Zeitung heute

Die Lust am letzten Schuss

Von Marlis Prinzing. Aktualisiert am 13.03.2009

Zwischen Twittern und Stammeln. Die Art und Weise, wie über den Amoklauf an einer Schule in der süddeutschen Kleinstadt Winnenden berichtet wurde, spiegelt auch Wohl und Wehe der Medienlandschaft – grenzübergreifend.

Medienmagnet: Das Massaker an der Albertville-Realschule in Winnenden wurde zum grenzüberschreitenden Thema.

Medienmagnet: Das Massaker an der Albertville-Realschule in Winnenden wurde zum grenzüberschreitenden Thema.

Artikel zum Thema

Die Autorin

Marlis Prinzing ist Journalistin und Kommunikationswissenschaftlerin.

Auf der Website des «Tages-Anzeigers» erschienen Texte von «stern.de», der «Blick» bezog weite Teile seiner Berichterstattung aus der «Bild»-Zeitung – das Massaker wurde zum grenzübergreifenden Thema. Aber auch die Fehlleistungen und Schwächen sind allüberall, mal mehr, mal weniger festzustellen. Viele trafen die alten wunden Punkte: Voyeurismus, viel Geplapper, wenig Hintergrund, Überdramatisierungen und Pseudoanalysen, Gedankenlosigkeiten, Fehler.

Tim beim vollen Namen zu nennen, wie es der «Blick» macht, ist eindeutig ein Fehler. Nicht nur, weil der Täter Eltern hat und eine jüngere Schwester . . . – jedenfalls hat er eine Schwester laut der Aussage einer Schülerin, wohingegen der «Tages-Anzeiger» einen Text anbietet über «Tim K.: Das Einzelkind, das Opern liebte». Uns führt das auf den nächsten Punkt: Plappern. Ohne eigene Recherche. Ohne Hintergrund. Hauptsache, man berichtete dauernd Neues – und viel.

Reihenweise werden Schüler und Schülerinnen interviewt, Passanten, die Tabakwarenverkäuferin, Passanten. Die bekannten Stereotypen tauchen auf: Sind Ballerspiele, wie sie bei Tim gefunden wurden, schuld oder zu lockere Waffengesetze?

«Zerquetschte Einwohner»

Dann folgt plötzlich eine neue Top-News: Hätte man alles verhindern können? Der Täter hat wenige Stunden zuvor im Internet, in einem Chat, seinen Plan angekündet! Schon kurze Zeit später kursierte: Fälschung! Das Posting des späteren Attentäters sei erst im Nachhinein erstellt und in Umlauf gebracht worden. Manche amüsieren sich über die angebliche Dummheit der Massenmedien, die auf die Geschichte angesprungen sind.

Das zeigt zweierlei: Mancher «Bürgerjournalist» könnte ein Doppelgesicht haben. Und es zeigt die generelle Orientierungslosigkeit. Dauernd erfahren wir irgendwas, doch wenig Substanzielles.

Gedankenlosigkeit zieht sich durch weite Teile der Berichterstattung. «Er hat noch zwei Menschen erschossen, die sind wohl definitiv nach Polizeikreisen auch tot.» (Reporterin des Privatsenders RTL vor Ort). Winnenden – «das ist ein kleiner Ort, 27000 und ein paar zerquetschte Einwohner» formuliert der Nachrichtensender «ntv» flapsig, in dieser Stunde eine ausserordentlich peinliche Formulierung.

Fast alle Medien erliegen dem Voyeurismus und der Lust am Showdown. Teils in voller Länge, teils mit Ausnahme des finalen Schusses können wir uns z. B. auf dem «Newsnetz» und auf vielen anderen Plattformen ein verwackeltes Amateurvideo von dem Parkplatz anschauen, auf dem der Täter unschlüssig hin und her geht, bis er niedergestreckt wird und sich den Todesschuss setzt.

