Der letzte Helvetier

Aktualisiert am 24.01.2012

Der Winterthurer Chrigel Glanzmann und seine Band Eluveitie feiern international Erfolge. Mit einer Mischung aus Death Metal, keltischem Folk und Texten über den Gallischen Krieg.

Von Georg Gindely

Eluveitie ist eine der bekanntesten Schweizer Bands – im Ausland. In ihrer Heimat sind die acht Winterthurer Musiker für viele immer noch ein Geheimtipp. Sie spielen eine Mischung aus Death Metal und keltischem Folk, in ihren Liedern sind harte Gitarrenriffs neben Flötenklängen und Dudelsackweisen zu hören. «Swiss Folk Metal» nennen sie ihren eigenwilligen Stil. Und stossen damit in Südamerika, in den USA, in Deutschland, Spanien und Osteuropa auf grossen Anklang.

Lieder von Eluveitie wie «Inis Mona» oder «Omnos» verzeichnen auf dem Videoportal Youtube über zehn Millionen Zugriffe, die letzte Woche gestartete Welttournee führt die Band von Südamerika über die Vereinigten Staaten und Kanada zurück nach Europa. Ein Jahr lang sind Eluveitie unterwegs, gestern Abend trat die Band in Miami auf. Seit zwei Jahren können alle acht Mitglieder von ihrer Musik leben.

Zusammenarbeit mit der Uni

Kopf und Gründer von Eluveitie ist Chrigel Glanzmann. Der 37-Jährige ist in Basel aufgewachsen und zog nach seiner Buchhändlerlehre nach Winterthur. Heute wohnt er mit seiner Frau auf einem alten Bauernhof. Glanzmann trägt eine schwarze Mütze, ein schwarzes Hemd und eine schwarze Lederjacke, seine Jeans haben Risse, seine verfilzten Haare fallen ihm über die Schultern; auf dem Arm und der Innenseite der Hand prangen Tätowierungen. Sie zeigen keltische Symbole.

Seit Jahren ist Glanzmann fasziniert von den Kelten, vor allem vom Stamm der Helvetier, der vor über 2000 Jahren im Gebiet der heutigen Schweiz gelebt und der Band den Namen gegeben hat – Eluveitie ist das etruskische Wort für Helvetien. Glanzmann und die Sängerin der Band, Anna Murphy, besingen Leben, Lieben und Sterben der Stammesmitglieder. Meist in Englisch, aber oft auch in Gallisch, der ausgestorbenen Sprache der Helvetier. Um seine Texte historisch abzustützen, arbeitet Glanzmann mit Wissenschaftlern zusammen, vor allem mit dem keltologischen Institut der Universität Wien, aber auch mit Spezialisten der Universität Zürich. Das neue Album, das am 10. Februar erscheint, ist ein Konzeptalbum und heisst «Helvetios». Es erzählt aus der Sicht der Unterlegenen vom Gallischen Krieg, in dem die Helvetier um 58 vor Christus gegen die Truppen von Julius Cäsar kämpften und verloren.

Woher kommt diese Faszination für die Kelten? Tausendmal habe man ihn das schon gefragt, sagt Glanzmann, aber er könne keine Antwort geben. Sie sei einfach da, wie die Liebe zur Musik. Vor zehn Jahren schrieb er sein erstes Album, das er mit Studiomusikern einspielte. Die Platte stiess auf Anklang, und die Band begann, sich zu formieren. Sie machte sich bald einen Namen als mitreissende Livegruppe, wechselte zu einem grösseren Label, veröffentlichte immer erfolgreichere Alben.

Probleme gab es auch. Glanzmann arbeitete bis zur Erschöpfung, freie Tage gönnte er sich selten. In der Band kam es zu Wechseln, weil Musiker fanden, sich neben Glanzmann zu wenig entfalten zu können – obwohl der Bandleader betont, dass alle Entscheidungen demokratisch gefällt würden.

Auf Distanz zu Rechtsradikalen

Die Rückbesinnung auf die keltischen Wurzeln liess Stimmen laut werden, welche die Band ins rechte Lager rückten. Dort ist es üblich, sich auf alte Stämme zu berufen, vor allem die der Germanen. «Wir haben absolut nichts mit Nazis zu tun», sagt Glanzmann. Die Band ist politisch neutral, zu ihren jetzigen oder früheren Mitgliedern gehören Musiker mit kroatischen, irischen und armenischen Wurzeln. Vor kurzem tauchte das Bandlogo dennoch im Nazi-Umfeld auf. Es prangte auf dem Auto eines Mannes, der in Deutschland im Zusammenhang mit den sogenannten Döner-Morden als Verdächtiger verhaftet wurde. Die Band distanzierte sich davon und sprach den Opfern ihr Mitgefühl aus. «Wir können uns leider nicht aussuchen, wer unsere Musik hört», sagt Glanzmann. www.eluveitie.ch

Bildlegende. Foto: Vorname Name (Agentur)

Chrigel Glanzmann schreibt seine Texte auch auf Gallisch. Foto: Sophie Stieger

Erstellt: 24.01.2012, 06:23 Uhr