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Lantal hofft auf SBB-Grossaufträge
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Zur Person
Urs Rickenbacher (52), Dr. oec. HSG, ist Firmenchef und Mehrheitsaktionär von Lantal. Seine Stelle in Langenthal trat er 2003 an. Vorher war er bei Kuoni, Jelmoli und als Geschäftsleitungsmitglied bei USM in Münsingen tätig. Rickenbacher ist verheiratet, Vater von drei Kindern und wohnt in Solothurn. Lantal erzielte 2008 einen Umsatz von 114 Mio Franken. Die Gruppe beschäftigte Ende 2008 in Langenthal, Melchnau und den USA 460 Mitarbeitende.
«Bund»: Lantal macht Schlagzeilen als Innenausstatter von Flugzeugen, jüngst mit dem neuen Business-Class-Sitz für den Airbus A330 der Swiss. Zugleich sitzen aber jährlich in der Schweiz auch gegen zwei Milliarden Bahn- und Buspassagiere auf Stoffen aus Langenthal...
Urs Rickenbacher: Das ist so. In der Schweiz gibt es praktisch keine öffentliche oder private Bahn, die nicht ganz oder in Teilen von uns ausgerüstet worden ist. Auch in den Postautos sowie den meisten Trams und Bussen der städtischen Verkehrsbetriebe sind die Stoffe von uns. Bei Bern Mobil haben wir sämtliche Fahrzeuge ausgerüstet, bei den Verkehrsbetrieben in Zürich auch. Unser Marktanteil liegt zwischen 80 und 90 Prozent.
Die Airlines verspüren die Krise und schieben Investitionen hinaus. Wie sieht dies im Bahngeschäft aus?
Hier spüren wir den Konjunktureinbruch deutlich weniger als in der Luftfahrt. Das Bahngeschäft ist ein typisches Projektgeschäft – von langfristiger Hand geplant. In den meisten Ländern laufen sowohl bei den nationalen als auch bei privaten Bahngesellschaften wichtige Neubauprojekte oder langfristige Erneuerungsprogramme.
Die zu erwartende Steigerung des Passagieraufkommens und der Erneuerungsbedarf haben die SBB zur bisher grössten Rollmaterial-Ausschreibung veranlasst. Führt das bei Ihnen zu Grossaufträgen?
Nachdem die SBB bereits über den Nahverkehr entschieden haben und die doppelstöckigen Züge von Stadler Rail mehrheitlich von uns ausgerüstet worden sind, steht nun die Beschaffung von Rollmaterial im Fernverkehr an. Da hoffen wir natürlich fest, dass wir einen Teil davon abdecken können.
Welche Bedeutung hat das Ausland?
Bei der Deutschen Bahn und bei den SNCF in Frankreich sind wir ein regelmässiger Lieferant. Beim Nahverkehr sind wir in Dutzenden von deutschen und französischen Städten vertreten. Von Kontinentaleuropa aus möchten wir nun in Richtung Skandinavien und Grossbritannien expandieren. Der Bahnmarkt dürfte in den nächsten 10 bis 15 Jahren um 5 bis 8 Prozent wachsen. Für uns entwickelt sich dieser Bereich deshalb zu einem grösseren, tragenden Element, das von der Konjunktur nur wenig beeinflusst wird.
Wie gross ist der Umsatzanteil des Bahngeschäfts?
Etwa 17 Prozent, jener der Luftfahrt liegt bei rund 76 Prozent.
Lantal rüstet weltweit sieben von zehn Flugzeugsitzen mit Stoffen aus. Was bringt Ihnen dieses Wissen für die Bahnindustrie?
Die Standards in der Luftfahrtindustrie können bei den Bahnen nicht einfach über Bord gekippt werden. Anforderungen und Design nähern sich immer mehr an. Solche Brückenschläge wirken sich für uns positiv aus. Wir können das Knowhow aus der Luftfahrt in den Bahnbereich einbringen.
Im Flugzeug spielt das Gewicht des Sitzes aus Kostengründen eine grosse Rolle. Auch in der Bahn?
Dem Gewicht kommt auch im Bahnbereich eine immer grössere Bedeutung zu. Dies jedoch weniger, um – wie beim Flugzeug –die Betriebskosten zu reduzieren. Es geht vielmehr darum, das Gewicht überhaupt noch transportieren zu können. Zum Beispiel beim Cisalpino, der am Gotthard offenbar ein Gewichtsproblem hat. Da sucht man nun nach Lösungen, um das Gewicht der Zugskomposition zu reduzieren. Zudem stossen auch Hochgeschwindigkeitszüge an ihre Grenzen, weil sich das Gewicht auf den Langstrecken negativ auswirkt.
Gehen Sie davon aus, dass das neue pneumatische Sitzsystem von Lantal auch in der Bahn Einzug hält?
Ja, wir wollen die Luftkissen auch in den Zug bringen. Im Bahnverkehr spielt nicht nur das Gewicht eine Rolle, sondern auch das steigende Bedürfnis nach mehr Komfort auf längeren Strecken. Bis zu 600 Kilometer Distanz ist heute die Bahnfahrt oft eine echte Alternative zum Flug. Mit unseren Textilien wie auch mit dem neuen Sitzkissen können wir dazu einen echten Beitrag leisten. Es ist unser Ziel, dass die Reisenden auch im Zug auf Luftkissen sitzen.
