Zeitung heute
Wut und Trauer einritzen
«Ich habe damit angefangen, als ich zwölf Jahre alt war.» Heute ist Jasmine* siebzehn, sie lässt sich zur Arztgehilfin ausbilden und trifft sich gern mit Freunden. Jasmine führt das Leben eines normalen Teenagers – meistens. «Der Druck kommt phasenweise», erzählt die aufgestellte Frau, «immer, wenn ich mich schuldig fühle, dass ich einem Freund nicht helfen kann.» Es sei wie ein Zwang, sie müsse sich für ihr Versagen bestrafen – dann ritze sie sich mit einem scharfen Gegenstand die Haut auf. «Ich nehme ein Messer, eine Rasierklinge oder was ich sonst gerade zur Hand habe.»
Narben als Strafe
Sie sei schon früh mit Menschen in Kontakt gekommen, die das gemacht hätten. Irgendwann habe ein Freund mit Selbstmord gedroht. Dies habe sie enorm unter Druck gesetzt. «Die Schuld löst sich erst mit der Bestrafung», sagt Jasmine. Rational könne sie sich zwar dagegen entscheiden, sich zu verletzen, aber in solchen Phasen sei der Zwang grösser als die Vernunft. «Jede Narbe steht für eine Strafe», erzählt Jasmine. Selten werde sie auf die Narben angesprochen – hauptsächlich von Gleichaltrigen. Erwachsene registrierten die Narben zwar, wendeten den Blick aber ab, sobald sie sich beobachtet fühlten. «Das Thema ist tabu», sagt sie. «Meine Eltern wissen, dass ich mich ritze.» Mit der Mutter habe sie ganz am Anfang darüber gesprochen, doch diese habe nicht damit umzugehen gewusst; sie hätten dann aufgehört, darüber zu sprechen.
«Jugendliche gehen viel ungezwungener damit um», erzählt Jasmine. Oft könnten sie die Motivation auch besser nachvollziehen. «Viele meiner Freunde lesen Jugendmagazine wie ,Bravo‘ oder ,Popcorn‘, dort gibt es Berichte zu Themen wie Sexualität, Drogen oder eben auch zum Ritzen.»
«Im Sommer trage ich T-Shirts»
Vor etwa einem Jahr habe sie beschlossen, sich so zu akzeptieren, wie sie sei. «Ich habe aufgehört die Narben zu verstecken, im Sommer trage ich nun T-Shirts», sagt Jasmine. « Ich will offen mit dem Problem umgehen.» Sie habe Kontakt mit anderen gesucht, die mit demselben Problem kämpfen. So sei sie an das Selbsthilfezentrum Bern-Mittelland gelangt. «Da es keine Gruppe zum Thema Selbstverletzung gab, haben mir die Leute dort vorgeschlagen, eine eigene Gruppe zu gründen.» Dies hat die 17-Jährige in Angriff genommen. Sie wird vom Selbsthilfezentrum Bern begleitet.
Gemeinsam in die Selbsthilfe
«Bei der Selbsthilfe geht es in erster Linie darum, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen», sagt Klaus Vogelsänger, Stellenleiter des Selbsthilfezentrums Bern-Mittelland. Das Wissen, mit seinen Fragen und Ängsten nicht allein zu sein, sei sehr zentral. «Der geschützte Rahmen einer Selbsthilfegruppe erlaubt es, Themen und Verhaltensweisen anzusprechen, die sonst schwierig zu thematisieren sind.» Es sei zudem eine Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen und soziale Kontakte zu knüpfen.
Das Prinzip der Selbsthilfe beruhe auf Gleichberechtigung: Es gebe nicht zwingend eine Hierarchie, die Gesprächsleitung könne im Turnus organisiert werden. Es gehe darum, dass sich Menschen auf der gleichen Ebene treffen und über ihre Sorgen sprechen könnten.
«Normalerweise betreuen wir den Aufbau einer Gruppe: Wir begleiten die ersten Treffen, übernehmen die Einführung und motivieren die Gruppe, Eigenverantwortung zu übernehmen», sagt Vogelsänger. Die Teilnehmer organisierten die weiteren Treffen nach eigenem Gutdünken. Die Probleme stünden nicht immer im Vordergrund, auch soziale Aspekte zählten. Jasmine erzählt, dass sie mit ihrer Gruppe gerne Ausflüge machen möchte, beispielsweise in den Zoo.
Ritzen in der Pubertät
Laut Gianni Zarotti, Leitender Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Neuhaus, gilt es zwei Formen zu unterscheiden: die Autoaggression, die im Zusammenhang mit Persönlichkeitsstörungen verübt wird und die Selbstverletzung, die der Affektabfuhr dient. Bei Letzterer werden etwa Wut, Trauer oder Frust auf diesem Weg neutralisiert. Dieses Verhalten trete oft in der Pubertät auf – vor allem bei jungen Frauen. «Das kann epidemische Ausmasse annehmen», so Zarotti, «ganze Schulklassen ritzen sich die Haut auf.» Er schätzt, dass etwa 10 bis 15 Prozent der jungen Frauen davon betroffen sind. Selbstverletzung sei sicher verbreiteter, als man annehme.
Den Besuch einer Selbsthilfegruppe befürwortet Zarotti sehr: Er ermögliche soziale Kontrolle unter den Betroffenen, die Teilnehmer könnten sich gegenseitig viel weniger vormachen als einem Aussenstehenden. Dort könnten auch alltagstaugliche Bewältigungsstrategien ausgetauscht werden.
selbsthilfezentrum Bern www.selbsthilfe-kanton-bern.ch oder Tel. 031 311 43 85.
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Erstellt: 10.01.2009, 01:16 Uhr



