Ein Haus für «Neureiche und Angeber»

Interview: Felix Schindler. Aktualisiert am 03.11.2010 11 Kommentare

Eine Immobilienfirma will eine Villa von Daniel Libeskind verkaufen. Soll man auf den, der das vermag, neidisch sein? «Zu diesem Club möchte ich nicht gehören», findet der Architekturkritiker Benedikt Loderer.

1/13 So sieht er aus, der Traum von einer Libeskind-Villa.
zvg

   

Benedikt Loderer. (Bild: Dominique Meienberg)

Eine Küsnachter Immobilienfirma will eine von 30 identischen Villen des amerikanischen Architekten Daniel Libeskind verkaufen. Gibt es in Zürich dafür einen Markt?
Kaum. Setzt man das Land mit zwei Millionen ein, so kostet das Haus fünf Millionen. Das ist zu viel für das, was man kriegt. Sehr viel Formaufwand für recht wenig Wohnung. Darüber hinaus ist es ein vorfabrizierter Entwurf, ab der exklusiven Stange, aber kein Massanzug. Die Libeskind-Villa ist ein grosses Sammlerobjekt, das Prestige bringen soll. Man wohnt in einem kunstgewerblichen Gegenstand wie in einem teuren Bild. Damit es zur Geltung kommt, braucht es viel Platz, was bei den Zürcher Landpreisen ins Tuch geht. Wo findet man ein ebenes, geeignetes Grundstück überhaupt? Mir fällt auf: Da fehlt die Garage. Und was ist mit dem Pool bei dieser Preisklasse? Wenn ich so viel Geld ausgeben will, lasse ich mir von einem jungen, wilden Architekten einen Massanzug bauen.

Daniel Libeskind bietet trotzdem ein exklusives Einfamilienhaus. Sollte man es kaufen, wenn man es sich leisten kann? Oder anders gefragt: Sollte man neidisch sein, wenn man es nicht vermag?
Es ist ein Hüsli mehr, wenn auch ein sehr besonderes. Grundsätzlich ist das Einfamilienhaus die volkswirtschaftlich schlechteste Form des Wohnens. Es verbraucht zu viel Land, verlangt zu viel Infrastruktur, verursacht zu viel Verkehr. Das Hüsli ist die Krankheit des Landes.

Was halten Sie von der Formensprache der Villa? Passt das zu Zürich?
Es ist zackig, aber banal. Eine amerikanische Superbrosche. Der Formentumult ist der simplen Bauaufgabe Einfamilienhaus überhaupt nicht angemessen. Man zahlt für das optische Getöse. Ich halte es für schlechten Geschmack, mit einem Haus so laut zu schreien.

Das Haus ist im Grunde ein Fertighaus. Wer es kauft, muss damit leben, dass es noch 29 gleiche Häuser auf der Welt gibt. Ist das den Preis wert?
Ich gehöre damit einem sehr exklusiven Club an. Allerdings sind da vermutlich Leute versammelt, zu denen ich nicht gezählt werden möchte. Neureiche und Angeber. Ich bleibe in der Bieler Altstadt sitzen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.11.2010, 12:52 Uhr

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11 Kommentare

Benjamin Streller

03.11.2010, 15:44 Uhr
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Es ist immer wieder eine Freude, Benedikt Loderers pointierte Meinung zu lesen. Danke auch für die gestrige Provokation des Hauseigentümerverbands - ein Lesevergnügen sondergleichen. Antworten


Alfred Cavelti

03.11.2010, 14:58 Uhr
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Ich ziehe die Neureichen und Angeber den "Altreichen" vor, die ihre Gelder meistens über Generationen geerbt und gehortet haben, ohne persönlich je eine Leistung erbracht zu haben. Die vornehme Zurückhaltung der Altreichen ist ebenso snobbish wie die Angeberei von Neureichen. Im übrigen: mir gefällt das Haus. Antworten