Grossaufmarsch gegen Sarkozy

Aktualisiert am 07.09.2010

In Frankreich haben Hunderttausende gegen die Rentenreform demonstriert. Die Gewerkschaften drohen derweil mit weiteren Protesten und Streiks.

Von Oliver Meiler, Marseille

In einer grossen Protestwelle haben am Dienstag bei 114 Kundgebungen in ebenso vielen Städten Frankreichs Hunderttausende gegen die geplante Anhebung des Rentenalters von 60 auf 62 Jahren demonstriert. Wie viele es genau waren, wird man nie erfahren: Wie gewohnt, neigten die Behörden dazu, die Zahl kleinzureden, während die mobilisierenden Gewerkschaften sie aufbliesen. In Marseille zum Beispiel meldete die Polizei eine Teilnahme von 27 000; die Gewerkschaften schätzten 200 000. In Paris, wo man schon lange keinen derart grossen Aufmarsch mehr gesehen hatte, musste die Kundgebung in zwei Ströme aufgeteilt werden. Am Abend sprachen die Gewerkschaften dann von insgesamt 2,5 Millionen Demonstranten.

Die Machtprobe verschiebt sich nun von der Strasse ins Parlament, wo Arbeitsminister Eric Woerth am Dienstag die Debatte lanciert hat. Die Regierung ist der Meinung, sie gleiche mit dieser Reform lediglich das französische Rentensystem schrittweise an jenes der meisten europäischen Länder an, in denen bereits Rentenalter 65 gilt. Die Gewerkschaften und linken Oppositionsparteien bestreiten nicht, dass eine Reform nötig sei. Doch sie werfen Präsident Nicolas Sarkozy vor, er treibe das Projekt eigenmächtig und mit sozial ungerechten Massnahmen an.

Statt der geplanten Verlängerung des Arbeitslebens schlagen die Sozialisten vor, dass die Rentenbeiträge und die Steuern auf Kapitalerträge erhöht würden zur Deckung des Defizits. Doch Sarkozy gibt sich entschlossen, das Tabu «Rentenalter 60» – eine soziale Errungenschaft aus den 80er-Jahren – zu brechen. Konzessionen will er nur zugunsten von Franzosen machen, die in sehr jungen Jahren zu arbeiten begonnen haben, oder von solchen, die mit einem ärztlichen Attest nachweisen können, dass sie wegen ihrer harten Arbeit körperliche Schäden erlitten haben. Sie sollen auch künftig mit 60 in Pension gehen dürfen. Doch reicht das für eine Beruhigung der Strasse? Die Gewerkschaften drohen bereits mit neuen Streiks und Protesten.

Erstellt: 07.09.2010, 23:00 Uhr