Roche kauft Firma mit Grossverdiener
Von Andreas Möckli
Derzeit dreht sich bei Roche fast alles um die Firma Illumina. Vergangene Woche gab der Basler Pharmakonzern bekannt, den US-Gentechnik-Spezialisten für 5,7 Milliarden Dollar übernehmen zu wollen. Bislang haben sich die Amerikaner geweigert, mit Roche über eine Kaufvereinbarung zu sprechen. Eine Stellungnahme zur Offerte will das Unternehmen in den nächsten Tagen abgeben. Das von Illumina kürzlich angekündigte Abwehrdispositiv, das für Roche letztlich zu einem höheren Kaufpreis führen würde, deutet klar darauf hin, dass die Firma das Angebot als ungenügend erachtet.
Letztlich sind sich die meisten Marktbeobachter einig, dass Roche den Preis erhöhen wird und sich der Konflikt zwischen den Firmen in Minne auflösen wird. Während für die Aktionäre ein höherer Preis entscheidend ist, gibt es für das Management von Illumina weitere Gründe, sich gegen die Übernahme zu wehren. Dieses dürfte unter dem Dach von Roche längst nicht mehr so viel verdienen wie jetzt – zumindest nicht, wenn das heutige Vergütungssystem des Pharmakonzerns Bestand hat (siehe rechts). So verdiente der Illumina-Chef Jay T. Flatley 2010 rund 6,6 Millionen Dollar. Dies ist mehr, als ein Konzernleitungsmitglied bei Roche im Durchschnitt verdient. Allerdings wird Flatley bei einer Übernahme kaum in die oberste Chefetage aufsteigen, da Illumina innerhalb von Roche zunächst eine verhältnismässig kleine Rolle spielen wird.
Übernimmt Roche die US-Firma, kommt für das Management von Illumina eine Kontrollwechselklausel zur Anwendung. Gemäss den Unterlagen des Unternehmens erhielte das Management eine Bargeldabfindung in der Höhe von 5,3 Millionen Dollar, 3 Millionen gingen allein an Flatley. Der weitaus grössere Teil der Abfindung besteht aus Aktien und Optionen, deren Sperrfrist bei der Anwendung der Klausel hinfällig würde. Basierend auf Zahlen des 31. Dezembers 2010, dem Stichtag für den Jahresbericht, hatten die Aktien und Optionen des Managements einen Wert von rund 49 Millionen Dollar, davon macht Flatleys Paket allein über 22 Millionen Dollar aus. Die Aktien und Optionen wurden in den vergangenen Jahren zugeteilt, es handelt sich also nicht um eine zusätzliche Zahlung.
Die Kontrollwechselklausel gilt nur, wenn die Manager innerhalb von zwei Jahren nach der Übernahme entlassen werden oder selber aus «gutem Grund» kündigen. Dies wäre etwa dann möglich, wenn der Lohn eines Managers gekürzt oder er ohne sein Einverständnis mehr als 35 Meilen von seinem bisherigen Arbeitsplatz versetzt würde, wie der Zürcher Rechtsanwalt Bernhard Schmid auf Anfrage des TA erklärt.
Die ganze Palette anbieten
Roche-Chef Severin Schwan unterstrich an der gestrigen Bilanzmedienkonferenz in Basel die strategische Bedeutung der geplanten Übernahme für sein Unternehmen. Für Roche sei es zentral, die ganze Palette an diagnostischen Tests anzubieten. Mit Illumina käme die weltweit führende Firma in der Aufschlüsselung des menschlichen Genoms hinzu. Zusammen würden die beiden Firmen den Markt für Gensequenzierung und hochstehende Labordiagnostik dominieren. Nur weil Roche bereits in den vergangenen Jahren die ganze Palette an Tests angeboten habe, sei dieser Geschäftsbereich in den letzten Jahren schneller als der Markt gewachsen.
Kurzfristig beabsichtigt Roche dank der weltweiten Präsenz die Produkte von Illumina auf neuen Märkten zu lancieren. Gleichzeitig sollen kleinere Labors als Kunden gewonnen werden. Heute wird die Technologie in einigen wenigen grossen Forschungslabors eingesetzt, die auf Gen-Sequenzierung spezialisiert sind. Langfristig sollen die Produkte dann verbreitet in Spitälern eingesetzt werden. Schwan sprach von einem Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren.
Das Jahresergebnis ist vor allem vom starken Franken, tieferen Medikamentenpreisen und geringeren Umsätzen einzelner Produkte geprägt. Zu den betroffenen Medikamenten gehören etwa das Grippemittel Tamiflu oder das Krebspräparat Avastin. Für das laufende Jahr ist Roche zuversichtlicher. Im Unterschied zu anderen Pharmakonzernen ist das Unternehmen nur in geringem Ausmass von auslaufenden Patenten betroffen. Allerdings wachsen auch bei Roche die Bäume nicht in den Himmel: Für 2012 wird mit einem Wachstum im tiefen bis mittleren einstelligen Prozentbereich in Lokalwährungen gerechnet.
Erstellt: 07.02.2012, 06:26 Uhr
