Ein Toast auf Feuz

Aktualisiert am 24.01.2012

Skirennen machen heute nur noch Matthias Hüppi hysterisch. Früher sass die ganze Familie gemeinsam vor dem Röhrenfernseher. Zur heutigen Abfahrt auf der Streiff ein Streifzug durch die gute alte Zeit.

Ein Nutella-Toast machte bis vor kurzem nur eines: Fett und feiss. Seit der Feuz Beat heute vor einer Woche statt Müesli ein Röstbrot mit Schmierschokolade verdrückte, ist alles anders. Der Mann fuhr am Lauberhorn nach seinem Frühstück eine ähnlich unglaubliche Linie wie tags zuvor ein italienischer Trottel im Mittelmeer. Im Zielraum wedelten die Fähnli wie in Nordkorea. Denn der Feuz fuhr wie einst der Klammer und trotzdem so fein wie...

Wie, was? Ehrlich gesagt, wir schauen nur noch so selten Skirennen, dass wir gar nicht mehr wissen, mit was man solche Technik vergleichen könnte. Mit der neusten Elektrozahnbürste von Oral-B oder mit dem Händchen von Federer? Und es geht nicht nur uns so: Eine kurze Strassenumfrage unter jungen Leuten zeigt, dass alpiner Wintersport bei ihnen nicht besonders populär ist. «Skirennen? Nein, das interessiert mich nicht», sagt der 13-jährige Schüler David. «Viel lieber schaue ich Fussball – FCZ und so.» Ramon (12) spielt lieber Games, als Skirennen zu schauen, und Livia (15) kennt Beat Feuz nicht. Brenda (16) weiss zwar, wer Didier Cuche ist, aber: «Skirennen schaue ich nie.»

Das war vor gar nicht langer Zeit ganz anders. Wir schauten immer Skirennen. Und erinnern uns nun an goldene Erlebnisse zurück, mit Lise-Marie Morerod, Vreni Schneider und Maria Walliser.

Das Outing – 40 Jahre danach – Ja, ich gestehe es – auch ich rannte früher von der Schule nach Hause (übrigens meistens durch schneebedeckte Strassen und Wiesen, das Klima war damals noch besser zwäg), um den Start eines Skirennens nicht zu verpassen. Weil ich schon damals meinte, es sei wichtig, anders zu sein als die anderen, hechelte ich jedoch nicht Russi oder Colombin hinterher, nein, ich schaute vornehmlich Damenrennen. Zu Beginn macht das eher wenig Spass. «Maite» Nadig war zwar recht gut, aber eben auch recht füllig – und damit von meinem kindlichen Schönheitsideal ähnlich weit entfernt wie «Pitsch» Müller von einer intelligenten Aussage. Doch dann, eines Tages, wedelte sie plötzlich den Hang hinunter, meine Traumfrau! Sie hiess Lise-Marie Morerod, war ein total hübsches Waadtländer Bauernmädchen, und wenn sie auf dem Podest stand und lächelte, wurde ich jedes Mal knallrot. Natürlich konnte ich diese platonische Fernliebe meinen Schulkameraden nie gestehen, sie hätten mich ins Elend gehänselt. Umso erleichternder ist es, dass ich mich nun, 40 Jahre später, doch noch outen kann. Wer weiss, vielleicht liest sie es ja sogar und schickt mir eine alte Autogrammkarte. (thw)Blau-weiss-rote Assoziationen – Die SKA-Kappen. Weiss, Blau, Rot, Weiss auf allen Kinderköpfen. Selber nie eine getragen, Kratzstoff. Müller, ein verbissener Adliswiler Töfflibub, der es allen zeigte. Schule geschwänzt, weil sich die Abfahrt nicht an den Stundenplan hielt. Marken- und anderer Fetischismus: Was man wolle?, fragte der Sporthändler. Nur schauen, versicherte man hoch und heiligte mit den Fingern den transparenten Fischerski-Belag. Am Ende reichte das Sackgeld dann doch nur für No-Name-Bretter mit schwarzem. Phil Mahre und seine göttlichen K2. Einmal wie er fahren. Kalte Träume, die auf dem Idiotenhügel scheiterten. Ellesse-Skihosen, die so modisch waren, dass man sich schämte. Vreni Schneider, gut für die Medaillen-Statistik. Schön fürs spätpubertierende Auge: Maria Walliser. Oder die Tessinerin. Sicher nicht die Figini. Die andere. Wie hiess sie schon wieder, und was macht Phil Mahre? «To ski your best. Learn from the best.» Himmeltraurig, er ist Skilehrer geworden.

