Bernisches Kantonal-Musikfest: «Los der Götter»
Ob Fagott, Oboe, Waldhorn oder Tuba: Am kantonalen Musikfest in Büren an der Aare schwirren allerlei Töne durch die Luft. Insgesamt treten 125 Blasmusiken gegeneinander an. Sie spielen an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden. Neben Ländler und Marschmusik stehen auch Konzertmusiken auf dem Programm. Die Knabenmusik Bern (KMB) hat am Sonntag gespielt und auf den ersten Platz gehofft.
In der Knabenmusik musizieren auch Mädchen – zurzeit sogar mehr als Jungen. Insgesamt 56 Musikerinnen und Musiker sind am frühen Sonntagmorgen nach Büren gereist. Um 7 Uhr werden die Spielzeiten bekannt gegeben: Die KMB wird ihre beiden Stücke um 9.20 Uhr vortragen – als letzte Gruppe ihrer Kategorie. Es bleibt genügend Zeit, um die Siebensachen auszupacken und kribbelig zu werden.
In der Garderobe ist die Nervosität greifbar: In dem abgedunkelten Raum drängen sich die Musiker und Musikerinnen. Hie und da entwischt ein verirrter Klang aus einem Instrument, gedämpftes Murmeln ertönt in einem riesigen Chaos aus Taschen, Tischen, Stühlen, Instrumenten –und Musikern. «Vergesst nichts; nehmt eure Ersatzblätter und Dämpfer mit», ermahnt Dirigent Cornelius Wegelin die Bläser und Trommler, bevor sich die Gruppe auf den Weg in den Musikpavillon macht: Dort soll das Einspiel die letzten Unsicherheiten wegblasen.
«Ja, natürlich bin ich nervös!» Mirjam Bigler spielt Klarinette – seit 13 Jahren ist sie bei der Knabenmusik Bern dabei. Sie hat sich rote und schwarze Streifen auf die Fingernägel gemalt – die Farben für Bern. «Das hat uns einmal Glück gebracht, seither streichen wir die Nägel vor jedem Wettbewerb», erklärt ihre Freundin. Als sich die Musiker für das Einspiel setzen, ordnet sich das Durcheinander: Jeder kennt seinen Platz; die ganze Aufmerksamkeit gilt dem Dirigenten. In den kurzen Pausen zwischen den Übungspartien durchbrechen einzelne Lacher die Spannung; eine PET-Flasche fällt zu Boden.
Lauter! leiser! schneller! knackiger oder glockiger: Wegelin weiss genau, wie die einzelnen Partien tönen sollen und wo die Schwächen seiner Schützlinge liegen. «Die Gruppe vor uns hat sehr schön gespielt; das können wir auch so gut!», ermuntert er. Dann ist es so weit.
Das Aufgabenstück ist die Komposition «Abu Simbel» von Ferrer Ferran. Das Stück erzählt aus der Zeit des Pharao Ramses II. Als zweite Darbietung hat Wegelin «Fates of the Gods» oder «Das Los der Götter» von Steven Reineke gewählt: Eine nordische Saga über die Götterdämmerung, den Weltuntergang und den Neubeginn im vollkommenen Glück. «Ich habe auf Besetzung und Können geachtet –und ich wusste, dass die Musiker das Stück mögen», erklärt Wegelin die Wahl. Die KMB spielt heuer in der zweiten Klasse; in derselben Kategorie hat sie beim letzten Kantonal-Musikfest den ersten Platz erreicht – das war vor fünf Jahren.
Endlich auf der Bühne: Die Zuschauerränge sind gut besetzt. Ein letztes Mal werden schweissige Hände an den Hosen abgewischt, Stühle rücken, sonst bleibt es still: Kein Ton entschlüpft zu früh. Die Harmonie wird sichtbar, wenn sich eine Reihe Musiker synchron nach vorne beugt, um ein Blatt umzulegen und dann die Instrumente ansetzt. Spontane «Oi-Rufe» aus dem Publikum schliessen die Darbietung der KMB.
Nach dem Spiel stehen Fototermine an; 56 Musiker wandern mit den Instrumenten vor die Holzbrücke in der Altstadt und lächeln. Die Resultate werden am Abend bekannt gegeben. Sicher ist einzig, dass weder das Los noch die Götter über die Platzierung der KMB entscheiden. Am diesjährigen Fest arbeitet die Jury verdeckt, das heisst, die Experten können nicht sehen, welche Gruppe sie beurteilen. Das verhindere, dass sie einen Jugendbonus hätten, meint Konrad Weber; er spielt Posaune. Die Musiker der Knabenmusik sind zwischen 11 und 25 Jahre alt und damit bei den Jüngsten. Am Nachmittag sieht das Programm den Musik-Marsch durch das Städtchen vor. Erst dann wird verkündet: Die Knabenmusik Bern hat es diesmal nur auf den elften Platz geschafft. (Der Bund)
Erstellt: 15.06.2009, 11:58 Uhr




