«Die Zeit für Kompromisse ist vorbei»

Bettina Stefanini erklärt, wieso die Verhandlungen um die Neubesetzung des Stiftungsrats der Kunststiftung ihres Vaters Bruno Stefanini scheiterten.

«Praktisch alle unsere Kandidaten wurden angezweifelt und bemängelt», sagt Bettina Stefanini. Foto: Reto Oeschger

«Praktisch alle unsere Kandidaten wurden angezweifelt und bemängelt», sagt Bettina Stefanini. Foto: Reto Oeschger

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Sie haben sich mit dem Stiftungsrat nicht einigen können. Warum nicht?
Bei der Sitzung mit der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht haben wir klare Ab­machungen getroffen: Zwei amtierende Stiftungsräte, Dora Bösiger und Umit Stamm, sowie zwei Familienangehörige sollen in Zukunft im Stiftungsrat sitzen. Dazu kämen noch drei externe Experten. Letzte Woche haben wir uns erneut getroffen, wobei die Verhandlungen über drei Stunden dauerten. Dabei erhielt ich wieder den Eindruck, als werde eine Verzögerungstaktik angewandt. Praktisch alle unsere Kandidaten wurden angezweifelt und bemängelt.

Was führte zum Scheitern?
Ein wunder Punkt schien zu sein, dass ich eine Eingangsbilanz wünschte, also eine Auflistung der Sammlungsobjekte, die vor und nach der Errichtung der Stiftung angeschafft wurden. Diese Bilanz hätte von einem Treuhandunternehmen erstellt werden sollen, das von der Stiftung und den Stefanini-Unternehmen unabhängig ist. Auch hielt ich eine Inventarliste für wünschenswert, aus der hervorgeht, was zur Stiftung gehört und was in Privatbesitz ist.

Wie reagierte der Stiftungsrat?
Er hat sich nicht konkret dazu geäussert. Ein Unbehagen war jedoch deutlich spürbar.

Haben Sie die Jahresrechnungen der Stiftung anschauen können?
Nein. Sie werden vom Stiftungsrat vor der Stiftungsaufsicht als Beweismittel aufgeführt. Allein schon deswegen haben unsere Anwälte immer wieder Einsicht in die Jahresberichte verlangt, die sie aber bis heute nicht erhalten haben.

Hat der Stiftungsrat etwas zu verbergen?
Das kann ich nicht sagen. Klar ist, dass Stiftungsräte für den Zustand der Sammlungen und ihre Tätigkeit beziehungsweise Unterlassungen haftbar sind. Sie haften sogar mit ihrem Privatvermögen, wenn sie falsche Entscheide treffen und der Stiftung daraus ein Schaden erwächst. Deshalb sind alle Unterlagen, die Auskunft über das Stiftungsgut und die Handlungen des Stiftungsrats geben, sehr wichtig. Dieses Thema wurde an der letzten Sitzung am Donnerstag noch einmal angesprochen.

Haben Sie weitere Forderungen gestellt?
Ja. Ich habe gefordert, dass ich zusammen mit einem Immobilienexperten in die Verwaltungsräte der Firmen meines Vaters aufgenommen werde. Vielleicht war dies der Grund für die plötzliche Kehrtwende der Gegenseite.

Was versprechen Sie sich davon?
Meines Erachtens sollte ein Stiftungsratsmitglied grundsätzlich in den Verwaltungsräten vertreten sein, denn dort werden die Strategien der Unternehmen festgelegt. Zurzeit bestehen die Verwaltungsräte der Stefanini-Firmen praktisch nur aus Markus Brunner und Stamm.

Wieso haben Sie nichts dagegen, dass Umit Stamm und Dora Bösiger im Stiftungsrat verbleiben, obwohl beide für die Statutenänderung gestimmt haben, mit der Sie und Ihr Bruder ausgebootet werden sollen?
Man muss Kompromisse eingehen können.

Dora Bösiger müsste eigentlich allein schon wegen ihres hohen Alters ersetzt werden.
Das Argument ist verständlich. Sie steht jedoch meinem Vater seit fünfzig Jahren sehr nahe, und ihr Wissen über die Unternehmen und die Sammlung ist überaus nützlich. Schliesslich ist sie seit der Gründung der Stiftung dabei. Bei vielen Sammlungsstücken dürfte nur sie wissen, wo sie gelagert sind und was früher mit ihnen passiert ist. Dieses Wissen sollte sich die Stiftung so lange wie möglich bewahren.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Bösiger?
Sie kennt mich seit meiner Geburt und ist sogar mein Gotti. Auch in den letzten Wochen haben wir uns ab und zu getroffen und miteinander geredet. Wir sind uns wieder etwas näher als in diesem Sommer.

