Zeitung heute

Türme, die die Geister scheiden

Aktualisiert am 14.03.2009

Muslime und Christen diskutierten im Kipferhaus am Donnerstagabend über Moscheen, Minarette und Integration.

«Weshalb müssen Muslime ständig beweisen, dass sie keine Terroristen sind?» Diese und andere Fragen beschäftigen die Podiumsteilnehmer im Kipferhaus. Eingeladen hat die Oeme-Kommission für Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit der Reformierten Kirchgemeinde Wohlen. Rund 120 Personen sind da, um der Diskussion über den Bau von Minaretten in der Schweiz beizuwohnen. Das Gespräch solle Erklärungen und Antworten zu dem umstrittenen Thema bringen, sagen die Veranstalter zu Beginn. Und tatsächlich beginnt die Diskussion gemässigt – doch dies wird sich im Verlauf des Abends noch ändern.

Die anderen denken anders

«Bei der öffentlichen Debatte um die Minarette geht es in erster Linie darum, mit der Religion der anderen Politik zu machen», sagt Rifa’at Lenzin, Muslimin und Islamwissenschaftlerin. Es sei wichtig zu verstehen, weshalb sich Muslime Minarette wünschten. Für viele sei es das primäre Ziel, einen Raum zum Beten zu haben, und der sei üblicherweise mit einem Minarett ausgestattet. Lenzin distanziert sich von der Auffassung , die Türme seien ein religiös-politisches Machtsymbol. Für den in der Schweiz geborenen türkischen Muslim, Halil Sütlü, stellt die Diskussion um die Minarette seine Existenz als Schweizer in Frage. «Ich habe Angst vor der Angst der anderen», sagt er und vergleicht die Situation der Muslime in der Schweiz mit jener der Juden in den 1930er-Jahren.

Angst vor dem Unbekannten

Dies kann Patrick Freudiger, Stadtrat der SVP Langenthal, nicht so stehen lassen: Es seien nicht allein die Muslime, die stigmatisiert würden, auch er als rechtsbürgerlicher Politiker fühle sich diskriminiert, wenn er mit den Nazipolitikern des vergangen Jahrhunderts verglichen werde. «Ich bin gegen Minarette, weil sie für die Ausübung des muslimischen Glaubens nicht notwendig sind», erklärt er. Das Publikum klatscht. Albert Rieger, Leiter des Bereichs Oeme-Migration der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, moderiert den Abend. Er bittet die Zuschauer, Applaus aus Zeitgründen zu unterlassen. Adrian Moser, Pfarrer der neutestamentlichen Gemeinde Bern-Liebefeld zitiert den Koran: Tötet die Ungläubigen, stehe da. Muslimische Freunde hätten ihm erklärt, dass Minarette das Symbol seien, um ein Land zu besetzen. Jemand aus dem Publikum meldet sich: «Ich habe nichts gegen Bauwerke, Minarette stören mich nicht. Mir machen die Werte Angst, die dahinterstecken.» Damit ist er nicht allein: Sowohl Moser als auch Freudiger zitieren Texte, in denen bekannte muslimische Persönlichkeiten zur Gewalt gegen Ungläubige aufrufen. Das Gespräch entfernt sich immer mehr vom eigentlich Thema: dem Bau der Türme. Diskutiert werden Ängste und Befürchtungen: «Wird als nächstes das islamische Recht, die Scharia, eingeführt?», fragt Moser.

Religion im öffentlichen Raum

«Es ist viel interessanter, über Integration zu diskutieren als über ein paar Türmchen», stellt Frank Mathwig, Beauftragter für Ethik beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK), fest. Er frage sich, weshalb nur Gewalttäter muslimischen Glaubens mit ihrer Religion bezeichnet würden und nicht Gewalttäter anderer Religionen. Gefährliche Fundamentalisten gebe es überall – ebenso nette Durchschnittsbürger, stimmt Lenzin zu. «Das Problem ist nicht der Islam: Das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen funktioniert im schweizerischen Alltag recht gut», so Lenzin. Das Problem sei die Wahrnehmung der Religion im öffentlichen Raum – und deren Politisierung.

Eine betagte Frau aus dem Publikum meldet sich und erklärt, dass Minarette zum Morgenland gehörten und Kirchtürme zum Abendland, das sei seit Jahrhunderten so. «Wenn man Minarette im Schnellzugstempo in die hiesige Kultur integrieren möchte, ist es normal, dass die Leute Angst haben», erläutert sie. Eine Besucherin wird im Anschluss der Veranstaltung bedauern, dass sich nur wenige Leute Zeit nehmen, um ihre muslimischen Nachbarn kennenzulernen und persönlich nachzufragen, was es mit den Minaretten auf sich hat. «Man sollte sich seine Meinung aufgrund von Begegnungen bilden und nicht aufgrund von politischen Parolen», meint sie.



















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Erstellt: 14.03.2009, 01:17 Uhr

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