Wir kommen schnell hoch!

Die Brüder und Künstler Frank und Patrik Riklin hatten eine Idee: Sie fahren einen Aussendienstler aus dem Büro zu den Personen, die angerufen werden soll. Das machen wir nach.

Das Original aus der Ostschweiz: «Direktmacheting, 2017» von Frank und Patrik Riklin. Video: Atelier für Sonderaufgaben (Facebook)


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Direktmacheting. So nennen Frank und Patrik Riklin ihr neustes Projekt, das «absurd klingt, aber ernst gemeint ist», wie sie im Projektbeschrieb schreiben. Dazu haben die beiden Künstler aus St. Gallen – einer breiten Öffentlichkeit bekannt durch ihre Nullstern-Hotels unter freiem Himmel und in einem Bunker – je eine benzinbetriebene Machete (Motorsäge) zur Hand genommen und einen Mann mit Namen Roy mitsamt seinem Arbeitsplatz aus dem Büro gesägt. Die Idee: Statt immer nur am Telefon mit den Kunden zu sprechen den direkten Kontakt zu suchen.

Roys Büro haben Riklin und Riklin auf einen Gabelstapler verpflanzt, damit sind sie seit heute in der Ostschweiz auf Büro-Tournee. Dieses Konzept schreit aus fünf Gründen geradezu danach, hier und heute kopiert zu werden.

  • Grund 1: Wir Journalisten werden immer mehr zu Schreibtischtätern, verschicken Mails und telefonieren.
  • Grund 2: Wir arbeiten in einem Holzbau; Riklins Motorsägen könnten hier zielorientiert arbeiten.
  • Grund 3: Uns geht es gleich wie Roy. Oft werden wir abgewimmelt. Von Mails oder schlimmer: Mediensprecherinnen.
  • Grund 4: Ein bisschen Kunst hat noch jeden Arbeitsalltag bereichert.
  • Grund 5: Die Idee erinnert stark an das charmante Hirngespinst unseres ehemaligen Kollegen Constantin Seibt, der den Journalismus mit Hilfe von berittenen Reportern wieder auf Trab bringen wollte (heute setzt er für sein Anliegen bei Project R auf das Pferd Internet).

Mit Blaulicht recherchieren

Gestern also wollten wir auf Recherchefahrt. Wir hatten uns hohe Ziele gesteckt – aber es ging schief. Wir dachten, weil wir unsere Fragen ganz oben stellen und in den obersten Etagen reinschauen wollen, bräuchten wir etwas mehr als einen Gabelstapler. Den Rettungskorb der Zürcher Feuerwehr zum Beispiel. Der Dienstplan, wurde uns beschieden, liesse eine längere Ausfahrt zu Recherchezwecken leider nicht zu. Zeitgleich wurde auch der temporäre Ausbau des Büros aus der Redaktion abgelehnt.

Notgedrungen machten wir die Ausfahrt im Kopf. Und siehe da: Aus unserem Kunstprojekt wird die ergiebigste Recherche seit Menschen­gedenken. Enthüllungsjournalismus vom Feinsten!

Wir zuckeln los beim Feuerwehr­depot an der Brandschenke, machen hier und dort zum Spass die Sirenen an und schauen als erstes bei einem ganz grossen nebenan rein. Bei René Fasel, seit einer gefühlten Ewigkeit Präsident des internationalen Eishockeyverbands (IIHF), dessen Büro sich in einer schönen Villa an der Brandschenkestrasse befindet. Wir überraschen den Ex-Zahnarzt, den wir wegen seines Freiburger Dialekts nur schwer verstehen, bei einem Nickerchen. Um 10.38 Uhr am Morgen! Er habe sich gerade die Wiederholung der letzten Playoff-Spiele aus der Schweiz angeschaut, sagt er entschuldigend. Stattgegeben. Wir nutzen das aus und pressen aus dem schlaftrunkenen Funktionär eine brisante News. «Nach mir die Sintflut», sagt Fasel und zeigt uns die Aufstellungen über die Streusalz-Zukäufe des IIHF. «Reicht für apere Eisfelder rund um den Globus.»

