Zeitung heute

War da mal eine Krise?

Von Hansueli Schöchli. Aktualisiert am 16.07.2009

Die führende amerikanische Investment-Bank Goldman Sachs hat im ersten Halbjahr wieder enorm viel Geld verdient. Die Löhne und Boni machten im Schnitt satte 380000 US-Dollar pro Angestellten aus – und dies für lediglich sechs Monate.

Da war doch mal was. Richtig: eine Finanzkrise. Die grosse Verluste für viele grosse Banken brachte. Und milliardenschwere Rettungspakete von Staaten und Notenbanken. Sowie den Befund unzähliger Experten, wonach die Bankbranche nicht wie gehabt weiterwursteln könne – und insbesondere die Risiko- und Bonuspolitik reformbedürftig sei.

Das alles scheint schon weit weg zu sein. Zumindest wenn man den neusten Geschäftsabschluss der führenden amerikanischen Investment-Bank Goldman Sachs betrachtet. Die Bank hat diese Woche für das erste Halbjahr 2009 einen Reingewinn von 5,2 Milliarden US-Dollar ausgewiesen, das zweite Quartal brachte gar einen Rekordgewinn («Bund» von gestern).

Die drei Kerngeschäfte

Die Bank verdient ihr Geld vor allem mit dem Wertpapierhandel (auf Rechnung der Kunden wie auf eigene Rechnung), mit der Herausgabe von Wertpapieren gegen Kommission sowie mit der Beratung bei grossen Firmenzusammenschlüssen. Das sind drei der Kerngeschäfte, die unter dem Titel «Investmentbanking» zusammengefasst sind. Das abgelaufene Semester war keine Boomzeit für die Branche. Doch während manche Anbieter am Wanken sind und sich aus gewissen Geschäftsbereichen zurückgezogen haben, waren die Erschütterungen beim Marktführer Goldman Sachs begrenzt. Dieser profitierte zudem von der Schwächung oder gar vom Verschwinden von Konkurrenten. Doch auch Goldman hatte Staatshilfe gebraucht. Im vergangenen September mutierte das Institut mit dem Plazet der Behörden von der reinen «Investment-Bank» zu einer «richtigen» Bank – womit sie strengeren behördlichen Auflagen unterworfen wurde, aber auch mehr Schutz genoss. Die Bank erhielt zudem eine staatliche Kapitalspritze von 10 Milliarden US-Dollar (die sie im vergangenen Monat zurückbezahlte).

Umdenken ist nicht angesagt

Analysten mutmassen, dass das Goldman-Rekordergebnis vom 2.Quartal für den Marktführer selbst nicht nachhaltig sein dürfte und für die Gesamtbranche ohnehin nicht repräsentativ sei.

Wie dem auch sei: Von einem Umdenken ist im Goldman-Geschäftsabschluss nicht viel zu sehen. Beschränkung der Risiken? Gemessen an den traditionellen Risikomodellen der Bank fuhr sie im ersten Halbjahr 2009 weit höhere Risiken als in den Vorjahren. Die Bank hat seit 2007 das Eigenkapital zwar deutlich aufgestockt, doch die Risiken sind noch stärker gestiegen.

Und das vielerorts geforderte Augenmass in der Lohn- und Bonuspolitik? Das ist nichts für das Investmentbanking und schon gar nichts für Goldman Sachs. Für das erste Halbjahr 2009 zahlte bzw. reservierte das Unternehmen Löhne und Boni für total 11,4 Milliarden US-Dollar – was im Schnitt satte 380000 Dollar pro Beschäftigten ausmacht. Und das für lediglich sechs Monate. Rechne.

Die unseligen Marktmechanismen im Investmentbanking spielen weiterhin. Mutmassliche Stars, welche dank Handelstalenten oder Beziehungen millionenschwere Deals hereinholen, werden nach wie vor mit Gold aufgewogen. Im Fusionsberatungsgeschäft zum Beispiel war der grösste Deal des vergangenen Semesters der Zusammenschluss der US-Pharmafirmen Pfizer und Wyeth. Bei einem Volumen der Transaktion von rund 64 Milliarden US-Dollar und Kommissionserträgen für die beratenden Banken von total vielleicht etwa einem Prozent der Transaktionssumme ergäbe das Einnahmen von über 600 Millionen Dollar. Solche Kommissionen sind zwar auf mehrere Banken aufzuteilen, doch auf die einzelne Bank entfällt immer noch eine riesige Summe. Wer einen solchen Deal hereinholt, hat daher starke Argumente im Bonuspoker.

Die globale Rangliste im Fusionsberatungsgeschäft des ersten Halbjahrs zeigt Goldman Sachs gemessen am Gesamtvolumen aller betreuten Transaktionen klar an der Spitze. Die Schweizer Grossbanken liegen auf Rang 8 (Credit Suisse; gleich wie im Vorjahr) bzw. Platz 11 (UBS; im Vorjahr noch auf Rang 5).

«Skandalös»

US-Politiker reagierten unterschiedlich auf die neusten Goldman-Zahlen. Die Reaktionen lassen sich grob auf zwei Botschaften reduzieren: (1) Wir sind froh, dass eine Bank wieder richtig Geld verdient. (2) Aber die Lohnpolitik wird manchem Bürger sauer aufstossen.

Bissige Worte waren aus Frankreich zu vernehmen. «Niemand in den USA oder anderswo kann eine solche Situation tolerieren», erklärte Henri Guaino, ein Berater von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy: «Goldman Sachs würde heute ohne Hilfe des Steuerzahlers nicht mehr existieren.» Die Bonuspolitik der Firma bezeichnete er als «skandalös». Die G20, die Gruppe von 20 führenden Industrie- und Schwellenländern, wird sich laut Guaino um dieses Problem kümmern müssen.

Eine mögliche Antwort wäre eine weitere massive Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften. Goldman weist zur Jahresmitte immerhin höhere Eigenkapitalquoten auf als die beiden Schweizer Grossbanken. Auf je 100 Dollar Aktiven fallen bei Goldman rund 93 Dollar Fremdkapital und 7 Dollar Eigenkapital. Bei den Schweizer Grossbanken ist die Eigenkapitalquote derzeit nur etwa halb so hoch.

> (Der Bund)

Erstellt: 16.07.2009, 10:08 Uhr

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