Pucks und Paragrafen

Aktualisiert am 07.02.2012

Victor Stancescu ist nicht nur Captain der Kloten Flyers, sondern auch angehender Anwalt. Eine Doppelbelastung, die der 26-Jährige braucht.

Victor Stancescu ist mit seinem Effort eine Ausnahmeerscheinung im Profi-Eishockey. Trotzdem gibt es auch andere Klotener, die eine akademische Laufbahn einschlugen: Liniger etwa ist ausgebildeter Primarlehrer. Schelling studiert Wirtschaftsinformatik und Bodenmann Betriebsökonomie im Fernstudium. Goalie Rüeger schloss mehrere Ausbildungen im Marketingbereich ab und arbeitet Teilzeit auf der Geschäftsstelle des Klubs. Derweil absolviert Walser eine KV-Lehre bei einer Baugenossenschaft in Schwamendingen. Blum musste sein Fernstudium in Maschinenbau wegen der hohen Belastung abbrechen, nun büffelt er an einer Sprachschule Japanisch. Und Du Bois frischte unlängst seine Spanisch-Kenntnisse auf.

Bei den ZSC Lions schloss Stoffel an der Universität Zürich ein Psychologiestudium ab. Bühler arbeitet seit dem KV-Abschluss Teilzeit in einer Personalberatung. Bärtschi und Seger absolvieren die Berufsmittelschule im Fernstudium. Andere konzentrieren sich auf eine Ausbildung in Wirtschaft: Ziegler zum Beispiel an der PHW in Bern, Blindenbacher an der HFW in Zürich. Und Goalie Flüeler studiert wie Bodenmann oder HCD-Torhüter Genoni Betriebsökonomie im Fernstudium. «Ich finde es wünschenswert, wenn ein Eishockeyaner eine Ausbildung nebenbei macht», sagt ZSC-Sportchef Edgar Salis. «Es ist nicht nur Vorsorge, sondern eine gute Ablenkung. Man studiert nicht immer am Sport herum, und der Alltag ist ausgefüllt.» (sis)

Von Silvan Schweizer

Sein Haar ist glatt gegelt, der Körper in feinen Zwirn gehüllt und um den Hals eine passende Krawatte geschlungen. Gleich nach Trainingsschluss in Kloten schlüpft Victor Stancescu jeweils aus der schweren Ausrüstung in seine zweite Haut, jene eines angehenden Anwalts. Seit letztem Jahr arbeitet der 26-Jährige, soweit es ihm der Sport ermöglicht, als Praktikant in einer kleinen Kanzlei im Zürcher Seefeld. Neben ihm sind da nur noch der Patron und eine Sekretärin.

Das Büro bearbeitet vornehmlich Aufträge im Wirtschafts- und Gesellschaftsrecht. Stancescu hilft Firmen zum Beispiel, Kapitalerhöhungen juristisch korrekt vorzunehmen oder deren Generalversammlungen aufzugleisen. «Wenn möglich, setzt mich mein Chef dafür ein, grundsätzliche Recherchen zu juristischen Fragen zu übernehmen, mich etwa kritisch mit der bundesgerichtlichen Rechtsprechung auseinanderzusetzen», sagt Stancescu. «Jeder Tag in der Kanzlei ist eine Herausforderung. Und ich brauche diese auch.»

Aus einer Akademikerfamilie

Vor neun Jahren hatte der kräftige Flügelstürmer an einem Wendepunkt in seinem Leben gestanden. Mit 18 liess er sich damals als einer der ersten Spieler die lädierte Hüfte operieren. «Es gab keinerlei Referenzen, ob ich meine Karriere würde fortsetzen können», erzählt Stancescu. «In dieser Unsicherheit wurde mir bewusst, dass ich andere Möglichkeiten neben dem Sport wahrnehmen muss.» Der Vater hatte einst Informatik studiert, die Mutter Architektur, und ihr Sohn schrieb sich nun an der Universität Zürich im Jusstudium ein. «Weil es eine hervorragende Basis für verschiedene Richtungen ist – Wirtschaft, Politik oder Sozialwesen», wie Stancescu erklärt.

Eine aufreibende Zeit begann. Denn der Student gesundete und spielte sich in Klotens Fanionteam. Nebenbei hielt ihn auch das Studium auf Trab. Stancescu musste beide Berufe koordinieren: Auf einem Kalender markierte er alle Partien und Trainings sowie jene Zeitfenster, die fürs Lernen frei waren. «Es wurde ein Knorz. Aber das Studium packte mich», erzählt er. Die umfangreiche und komplexe Materie schreckte ihn nie ab. «Und weil ich mit dem Eishockey schon eine Existenzgrundlage hatte, spürte ich auch nie den Druck wie andere, in meiner Uni-Karriere möglichst rasch vorwärtskommen zu müssen.»

Mit dem Rechtsbuch im Bus

Als er sich im Herbst 2010 auf die entscheidenden Lizenziatsprüfungen vorbereitete, lernte er vor dem Training zwei Stunden und danach nochmals vier. Seine Unterlagen nahm er selbst an Matchtagen in den Teambus. Während seine Kameraden jassten oder schliefen, büffelte er. «Vielleicht warf mal einer einen Blick auf ein Rechtsbuch, weil er das Wort auf dem Deckel nicht kannte. Aber aufgezogen wurde ich deswegen nie», sagt Stancescu. Und zu Hause unterstützte ihn Freundin Livia, eine Primarlehrerin, nach Kräften. Seit letztem Sommer sind die beiden verheiratet.

Die Juristerei gehört zu Stancescu. Hier erkennt ihn niemand als Eishockey-Profi. «Diese Welt ist komplett anders. Ich kann verstehen, dass sie auf andere befremdend wirkt. Der Umgang ist halt eher formell», sagt er. Er jedoch geniesst die Abwechslung und scheint dabei seine Lockerheit nicht zu verlieren: «In der Kanzlei erhole ich mich gedanklich vom Eishockey. Und beim Training erhole ich mich von der Anwaltsarbeit.»Der Klotener Captain trennt die beiden Wirkungskreise strikt. Trotzdem fällt auf, dass er auf dem Eis einer ist, der sein Recht auch einmal in die eigenen Hände nimmt. Stancescu verneint nicht. «Aber ich habe auch da meine Grundsätze. Ich setze meine Emotionen auf eine ungefährliche Art und Weise ein», sagt er. «Ich hatte bisher keine Verfahren am Hals. Ich bewege mich im Rahmen dessen, was ein Spieler auf dem Eis machen kann. Manchmal gibt es dann halt zwei Minuten, aber solche Strafen gehören zu unserem Spiel.»

Doktor- und ein anderer Titel?

Nach dem abgeschlossenen Praktikum darf sich Stancescu für die Anwaltsprüfung anmelden. Weil er nur Teilzeit arbeitet, muss er hierzu im Sommer aber noch Arbeitszeit nachholen. Er könnte sich vorstellen, dereinst im Sport als Jurist tätig zu sein. Auch die aufwendige Arbeit für einen Doktortitel würde ihn reizen. Zuerst will er aber einen anderen Titel holen. Denn auch der NLA-Meistertitel fehlt ihm noch.

Meist fährt Victor Stancescu nach dem Training direkt zur Kanzlei. Foto: Nicola Pitaro

Erstellt: 07.02.2012, 06:28 Uhr