Widerstand gegen «klotzig städtisches» Bauen

Alter Herrliberger Adel baut zonenkonform. Dennoch sind die Nachbarn verärgert. Sie laufen Sturm gegen das Vorhaben in der Holzwies.

Wer kennt solche Geschichten nicht: Da hat man vor Jahren ein hübsches Häuschen mit Weit-, vielleicht sogar Seesicht gekauft und eines elenden Tages recken sich vor der eigenen Nase Baugespanne gegen den Himmel. Die Metallstangen lassen erahnen, was einem blüht. Jüngstes Beispiel dieser so typischen Goldküstengeschichte: das Areal Holzwies in Herrliberg.

Die Holzwies ist im Besitz einer alteingesessenen Herrliberger Familie: Die Bauerntöchter Louise Burkhardt-Weinmann und ihre Schwester Anna Götschi-Weinmann haben das fast 8000 Quadratmeter grosse Areal von den Eltern geerbt und wollen es jetzt, nachdem die Erbteilung glücklich über die Bühne gebracht worden ist, überbauen. Auf den beiden Bauarealen sind vier Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 34 Wohnungen geplant.

«Erschreckend wuchtig»

Louise Burkhardt-Weinmann lässt ihre beiden Häuser von einem in Ausserschwyz domizilierten Generalunternehmer planen und realisieren. Eines ihrer beiden Häuser will sie nach Bauende verkaufen, das andere vermieten. «Das ist ein Zustupf an meine AHV», erklärt sie auf Anfrage. Ihre Schwester Anna, die selber realisieren will, plant ausschliesslich Mietwohnungen. «Und wenn ich keine Mieter finde, dann werde ich halt verkaufen», sagt sie.

Die auf der Holzwies geplanten dreigeschossigen Bauten mit aufgesetztem Attikageschoss haben die Nachbarschaft in Aufruhr gebracht. Mit der See- und Bergsicht dürfte es bald vorbei sein. Anwohnerin Clarita Kunz erklärt: «Die Wucht dieser Überbauung ist erschreckend. Nachdem unlängst ein angrenzendes Grundstück relativ schonend überbaut worden war, haben wir nicht mit so etwas gerechnet.»

Bittschrift an Gemeinderat

Clarita Kunz und ihr Mann haben mobilgemacht. Sie haben kürzlich 2850 Herrliberger Haushalte mit einer Petition bedient. Darin wird das benachbarte Bauvorhaben als «klotzig» und «städtisch» und als «nicht ins Ortsbild passend» gegeisselt. Das Bauvorhaben der Schwestern werde sämtliche Häuser der Nachbarschaft überragen, sagt Kunz.

In dem Bittschreiben an den Gemeinderat verlangen das Ehepaar und verschiedene Mitstreiter aus dem Quartier, dass die Holzwies-Überbauung «im Interesse eines ästhetischen Dorfbilds» so geändert wird, dass sie sich besser in die Umgebung einfügt, damit die Wohnqualität «für möglichst viele Herrlibergerinnen und Herrliberger erhalten bleibt».

Grünräume bewahren

Der Rücklauf der Petitionsbogen lässt sich sehen. Bis gestern Donnerstag kamen gemäss Clarita Kunz 410 Unterschriften zusammen. Deshalb ist sie davon überzeugt, dass viele Dorfbewohner langsam genug haben vom sogenannten verdichteten Bauen. «In Herrliberg verschwinden die Grünräume in den Wohnquartieren langsam, aber stetig», erklärt sie dazu.

Wie gross ist die Chance, dass die Herrliberger Baubehörde eine Redimensionierung des Bauvorhabens auf der Holzwies veranlasst? «Sehr gering», hält Bausekretär Reto Studer fest. Die Bauten seien zonen- und reglementskonform. Es gebe keinen Grund für nachträgliche Änderungen. Auch die in der Herrliberger Bauordnung verlangte «gute Einordnung» und «hohe gestalterische Qualität» hält der Bausekretär für gegeben. Studer: «Die Holzwies liegt seit 1968 in jener Wohnzone mit der höchsten Ausnützungsmöglichkeit. An den bisherigen zwei Planungsrunden wurden Gegner der Zonierung von der Gemeindeversammlung überstimmt.»

Keine Rekurse eingegangen

Noch besteht für die Anwohner eine – allerdings minimale — Chance, bei wenigstens zwei der geplanten vier Häuser Korrekturen durchzusetzen. Während das Baukonsortium Holzwies, das Louise Burkhardt-Weinmanns Erbe überbaut, bereits eine Baubewilligung in der Tasche hat, steht für Anna Götschi-Weinmanns Bauvorhaben die Bewilligung noch aus. Laut Studer soll die Bewilligung noch diesen Monat erteilt werden. Neun Parteien aus der Nachbarschaft haben rechtzeitig den Bauentscheid verlangt. Damit halten sie sich die Möglichkeit zum Rekurs offen. Ob davon Gebrauch gemacht wird, ist ebenfalls offen. Das Ehepaar Kunz selbst wird jedenfalls nicht rekurrieren.

Gegen das bereits bewilligte Projekt von Louise Burkhardt-Weinmann sind keine Einsprachen eingegangen. Die Anwälte der Anwohner sind zur Überzeugung gelangt, dass sie chancenlos wären. Clarita Kunz bedauert heute, auf die Juristen gehört zu haben. Das Baukonsortium Holzwies wartet derweil auf die Baufreigabe. «Sobald diese auf dem Tisch liegt, legen wir los», sagt Louise Burkhardt-Weinmann.

Mehr Nachrichten und Hintergründe vom rechten Seeufer gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an staefa@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2010, 22:41 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.