Fallzahlen unter Verschluss

Hat ein Spital bei bestimmten Eingriffen zu wenig Erfahrung, gehen die Patienten Risiken ein. Patientenorganisationen fordern mehr Transparenz zu den Fallzahlen.

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In «einigen Spitälern wird zu viel gemacht bezüglich Lebensverlängerung», erklärte Regierungsrat Perrenoud vor einem halben Jahr. Er sagte nicht, welche Spitäler das sind. Die Qualität der medizinischen Leistungen ist im Kanton Bern noch weniger transparent als in einigen andern Kantonen. Solange Komplikationsraten, im Spital aufgelesene Infektionen, ungeplante Reoperationen und Rehospitalisationen nicht vergleichbar erfasst und pro Spital oder Spitalabteilung veröffentlicht werden, verlangen Patienten- und Konsumentenorganisationen, dass die Öffentlichkeit wenigstens erfährt, wie häufig Chirurgen und Spitäler bestimmte Operationen durchführen.

Führt ein Spitalteam eine Operation nur selten durch, kommt es laut übereinstimmenden internationalen Studien häufiger zu Fehlern und Komplikationen. Regierungsrat Perrenoud gibt zu, dass «kleinere Spitäler in ländlichen Regionen vergleichsweise niedrige Fallzahlen haben». Doch gerade auch deshalb will er die Fallzahlen der Hüftersatz-, Kniegelenkersatz-, Herzklappen-, Bypass-, Brust- oder Gebärmutteroperationen der einzelnen Spitäler nicht bekannt geben. Solche Fallzahlen seien «kein verlässlicher Indikator für Qualität», und deren Veröffentlichung «kann deshalb nicht wirklich zu einer zweckdienlichen Information der Öffentlichkeit beitragen».

Transparenz von Fall zu Fall

Obwohl laut Perrenoud «nicht zweckdienlich», geben einzelne Berner Spitäler ihre Fallzahlen bekannt. Das Ärzte- und Pflegeteam des Spitals RSE Burgdorf entfernte im 2007 nur jeden fünften Tag eine Gebärmutter, das Spital STS Thun dagegen fast täglich. Das gleiche Spital ersetzt täglich mehr als ein Hüftgelenk, das Spital RSE Burgdorf fast täglich. Dagegen sieht das Pflegeteam der Thuner Klinik Hohmad nur alle drei Wochen einen Hüftgelenk-Patienten.

Zu wenig Erfahrung

Die Kliniken Siloah Gümligen und Linde in Biel führten nicht einmal alle vierzehn Tage eine Brustoperation durch. In solchen Spitälern, die zu wenig Erfahrung haben und nicht nach den Richtlinien des Europäischen Parlaments arbeiten, riskieren Frauen ihr Leben, warnt Beat Thürlimann, Chef des Brustkrebszentrums des Kantonsspitals St. Gallen. Er stützt sich auf eine aktuelle Studie der Krebsregister über Brustkrebs-Patientinnen. Die Richtlinien verlangen eine Mindestfallzahl von 150 Erstoperationen pro Jahr.

Das Inselspital hat nicht veröffentlicht, dass es letztes Jahr 101 Erstoperationen durchgeführt hat. Das Brustzentrum Aare ist kein Zentrum nach europäischen Richtlinien, sondern umfasst acht dezentrale Spitäler, jedes mit nur wenigen Erstoperationen, im Durchschnitt unter dreissig pro Jahr. Genaue Zahlen sind nicht veröffentlicht.

In jedem der acht Spitäler arbeiten die teilnehmenden Chirurgen, Radiologen, Onkologen und das Pflegepersonal zwar meistens zusammen, kommen jedoch auf viel zu wenig Fallzahlen.

«Die Regierung muss die Fallzahlen aller Operationen und alle erfassten Qualitätsindikatoren endlich im Internet veröffentlichen», fordert Erika Ziltener, Präsidentin des Dachverbands Schweizerischer Patientenstellen. Das Veröffentlichen der Fallzahlen zwingt Spitäler zu einer Spezialisierung oder zur Schliessung. Beides spart Kosten.> (Der Bund)

Erstellt: 08.09.2009, 01:16 Uhr

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