«Gut für die bernische Volksseele»

Von . Aktualisiert am 15.05.2009

Der «Bund» lebt weiter: Über den Erhalt der Pressevielfalt freuen sich zahlreiche Exponenten der bernischen Öffentlichkeit. Dass es bei «Bund» und «Tages-Anzeiger» zu einem grossen Stellenabbau kommt, wird sehr bedauert.

Alexander Tschäppät, Stadtpräsident Bern: «Es ist bedauerlich, dass es nicht gelungen ist, den ,Bund‘ vollumfänglich als eigenständiges Blatt zu erhalten. Gleichwohl ist der Entscheid positiv zu werten, weil die Bundesstadt weiterhin über zwei redaktionell unabhängige Tageszeitungen verfügt. Der Gemeinderat erhofft sich dadurch mehr journalistische Meinungsvielfalt. Zum anderen ist der Entscheid auch ein Bekenntnis zur Bundesstadt. Damit trägt die Tamedia AG der Bedeutung Berns als Politzentrum der Schweiz Rechnung.»

Pedro Lenz, Schriftsteller: «Ein ,Tages-Anzeiger‘ mit ein wenig bernischer Einfärbung dünkt mich nicht die schlechteste Lösung, aber glücklich macht es doch nicht. Klar scheint mir, dass eine Zeitung verloren geht, das heisst, eine eigene Zeitung mit eigener Redaktion und eigener Verantwortung. Dass man den ,Kleinen Bund‘ fallen lässt, finde ich eine Katastrophe. Der ,Kleine Bund‘ ist die letzte Beilage dieser Art. Er ist schweizweit einzigartig. Wenn man das Einzigartige einfach so aufgibt, heisst das, dass die, die das entschieden haben, keinen Sinn für das Andere haben, also so drauf sind wie der Mainstream.»

Nicole Loeb, Delegierte Verwaltungsrat Loeb-Gruppe: «Ich bedaure, dass uns der ,Bund‘ in seiner jetzigen Form nicht erhalten bleibt und Arbeitsplätze verloren gehen. Auf der anderen Seite bin ich froh, dass es den ,Bund‘ weiterhin gibt. Der Entscheid trägt dazu bei, dass die Medienvielfalt in der Region Bern aufrechterhalten wird. Ich hoffe sehr, dass sich das neue Konzept auch längerfristig bewährt.»

Henri Huber, Präsident Berner Theatergenossenschaft, ehem. Gemeindepräsident Köniz: «Die Zeitung und viele Arbeitsstellen bleiben erhalten. Darüber bin ich froh. Zu denken gibt mir, dass der ,Kleine Bund‘ aufgegeben wird. Ich sehe Parallelen zum Stadttheater, das sich auch restrukturieren und dabei vielleicht seine innovativste Sparte, das Ballett, aufgeben muss.»

Matthias Frehner, Direktor Kunstmuseum Bern: «Das Ende des ,Bund‘ in seiner heutigen Form ist ein grosser publizistischer Verlust. Nicht nur für Bern, sondern für die ganze Schweiz. Er war eine Tageszeitung mit klarer Meinung. Nun muss er sich damit begnügen, jene Aspekte abzudecken, die einen Bern-Bezug haben. Ich wünsche mir eine kämpferische Crew, die das Stück Eigenständigkeit bewahrt, das man ihr zugesteht.»

Roger Blum, Professor für Medienwissenschaft Uni Bern: «Publizistisch ist es hervorragend, dass der ,Bund‘ als eigenständige, wenn auch synergetisch mit dem ,Tages-Anzeiger‘ verknüpfte Zeitung bestehen bleibt. Das bedeutet publizistische Vielfalt, gegenseitige Kontrolle und Wettbewerb. Andererseits ist der Abbau von 40 Prozent bei den ,Bund‘-Redaktionsstellen und fast 25 Prozent beim ,Tages-Anzeiger‘ alarmierend. Das ist der falsche Weg. Es kommt mir vor wie eine Fussballmannschaft, die mit acht Spielern auskommen muss. Es ist eine Schwächung des Qualitätsjournalismus, der sich mit Analysen, Kommentaren, Fachwissen und Gedächtnis von oberflächlicher gemachten Medien und Gratiszeitungen abheben sollte.»

Beat Giauque, Gemeindepräsident Ittigen, Vizepräsident Verein Region Bern: «Der Worst Case mit nur noch einer Berner Tageszeitung ist zum Glück nicht eingetroffen, die Medienvielfalt bei lokalen Themen besteht weiterhin. Ich begrüsse, dass künftig in der ,Berner Zeitung‘ und im ,Bund‘ nicht mehr der gleiche Sportteil zu finden sein wird. Froh bin ich, dass die Marke ,Bund‘ nicht verschwindet. Die Entlassungen sind bedauerlich. Ob sich das neue Konzept bewährt oder ob es nur eine Vorstufe zu einem reinen ,Tages-Anzeiger‘ in Bern ist, bleibt abzuwarten.»