Im europäischen Bahnverkehr gilt künftig ein neuer Sicherheitsstandard. Sind Sie dafür gerüstet?
Die neue europäische Norm EN-45545 bezüglich Schwerentflammbarkeit, Rauchentwicklung und Toxizität von Stoffen im Bahnbereich tritt 2011 in Kraft. Sie löst unterschiedliche länderspezifische Normen ab, die sich teils sogar widersprechen. In den letzten zwei Jahren haben wir deshalb viel Geld in Laboreinrichtungen investiert, um Sitzbezugsstoffe und Teppiche auf die neue EN-Norm hin zu testen. Wir sind heute im weltweiten Vergleich sehr gut aufgestellt, um die aktuellen Anforderungen, die sich von der Transporttechnik her stellen, mit der textilen Ausstattung zu kombinieren.
Ein grosses Potenzial für Lantal?
Ja. Viele Bahnunternehmen in Europa sind gezwungen, ihr Rollmaterial der neuen Norm anzupassen. Alle neuen Bahnprojekte, die heute zur Diskussion stehen, müssen die neue Norm bereits berücksichtigen, beim bestehenden Rollmaterial besteht eine Übergangsfrist. Wir stellen unsere Laboreinrichtungen im Sinne einer Dienstleistung denn auch allen Rollmaterial- und Sitzherstellern sowie auch Textilfirmen für Tests zur Verfügung. Das wird rege genutzt.
Sie statten auch Reisebusse und Kreuzfahrtschiffe mit Sitzbezügen und Teppichen aus. Wie entwickeln sich diese Nischenmärkte?
Bei den Reisebussen gibt es zwei Trends: Einerseits einen Nischenmarkt mit Qualitätsanbietern, die hohe Standards setzen. Hier gibt es viele gute Beispiele im Schweizer Busreisemarkt. Dieser Markt wird weiter zunehmen, und da bleiben wir auch dabei. Andererseits ist in Europa und auch in den USA ein Massenmarkt entstanden, bei dem nur noch das Volumen im Vordergrund steht. Aus diesem Grund ist dort der Preisdruck heute so gross, dass wir uns nicht mehr weiter engagieren wollen.
Und im Schiffsmarkt?
Kreuzfahrtschiffe haben wir ursprünglich nur über unsere Tochterfirma in den USA ausgestattet, weil dort die meisten Schiffsbetreiber zu Hause sind. Inzwischen haben wir intensive Marktanalysen vorgenommen und wollen das Jahr 2009 nutzen, um den Schiffsmarkt neu zu beurteilen. Es ist ein interessanter Nischenmarkt mit grossen Volumina – in den nächsten vier, fünf Jahren werden über 30 grosse Schiffe gebaut. Dies vor allem in Norddeutschland, Skandinavien und Italien.
Wie lauten die Erkenntnisse Ihrer Analysen?
Es gibt relativ wenige grosse Hersteller im Markt, womit das Geschäft Ähnlichkeiten mit der Luftfahrt- und der Bahnindustrie aufweist. Unsere Kollektionen für Geschäftsflugzeuge und der Bedarf im Premiumbereich der Schiffe decken sich zu 30 bis 50 Prozent. Das erleichtert den Einstieg für uns. Zudem kommt uns entgegen, dass die Bedürfnisse bezüglich Entflammbarkeit und Toxizität der Textilien ähnlich sind. Unsere Erwartungen sind deshalb hoch. Im ersten Halbjahr sind wir bereits für so viele Projekte angefragt worden, dass wir die Testphase verlängern. Den Grundsatzentscheid über ein verstärktes Engagement bei Kreuzfahrtschiffen werden wir Ende 2010 fällen.
Auf den rückläufigen Auftragseingang im Flugzeuggeschäft haben Sie mit Kurzarbeit und Stellenabbau reagiert. Wie ist der aktuelle Stand?
Wir hatten ab März in einzelnen Bereichen Kurzarbeit. Die Massnahme wurde ab Mai für alle 330 Beschäftigten in Langenthal und Melchnau beantragt, wobei wir in der Praxis sehr flexibel vorgehen. Die Teppichweberei zum Beispiel ist derzeit aufgrund des Auftragseingangs voll ausgelastet. Aktuell arbeitet etwa die Hälfte der Belegschaft kurz. Abgebaut wurden insgesamt 20 Stellen.
Sind weitere Massnahmen geplant?
Nein. Wir gehen von einer leichten Erholung im zweiten Halbjahr und im ersten Halbjahr 2010 aus und wollen deshalb unter keinen Umständen weitere Stellen abbauen. Derzeit scheint es möglich, dass wir zwischen November und Februar aus der Kurzarbeit herauskommen könnten.
Mit welchem Ergebnis rechnen Sie für 2009?
Der Umsatz wird zurückgehen, aber wir bleiben in den schwarzen Zahlen. Ab 2010 rechnen wir mit einer Normalisierung des Geschäftsgangs. Bis wir jedoch den Rekordstand von 2007 und 2008 wieder erreichen, dürfte es 2012 werden.
Worauf beruht dieser Optimismus?
Die Fluggesellschaften können die Erneuerung des Interieurs nicht laufend hinauszögern, die Stoffe und Teppiche nutzen sich ab und müssen irgendeinmal wieder ersetzt werden. Zum Aufschwung werden aber auch die Projekte beitragen, die wir gegenwärtig in der Pipeline haben. (Der Bund)
Erstellt: 17.09.2009, 08:31 Uhr