Die Gegenseite hat drei externe Kandidaten für den Stiftungsrat nominiert: Matthias Frehner, Direktor des Kunstmuseums Bern, Fridolin Störi, früherer Bauchef der Stadt Winterthur, und Patrick Cotting, Berater. Sie lehnen diese ebenfalls ab?
Den Namen von Patrick Cotting hatten wir am Mittwochabend nach 21 Uhr zum ersten Mal gehört – wenige Stunden, bevor sich die Stiftung an die Presse wandte. Es gab überhaupt keine Zeit, sich über ihn zu informieren. Als wir die Gespräche am 30. Oktober beendeten, standen zusätzlich zu den vier bereits gesetzten Stiftungsräten zwei konkrete Varianten für die verbleibenden drei Mandate zur Auswahl – dies, nachdem drei Vorschläge ausgesprochen distinguierter Experten bereits kategorisch abgelehnt worden waren. Uns war bei der Zusammensetzung auch wichtig, einen Sachverständigen für die historischen Güter wie Skulpturen, Waffen und Bücher zu haben, deren Anteil in den Sammlungen mehr als zehnmal so gross ist wie derjenige der Gemälde.

Auch Ihr Bruder wurde abgelehnt. Pochen Sie auf seine Wahl?
Ganz klar. Das wurde auch bereits in Bern im Beisein der Aufsichtsbehörde so abgemacht. Mein Bruder kennt sich hervorragend mit der Sammlung aus; er ­arbeitet seit elf Jahren dafür. Und er ist schliesslich der Sohn von Bruno Stefanini. Darüber kann man nicht einfach hinweggehen.

Ihre Beschwerde gegen die Änderung der Stiftungsurkunde ist bei der Stiftungsaufsicht in Bern sistiert. Werden Sie das rückgängig machen?
Nein, denn der Antrag auf Urkunden­änderung ist ja ebenfalls sistiert. Wir können ja keine Beschwerde gegen einen Vorgang einreichen, den es gar nicht gibt.

Ihr Vater ist immer noch im ­Stiftungsrat, obwohl er als nicht mehr urteilsfähig gilt. Wissen Sie, ob sein Austritt vorbereitet wird?
Das müssen Sie die aktuellen Stiftungsräte fragen. Diese haben ihre Behauptung nie zurückgezogen, dass es meinem Vater eigentlich gut ginge. Mein Vater hat aber in den Verhandlungen um die Neubesetzung des Stiftungsrats nie mehr eine Rolle gespielt, auch die aktuellen Stiftungsräte haben in den Gesprächen nie einen Vorbehalt gemacht. Daraus schliesse ich, dass er allseitig nicht mehr als urteilsfähig betrachtet wird.

Was werden Sie jetzt tun?
Mein Bruder und ich haben zusammen drei Anwälte mandatiert, alle Möglichkeiten des Rechtswegs auszuschöpfen. In Zeitungsinterviews haben ja bereits verschiedene Experten für Stiftungsrecht darauf hingewiesen, dass die Stiftungsräte in einem zivilgerichtlichen Verfahren mit ihrem gesamten Privatvermögen für Schäden am Stiftungsgut haften. Ausserdem möchten wir die Frage geklärt haben, wessen Interessen die Anwälte der Gegenseite, Christoph Degen und Roman Baumann Lorant von der Dufour-Advokatur in Basel, eigentlich vertreten. Zurzeit ist nicht klar, ob sie die Interessen der Stiftung oder die Privatinteressen von Markus Brunner vertreten. Insofern halten wir die Anwälte für befangen und drängen auf Austausch.

Ist ein Kompromiss im Sinne einer Mischung von alter und neuer Mannschaft jetzt noch sinnvoll?
Wir beabsichtigen einen kompletten Neuanfang. Die Zeit, über Kompromisse zu sprechen, ist vorbei. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 20:22 Uhr

Der Fall Stefanini

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Im Streit zwischen dem Stiftungsrat der Kunstsammlung des Winterthurer Unternehmers Bruno Stefanini und seinen Kindern Bettina und Vital zeichnete sich kurzzeitig eine Aussöhnung an, die sich am vergangenen Mittwoch jedoch wieder zerschlug. Der Stiftungsrat lehnte die von Bettina Stefanini vorgeschlagenen Personen für die Neubesetzung mit einer Ausnahme ab. Auch ihr Bruder erhielt eine Absage. Die Kinder des Sammlers wollen ihre Rechte auf dem Gerichtsweg durchsetzen. Die Winterthurer Kunststiftung verfügt über rund 100 000 Objekte von historischem und kulturellem Wert. Die Sammlung von Schweizer Kunst gehört zu den wichtigsten im Land. Der Wert der Stiftung wird auf eine Milliarde Franken geschätzt. Der 90-jährige Bruno Stefanini soll an Demenz erkrankt sein. Seine Tochter Bettina ist promovierte Naturwissenschaftlerin und arbeitet an einer Universität in Irland. (TA)

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