Mark Balsiger, Koordinator Komitee «Rettet den Bund»: «Mit der Entscheidung für den ,Tages-Bund‘ wurde das drohende Pressemonopol abgewendet. Dass es nicht zur Fusion ,Bund‘/BZ kam, liegt auch am Engagement unseres Komitees. Wir appellieren an Tamedia als Eigentümerin, der Kooperation auf Jahre hinaus eine faire Chance zu geben. Sollte Tamedia ein Schlaumeierspiel treiben und die ,Bund‘-Redaktion schon bald wieder scheibchenweise abbauen, werden wir erneut auf den Plan treten. Das Komitee wird nicht aufgelöst.»

Peter Ziegler, Ehemaliger «Bund»-Chefredaktor: «Die ,Bund‘-Redaktion ist ein derart wunderbares krisengestähltes Team, dass es auch aus dieser Situation das Beste machen wird. Man muss aber klar sehen: Die Lösung läuft auf die Abschaffung Berns als publizistisch-politisch eigenständigem Medienstandort hinaus. Einem Polit-, Wirtschafts-, Kultur- und Wissensstandort, der nicht auch eigenständiger Medienstandort ist, mangelt es an Ausstrahlung und Gewicht – und er wird entsprechend weniger ernst genommen.»

Werner Luginbühl, Mitglied im Ko-Präsidium «Rettet den BunD»und BDP-Ständerat: «Mit dieser Entscheidung kann das drohende Pressemonopol abgewendet werden, das ist erfreulich. Unser Komitee hat sich deutlich gegen eine Fusion ,Bund‘/,Berner Zeitung‘ ausgesprochen. Vor diesem Hintergrund dürfen wir zufrieden sein.»

Franz von Graffenried, Burgergemeindepräsident: «Ich befürchtete, dass der ,Bund‘ verschwindet. Deshalb ist meine erste Reaktion positiv, weil damit die Pressevielfalt auf dem Platz Bern erhalten bleibt. Der Stellenabbau ist bei diesem wirtschaftlichen Umfeld wohl unumgänglich, aber dennoch bedauerlich.»

Markus Lergier, Direktor Bern Tourismus: «Bern als Hauptstadt der Schweiz hat Anspruch auf zwei Tageszeitungen. Das ist gut für die bernische Volksseele und ihr Selbstvertrauen. Zwei unabhängige Lokalressorts bieten Vielfalt. Sie schärfen das Bewusstsein für die Wichtigkeit des Tourismus und beleuchten dessen Anliegen auf verschiedene Weise. Gäbe es nur noch eine Zeitung, würde dieses Thema vielleicht unter den Tisch fallen.»

Impressum, grösste Journalistenorganisation der Schweiz: Wir sind bestürzt über den angekündigten Stellenabbau. Die publizistische Eigenständigkeit des ,Bund‘ ist zugunsten ökonomischer Interessen empfindlich eingeschränkt, aber Bern bleiben immerhin zwei Zeitungen erhalten. Ein selbstständiger ,Bund‘ wäre für Tamedia finanzierbar. Als grösste Journalistenorganisation fordern wir Tamedia auf, dem neuen,Bund‘ eine echte Chance zu geben. Wir setzen uns für eine möglichst weitgehende Selbstständigkeit der Redaktion ein. Den angekündigten Sozialplan begrüssen wir und werden die Betroffenen unterstützen.

Comedia, Die Mediengewerkschaft: Faktisch werden zwei Redaktionen an zwei Standorten zusammengelegt. Der ,Tages-Anzeiger‘ arbeitet vermehrt mit der Online-Plattform «Newsnetz» und der Gratiszeitung «News» zusammen. Damit tritt ein, wovor Kritiker seit Längerem warnen: Die Zeitungen erscheinen zwar unter verschiedenen Titeln, aber mit nahezu gleichem Inhalt. Wir sind bestürzt über den enormen Stellenabbau und verurteilen diesen weiteren Kahlschlag in den Redaktionen. 2008 hat Tamedia 100 Millionen Franken Gewinn erwirtschaftet. Für die Übernahme von Edipresse werden 226 Millionen eingesetzt. Statt am Personal und damit nicht zuletzt an der Qualität zu sparen, könnte das Geld auch für den Erhalt des Standards in den Redaktionen existierender Zeitungen eingesetzt werden. Tamedia trägt eine riesige Verantwortung für Medienqualität und -vielfalt. (cbn/ruk/mdü) (Der Bund)

Erstellt: 15.05.2009, 08:10 Uhr

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