Zeitung heute
«Wir sind unfähig, zu trennen»
Zur Person
Wladimir Ryschkow, 43, war von 1993 bis 2007 demokratischer Duma-Abgeordneter und lehrt heute als Professor an der Moskauer Higher School of Economics.
«Der Bund»: Deutschland überfiel Polen wenige Tage nach der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts. Ist Moskau mitverantwortlich für den Kriegsausbruch?
Wladimir Ryschkow: Der Hauptschuldige ist der Aggressor Hitler. Eine grosse Verantwortung tragen aber auch Chamberlain und Daladier mit ihrer Befriedungspolitik gegenüber Hitler. Auch die USA, die sich zu neutral verhielten. Aber natürlich haben die UdSSR und Stalin eine gewaltige Mitverantwortung. Stalin hätte ja die Möglichkeit gehabt, sich mit Frankreich und England zu verbünden. Oder einfach den Vertrag mit Hitler nicht zu unterschreiben. Aber Stalin nutzte den Vertrag für seine eigenen Aggressionen und marschierte am 17. September in Ostpolen ein; auch sein Angriff auf Finnland 1940 war mit Hitler verabredet. Das war ein verbrecherischer Pakt.
In Russland erbost man sich heute darüber, dass europäische Historiker Nationalsozialismus und Stalinismus als totalitäre Systeme gleichsetzen.
Was hatten beide Systeme gemeinsam? Ein Einparteiensystem, politischen Terror, Zensur, beschnittene Rechte und Freiheiten. Wenn man ihre unterschiedlichen Ideologien beiseite lässt, dann weisen beide die Herrschaftsmechanismen eines totalitären Regimes auf. Aber es ist eine andere Frage, welche Rolle sie im Zweiten Weltkrieg gespielt haben. Hitler war der Aggressor. Die Sowjetunion aber war zusammen mit England und den USA seine Hauptgegnerin. Und die Sowjetunion hat die entscheidende Rolle beim Sieg über Hitlerdeutschland gespielt.
Das offizielle Russland entschuldigt alle Sünden Stalins damit, dass er den Krieg gewonnen hat.
Wir sind nicht in der Lage, unseren Sieg ohne Stalin zu feiern. Wir sind unfähig, zu trennen. Zwischen dem Heldenmut und den Opfern der Sowjetvölker. Und den Verbrechen Stalins: der Annexion des Baltikums, den Aggressionen gegen Polen und Finnland. Wir müssen uns endlich von Stalins Erbe lossagen, seine Repressionen und Eroberungen verurteilen, aber dabei klarstellen, dass das neue, demokratische Russland ein anderes Land ist.
Ganz offenbar fehlt der Wille, sich von Stalin zu distanzieren. Warum?
Das liegt daran, dass unser Staat von Staatssicherheitsleuten regiert wird. Sie tragen korporative Verantwortung für Repressionen während des Krieges. Wer hat Zehntausende unserer Soldaten erschossen, Millionen in Arbeitslagern festgehalten, die Massendeportationen und Hinrichtungen im Baltikum und in Polen veranstaltet? Junge Staatssicherheitsdienstler, die später, in den 1970er-Jahren, die Lehrer jener Leute waren, die heute im Kreml sitzen. Seit Wladimir Putin an der Macht ist, wird Stalin rehabilitiert. (Der Bund)
Erstellt: 01.09.2009, 08:04 Uhr