Twittern, aber nach Regeln

Das Online-Medienmagazin «DWDL» berichtet über eine Irreführung auf dem Nachrichtenformat «N24». Unter einem Bild mit Polizisten, die sich hinter ihre Streifenwagen ducken, las man: «Polizisten auf der Jagd nach dem Amokläufer von Winnenden . . .». Das Auto hatte allerdings ein Erfurter Kennzeichen; es stammte offenbar von dem Amoklauf dort im Jahr 2002. Der Hinweis auf das falsche Bild stammt von einem Nutzer des Mikroblog-Dienstes Twitter. Twitter-Nutzer «Brunser» belegte das mit einem Screenshot.

Twitter ist ein soziales Netzwerk, über das man Mini-Textnachrichten mit höchstens 140 Zeichen senden und empfangen kann. Der Name kommt von «to tweet», auf Deutsch: zwitschern. Berühmt wurde der SMS-Dienst durch die Notwasserung einer Passagiermaschine im Hudson-River, weil dort als Erstes ein Foto des Unglücks zu sehen war. Zur Super-Quelle, vor allem auch für Journalisten, wurde Twitter dieses Mal nicht: Auch die Laienbeobachter vor Ort wussten nicht mehr, als über Agenturen zu erfahren war.

Neuland ist dennoch zu vermelden: «Focus-Online» richtete für die Amoklauf-Berichterstattung einen Twitter-Ticker ein. Man zwitscherte sich praktisch zu, was gerade geschah, wies auf neue Beiträge auf «Focus online» hin, Reporter vor Ort streuten ein, was sie sahen. «Geschmackssache», gibt der Chefredaktor von «Focus Online», Jochen Wegner, zu. Manche finden das pietätlos, ihm gehe es anders. Man habe schon länger überlegt, einen solchen zusätzlichen Redaktions-Account bei Twitter einzurichten, der Amok sei nur der Anlass gewesen, erklärte Wegner in einem Interview auf dem Medienportal meedia.de. Er warnt aber vor Hemmungslosigkeit: Jede Redaktion, die Twitter einsetzt, müsse sich zuvor Regeln geben.

Dramatisieren und Analysieren

«Blick.de» und «Bild.de» scheint alles noch nicht dramatisch genug: «Bild» malt ein Bild, wie es wohl gewesen sein muss, als Tim K. ins Klassenzimmer stürmte. Der «Blick» lässt in der Druckausgabe von gestern den Amoklauf in Zug vom September 2001 «hochkommen» und kündigt am Nachmittag online an: «Experte: Amoklauf bald auch bei uns». Dies werde «innert der nächsten fünf Jahre auch in der Schweiz Realität werden», bezieht man sich auf den Schweizer Notfall-Psychologen Herbert Wyss, der in 36 Fällen schon vorbeugend eingegriffen haben will. In der Psychologie nennt man so etwas eine «self-fulfilling prophecy», eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Weil eben keiner eine wirkliche Erklärung hatte für das «Monster im 17-Jährigen» («Blick»), begaben sich manche Journalisten selbst auf die Suche. Da wird dann einfach abgezählt und schon schwebt ein Motiv im Raum: «Warum schoss er nur auf Frauen?», schrieb der «Blick». Und weiter: «Elf seiner Opfer waren weiblich (drei Lehrerinnen, acht Schülerinnen).» Das Blatt analysiert: «Hatte er ein Frauenproblem?» Abgesehen von der Banalpsychologie, die überdies, etwas abgeschwächt, auch in anderen Blättern zu lesen ist: Diese Darstellung ist ausserordentlich zynisch gegenüber den drei erschossenen Männern und ihren Angehörigen.

«Wir verstehen diese Tat nicht»

Der damalige deutsche Bundespräsident Johannes Rau schloss seine Trauerfeier für die Opfer das Amoklaufs in Erfurt mit den Worten: «Wir sollten uns eingestehen: Wir verstehen diese Tat nicht.»

Das gilt auch heute, und auch für Journalisten. Auch das darf man öffentlich machen. (Der Bund)

Erstellt: 13.03.2009, 09:49 Uhr

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