Fussball wäre ihm zu langweilig

Aktualisiert am 08.06.2011

Der 16-jährige Jeremy Seewer gehört in der Schweiz bereits zu den besten Motocross-Fahrern. Doch auch international hat der Zürcher schon für Furore gesorgt.

Von René Hauri, Bülach

Ruhig sitzt Jeremy Seewer am Tisch auf der Holzbank im grosszügigen Wohnraum des Elternhauses. Er füllt sein Glas mit Limonade, lehnt sich zurück, zupft an seiner Mütze, nimmt einen Schluck. Soeben ist er von der Piste zurückgekehrt, wo er für den Fotografen posierte. Diese liegt gleich vor dem Haus, in die Hauptstrasse von Rorbas nach Glattfelden eingebettet, die dort eine starke Kurve macht. Nachbarn, die sich am Motorenlärm stören könnten, gibt es nicht.

Seewer hat die Strecke zusammen mit seinem Bruder gebaut. Die zehn Hügel haben sie mit einem Bagger angehäuft. «Es ist eine Supercross-Piste, wie die bei den Indoor-Rennen. Also eher kleiner, dafür mit mehr Sprüngen im Vergleich zu einer Motocross-Strecke», erklärt Seewer. «Ende 2010 haben wir mit dem Bau begonnen. Bald sollte sie fertig sein», ergänzt er. Und er wirkt dabei erstaunlich abgeklärt, besonnen. Ins Stocken gerät er bei seinen Erzählungen nie. Die Antworten gibt er routiniert.Genauso souverän tritt der erst 16-jährige Jeremy Seewer auf der Piste auf. In der Motocross-Schweizer-Meisterschaft ist er mit Abstand der jüngste Fahrer. Den Respekt der Konkurrenz hat er sich aber bereits erarbeitet. In den bisherigen sechs Läufen der Saison fiel er fast immer durch bestechende Konstanz auf: In Payerne fuhr er mit seiner Suzuki RM-Z 250 cm3 auf die Ränge 4 und 6, in Frauenfeld auf Platz 4, das zweite Rennen musste er aufgeben, in Braunau wurde er Fünfter und Sechster. Rund 40 Fahrer sind in der Kategorie Inter 125 jeweils am Start. Umso bemerkenswerter sind die Resultate des Youngsters aus Bülach.

3. Rang vor 8500 Zuschauern

Auch an den Wettkämpfen in Muri AG am Wochenende will er mit Spitzenplätzen glänzen. Allerdings sagt Seewer: «Das Gesamtklassement spielt für mich keine Rolle.» Diese Aussage fusst nicht etwa auf mangelnden Ambitionen. Im Gegenteil: Weil der Zürcher nicht nur auf nationalen, sondern auch auf internationalen Pisten unterwegs ist, kommt es zu Terminkollisionen, weshalb er zwei Rennwochenenden auslassen muss.

Mit seiner 125er-Suzuki bestreitet er EM-Läufe, mit der 250er auch die ADAC-MX-Masters in Deutschland. Und in dieser Serie, die in Europa hohes Ansehen geniesst und für Nachwuchsfahrer die Möglichkeit bietet, sich einem grossen Publikum zu präsentieren, feierte Seewer am vergangenen Wochenende einen seiner wichtigsten Erfolge. Auf der Freisinger Bahn in Bayern fuhr er vor 8500 Zuschauern als Dritter erstmals aufs Podest. Doch lange hält sich der Zürcher nicht mit diesem Exploit auf. Viel lieber schaut er in die Zukunft, auf die Junioren-WM im September in Italien, oder erzählt von seinen Träumen, einmal in den USA zu starten, wo «es unglaublich viele Pisten gibt, die Fahrer schneller und einfach alles extremer ist». Um bei einem solchen Wettkampf eines Tages dabei zu sein, investiert Seewer viel.

Rund 25 Rennen in diesem Jahr

Während der Saison trainiert er wöchentlich zweimal Kraft, Kondition und Ausdauer, absolviert mindestens eine Einheit auf einer Bahn in der Region und bestreitet am Wochenende Rennen – rund 25 sind es alleine in diesem Jahr. Zeit, um sich ausreichend um seine Polymechaniker-Lehre zu kümmern, habe er dennoch genug. Der Arbeitgeber sei sehr kulant. «Er hat schon einige Sportler ausgebildet. Klotens Assistenztrainer Felix Hollenstein beispielsweise», sagt Seewer.

Auf die Unterstützung des Unternehmens muss er auch zählen können. Denn mit seinen Eltern, die bei jedem seiner Auftritte mit dem Wohnmobil dabei sind, legt er im Jahr etwa 50 000 Kilometer zurück. Fast ganz Europa hat er so schon gesehen, selbst in Neuseeland ist der zweifache Junioren-Schweizer-Meister vor zwei Jahren gestartet. Die Reisen und «die immer neuen Herausforderungen» machen für den jungen Zürcher den Reiz der Sportart aus. Eine andere hat er nie ausprobiert. «Mit etwas Normalem wie Fussball habe ich mich gar nicht erst beschäftigt», sagt Seewer, der 6-jährig erstmals auf eine Motocross-Maschine stieg. «Ich war sofort begeistert.» Dank seinem Vater René Seewer, einst erfolgreicher Solo- und Quadfahrer, hat der Junior zum Sport gefunden – und er wird ihm treu bleiben. Da ist er sich sicher. Und am Ende des Gesprächs fügt er noch einen Satz an, der so ganz typisch für sein abgeklärtes Verhalten ist: «Ich möchte noch meinen Sponsoren danken, ohne die das nicht möglich wäre.»

Auf dem Weg nach oben: Jeremy Seewer fühlt sich auf seiner Motocross-Maschine am wohlsten. Foto: Dominique Meienberg

Erstellt: 08.06.2011, 20:20 Uhr