Und heute? Skifahren? Alle Schaltjahre. Skirennen schauen? Nur auf dem ORF. Und Skirennen seien vor Ort zu Saufpartys geworden. Sagen zwei Zeugen. Waren es die Snowboarder, die die Partykultur in den Schnee brachten? Das Aprés-Ski-Gelage hat sich zumindest institutionalisiert. Auch in Zürich, in der Mausefalle. Stimmungskanonen ohne Schnee. Ein Toast auf Beat Feuz – und die gute alte Zeit! (reu)

Zu spät – Wie viel hätten wir als Knaben dafür gegeben, Maria Walliser zu treffen. Die Gold-Maria, mit den schwarzen Locken und den neuschnee-weissen Zähnen, die eleganteste aller 80er-Jahre-Skiheldinnen. Dann trafen wir sie tatsächlich. Zwei Meter vor uns stand sie am Skilift an. Doch es war zu spät. Wir hatten gerade die zweite Zwischenzeit unserer Pubertät erreicht, fuhren Snowboard, und Maria Walliser war nicht mehr als eine lächerliche Kindheitsschwärmerei, für die man sich ein wenig schämte. Verstohlen schauten wir trotzdem hin, um dann schnell an ihr vorbeizudrängeln. (bat)Erika Hess aus Karton – Für den kindlichen Blick sah die Engelbergerin tatsächlich aus wie ein Engel. Vielleicht hatte Erika Hess der borstigen Frisur wegen auch einfach Ähnlichkeit mit dem geliebten Stofftier, einer Meersau. Man weiss das heute nicht mehr so genau. Glasklar in Erinnerung geblieben sind aber die Vormittage fiebrigen Daumendrückens. Beim Riesenslalom ging man mit in die Hocke, beim Slalom hüpfte man bei jedem Tor. Die Tränen, wenn es nicht aufs Podest reichte, vertrieb Grossmutter mit einer zünftigen Portion Apfelmus. Und später schrieb man Erika Hess einen Brief: Sie solle nicht traurig sein. Man möge sie auch so. Ging man in den Skiferien auswärts essen, freute man sich am meisten aufs Rivella rot. Und trank ganz schnell, um eventuell noch ein zweites Fläschchen zu bekommen (Offenausschank war stets die grösste Enttäuschung). Sammelte man genügend Etiketten, durfte man Sachen vom Schweizer Skiteam bestellen. Kappen, Schals und so. Für die lebensgrosse Erika Hess aus Karton hats nie gereicht. Vermutlich, weil man eines Tages Coca-Cola einfach cooler fand. (pa)

Der Superbowl im Dorf – Wegen Vreni Schneider bin ich am Samstag von der Schule nach Hause gerannt (ja, damals mussten die Kinder am Samstag noch vormittags zur Schule). Daheim gabs immer Würstli im Teig mit Ketchup – ein Festessen also –, und vor dem Fernseher essen, das war dann auch erlaubt, aber eben nur, wenn Lauberhorn oder Adelboden oder Olympia war. Das war für unser Dorf wie der Superbowl für die USA. Die Spannung war immer unerträglich bei Vrenis erster Zwischenzeit, und dann gabs nur noch «hopp, hopp, hopp!» Heute ist das nicht mehr so. Am Lauberhorn-Samstag musste ich arbeiten. Zwar auch in den Bergen, aber auf den falschen. «Hopp», hab ich schon lange nicht mehr gerufen, aber die Schneider, die finde ich immer noch super – mein erstes grosses Sportidol. Dass Vreni heute womöglich eine fiese Arthrose hat, kann meinen Blick zurück nicht trüben – Hauptsache, sie macht keine Werbung für Verdauungsjoghurts. (rsa)

Mit Willi Besse im Zug – Vor 15 Jahren waren wir erstmals live an einem Skirennen dabei, am Lauberhorn. Im Zug auf die Kleine Scheidegg sass der Schweizer Abfahrer William Besse in unserem Abteil, den Slalom schauten wir zusammen mit Luc Alphand, dem französischen Abfahrer, und alles war gratis. Letztes Wochenende waren wir wieder am Lauberhorn. Für eine Kappe mit dem Schriftzug einer Schuhfirma bezahlte man 30, um das Rennen zu sehen 38 Franken. Die Stars, die sind zwar immer noch zum Anfassen. Im Zug fuhren wir diesmal mit Didier Cuche, Beat Feuz bejubelten wir von ganz nah. Doch die Kinder, die früher Rivella getrunken, «Hopp Schwiiz» gerufen und mit der Familie vor dem TV mitgefiebert haben, sind gross geworden. Heute trinken sie Jägermeister und Bier, und statt «Hopp Hopp» schreien sie «Hossa Hossa»». (gg)

«Skirennen? Nein, das interessiert mich nicht. Viel lieber schaue ich Fussball, FCZ und so.»

David (13) Schüler

«Meine Eltern schauen Skirennen im Fernsehen. Ich game lieber. Aber keine Ski-Games.»

Ramon (12) Schüler

«Feuz? Das ist doch der neue Bundesrat. Nein, oder doch? Ein Skifahrer? Und ist er gut?»

Livia (15) Schülerin

«Cuche kenne ich. Der ist doch Schweizer des Jahres. Skirennen schaue ich aber nie.»

Brenda (16) Schülerin

Heldinnen vergangener Zeiten: Erika Hess (l.) und Vreni Schneider 1987 an der Ski-WM in Crans-Montana. Foto: Keystone

Erstellt: 24.01.2012, 06:23 Uhr