Wir fahren den Korb runter und verlegen unser Recherchedesk zum Hochhaus Werd. Frau K., deren Fenster im 48. Stock des Verwaltungskomplexes wir mit dem für Notfälle vorgesehenen goldenen Hämmerli einschlagen, widerlegt das Klischee des schlafenden Beamten (weibliche Form mitgemeint). Sie ist hellwach und sieht ihre Chance, die Stadt Zürich vor allergrösstem Unheil zu bewahren. Auszug aus dem brisanten Dokument mit dem grossen roten Stempel «Gheim, im Fall!», das sie aus dem Fenster streckt: «... geht der Stadtrat mit seinem Rollschuhkonzept 2020 einen weiteren Schritt voran. Velos werden aus der Stadt verbannt, die Rollschuhförderung macht den Drahtesel bald vergessen. Und das Beste (Zitat Filippo L.): ‹Every night is Monday night›.»

Spartipps vom Bank-Chef

Weiter gehts zu den Reichen (am ­Paradeplatz) und Schönen (am Zürichberg). Wir machen auf dem Weg einen Abstecher zum Stadthaus, pöpperlen ans Fenster des Stadtratszimmers, wo eine ausserordentliche Sitzung stattfindet. Die Damen und Herren Stadträte sind so überrascht über den Recherchekorb vor dem Fenster, dass wir ihnen im Gegenzug zum «Off the Record» das Duzis abtrotzen. Wir sagen jetzt nicht mehr nur Filippo «hoi», wenn wir uns im Tram auf den Sitz daneben setzen.

Am Paradeplatz klopfen wir bei CS-Chef Tidjane Thiam, der unter normalen Umständen für das Bellevue-Ressort nie und nimmer zu sprechen wäre. Wir reden ein bisschen über den alltäglichen Rassismus in dieser Stadt und erfahren, dass er jeden Morgen eine Flasche Wasser aus dem neuen Brunnen am Paradeplatz abfüllt, sie im Büro mit CO2 versetzt, weil ihm das Mineral in den umliegenden Cafés zu teuer ist.

Am Zürichberg herrscht kurz nach dem Mittag Langeweile. Um die Coachtische der herrschaftlichen Häuser sitzen gepflegte Damen beim Tee. Aber Moment, wer sitzt denn da im dritten Stock dieses Terrassenhauses inmitten eines halben Dutzend feiner Damen beim Nachmittagstee? Wer lässt sich denn da von einer schwarzangestellten Mexikanerin gerade einen Fenchelaufguss nachschenken? Andrea Stauffacher, vor sich ein schwarzes Blöckli, liest aus dem Manuskript ihrer Memoiren. «Während mich alle für eine Klassenkämpferin hielten, sass ich jeden Montag mit Madeleine und Rosianne und Josianne und Rose-Marie und Hedwig beim Afternoontea. Was mir in all den Jahren nämlich am meisten zu schaffen gemacht hat, war das Hausverbot im Café Felix. Dieses Teegebäck ... himmlisch!»

Der Feuerwehrmann, der uns chauffiert, schluchzt am Steuer.

Wir wollen jetzt unbedingt noch zum Zoo. Weshalb? Journalistischer Instinkt. Wir lassen uns ans Büro von Alex Rübel manövrieren. Der sitzt da mit grossen Augen vor einem Koffer voll australischer Dollar. Gegenüber sitzt ihm ein Zürcher Urgestein, das wir auf den ersten Blick fast nicht erkannt haben, lange ists her: Klaus J. Stöhlker. Es stellt sich heraus, dass er Rübel seit Jahren zu überzeugen versucht, dass die Kängurus einen PR-Berater brauchen. «Markenstringenz, Businessimplementation, Vorwärtsstrategie», sind seine Schlagworte. «Talk Täglich! Talk Täglich! Talk Täglich!», schiesst es wie Maschinengewehrsalven aus ihm heraus.

Ein Knaller am anderen! Weiter! Schnell! Hallo? Der Feuerwehrmann, der uns chauffiert, schluchzt in seiner Kabine. Wir fragen nach, was los ist: Wir hätten die wahren News verpasst, presst er hervor. «Unten im Arboretum hockt Corine Mauchs Zuchtkater auf einem Mammutbaum fest ... und ich verpasse das wegen dieses ‹Kunstprojekts›.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 14:18 Uhr

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Ihre Idee war uns Inspiration: Die Künstler Frank und Patrik Riklin. Foto: Keystone

«Darf ich Ihnen schnell die eine oder andere Frage stellen?»: TA-Reporter Spinnermann während seiner Recherche in der Stadt Zürich. Foto: Getty Images

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