auch sinnvoll, Kinder und Jugendliche zu impfen?
Das ist im Prinzip ein strategischer Entscheid. In der Schweiz hat man sich dazu entschieden, primär Menschen, denen die Grippe gefährlich werden könnte, zur Impfung zu raten. Damit akzeptiert man, dass die Grippe immer wieder ausbricht. Es wäre aber auch eine andere Haltung denkbar, nämlich dass man die Bevölkerung inklusive aller Kinder möglichst flächendeckend impft und so die Grippe grundsätzlich bekämpft.

Ist denn schon klar, wie gut die Grippeimpfung in dieser Saison vor einer Ansteckung schützt?
Es scheint, dass es sich um eine bereits gut bekannte Variante der Influenza A handelt. Nicht wie vor zwei Wintern, als ein Influenza-B-Stamm darunter war, mit dem die Experten nicht gerechnet hatten. Das heisst, die Chancen stehen dieses Jahr gut, dass die Impfung sehr wirkungsvoll ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2017, 22:29 Uhr

Christoph Berger ist Infektiologe am Kinderspital Zürich. Er und sein Team beraten zudem Spitäler und Ärzte bei infektiologischen Fragen.

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