«Zur Frau umgebastelt»

Daniela Truffer wurde als Zwitter geboren und zum Mädchen umoperiert. Heute kämpft sie für das Recht zwischengeschlechtlicher Menschen auf Selbstbestimmung.

Gestern demonstrierte eine Gruppe Zwitter vor dem Inselspital Bern – unter ihnen: Daniela Truffer.

Gestern demonstrierte eine Gruppe Zwitter vor dem Inselspital Bern – unter ihnen: Daniela Truffer.

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Gestern hat Daniela Truffer mit einem Grüppchen Gleichgesinnter vor dem Berner Inselspital protestiert. Es ist der Ort, wo ihr Leben kaputt gemacht wurde, wie sie sagt. Dort habe man sie «zurechtgestutzt» und «zur Frau umgebastelt». Gegen solche Zwangsoperationen richtet sich die Aktion der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org. Sie will die Öffentlichkeit über die Langzeitfolgen solcher Eingriffe aufklären: dass solche Operationen lebenslängliche, die Gesundheit schädigende Hormonersatz-Therapien notwendig machen. Dass sie das sexuelle Empfinden der Betroffenen vermindern oder gänzlich zerstören. Und dass sie nach Meinung namhafter Experten ethische Grundsätze verletzen und auch strafrechtlich nicht haltbar sind.

Daniela Truffer ist ein Zwitter, ein Hermaphrodit, eine Intersexuelle. Zwitter ist der Ausdruck, den sie bevorzugt. Weil er direkt und ehrlich ist. Nach Jahrzehnten von Schmerz und Scham hat sie sich dazu durchgerungen, «die elende Last der Lüge» nicht länger auf sich zu nehmen, sondern die Dinge beim Namen zu nennen. So hat Truffer die Selbsthilfeorganisation Zwischengeschlecht.org mitbegründet.

«Kastriert hat man mich»

Und sie erzählt ihre Geschichte: Wie sie 1965 ohne «eindeutige Geschlechtsmerkmale» geboren wird – mit einem männlichen Chromosomensatz, einem Mikropenis und einem wenig ausgebildeten Hodensack, der Schamlippen ähnlich sieht. Wie andere Zwitterkinder wird sie so früh wie möglich einem bestimmten Geschlecht zugewiesen – für ihr Wohl, damit sie in Familie und Gesellschaft ihren Platz finden kann. Meist entscheiden sich die Ärzte in solchen Fällen für das weibliche Geschlecht, weil diese Operation einfacher ist. Daniela entfernt man mit nur zweieinhalb Monaten die gesunden Hoden. «Kastriert hat man mich», sagt sie. Als Daniela 7 ist, wird der Mikropenis zur Klitoris verkürzt, mit 18 bekommt sie eine künstliche Scheide. Es sind schmerzhafte Eingriffe, die nie mehr rückgängig zu machen sind.

Die Eltern wissen, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt. Sie schämen sich und geben diese wortlose Scham an Daniela weiter. Diese sieht selbst, wie verschieden sie von ihrer Schwester ist und verinnerlicht, dass über all das, was immer es ist, nicht gesprochen werden darf. Zu Hause nicht und erst recht nicht vor Aussenstehenden.

Die Ärzte speisen die Familie mit Halbwahrheiten ab. Die erste Operation wird mit «verkümmerten Eierstöcken» erklärt, die entfernt werden mussten. Mit den fehlenden Eierstöcken wird später begründet, dass das Mädchen ab 12 Jahren Hormone schlucken muss. Als Daniela im Auftrag der Mutter es einmal wagt, den Hausarzt zu fragen, ob die Entfernung der Eierstöcke wirklich nötig gewesen sei, schleudert der ihr an den Kopf, es seien ihr ja die Hoden wegoperiert worden, und stürmt aus dem Raum. In der Krankenakte, die er liegen lässt, sieht Daniela erstmals schwarz auf weiss bestätigt, was sie längst vermutet hat: «Pseudohermaphroditismus masculinus» steht da. Abartig ist sie also. Abnormal. Wertlos.

Im Internet entdeckt Truffer, dass sie mit ihrem Leid nicht allein ist. Dass einer von rund 2000 Menschen intersexuell geboren wird – in der Schweiz sind es pro Jahr um die 40. Dass ein Drittel der Betroffenen Selbstmord begeht. Dass es Zwitter-Selbsthilfegruppen gibt. Sie fängt eine Psychoanalyse an und findet aus ihrer selbstzerstörerischen Scham heraus. Sie verliebt sich, lernt, «aussen hübsch und unauffällig, nur innen ruiniert», einen Mann kennen, der sie als Frau sieht, aber auch als Zwitter akzeptiert.

Vielleicht wäre sie Vater geworden

Nie wird sie wissen, wie es gewesen wäre, mit dem Körper zu leben, der ihr genommen wurde. Wie sie wäre, wäre sie nicht als Mädchen sozialisiert worden und hätte nicht jahrelang weibliche Hormone schlucken müssen. Grösser wahrscheinlich, muskulöser, kantiger, männlicher. Vielleicht wäre die Spermaproduktion genügend gross gewesen, damit das Zwitterwesen, das sie einst war, Vater geworden wäre. Es sind Möglichkeiten, die man ihr vorbehalten hat. Und die Wut darüber gibt ihr die Kraft, dafür zu kämpfen, dass in Zukunft kein Zwitter ohne seine Einwilligung operiert wird. Es ist kein vergeblicher und kein einsamer Kampf: In Deutschland hat eine Intersexuelle letzte Woche in dritter Instanz den Prozess gegen den Arzt gewonnen, der ihr die Fortpflanzungsorgane wegoperiert hatte. Andere Prozesse sind in Vorbereitung.

Viele Spitäler betonen, heute werde niemand mehr zwangsoperiert. Truffer bestreitet dies. Es werde immer noch unnötig eingegriffen. Natürlich gebe es Fälle, wo Operationen nötig sind, um das Leben eines Kindes zu erhalten, sagt Tuffer. Wenn beispielsweise die Harnröhre verkümmert und der Harnabfluss verhindert ist. Doch in den meisten andern Fällen könne mit einem «geschlechtszuordnenden Eingriff» zugewartet werden, bis die Betroffenen im Stande sind, sich selber zu entscheiden.: «Nur das», sagt Truffer, «wäre Liebe und Respekt vor dem Leben.»



<@>www.zwischengeschlecht.org

> (Der Bund)

Erstellt: 17.08.2009, 16:07 Uhr

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