«Tagediebe» auf Fundraising-Tour

Wer hätte das gedacht: Innerhalb weniger Wochen haben die Progr-Künstler aus einem Luftschloss ein Projekt erarbeitet, das gute Chancen hat, das Kulturzentrum in der jetzigen Form zu erhalten. Dafür müssen nun aber die Künstler ihre Ersparnisse plündern.

Vorstandsmitglieder Rodja Galli, Sophie Schmidt und Peter Aerschmann (von links). (Bild Beat Schweizer)

Vorstandsmitglieder Rodja Galli, Sophie Schmidt und Peter Aerschmann (von links). (Bild Beat Schweizer)

Am 31. Dezember um zwölf Uhr läuft der Eingabeschluss für die Progr-Künstler ab. Bis dann müssen sie der Liegenschaftsverwaltung eine sichergestellte Finanzierung, einen Sanierungsplan und ein Betriebskonzept auf den Tisch legen. «Wir werden jede Minute brauchen», sagt Peter Aerschmann, der den Verein Künstlerinitiative Pro Progr initiiert hat. Da die Liegenschaftsverwaltung am letzten Tag des Jahres aber geschlossen hat, müssen die Künstler nun einen Übergabetermin ausserhalb der Öffnungszeiten vereinbaren.

Schon dass die Künstler überhaupt die Chance erhalten, einen Rettungsplan auszuarbeiten, ist eine kleine lokalpolitische Sensation. Es war an einem Septemberabend, als es im Kopf des Videokünstlers Aerschmann Klick machte. Im Gespräch mit anderen Kulturschaffenden sei ihm bewusst geworden, dass viele Kulturinstitutionen hätten erkämpft werden müssen, in Bern etwa die Reitschule oder die Dampfzentrale. Aerschmann gab sich einen Monat Zeit. Inzwischen sind es drei Monate geworden – und aus dem Luftschloss ist ein Projekt mit Hand und Fuss geworden, um das sich eine eigentliche Bewegung formiert hat. Aerschmann hat in den letzten Wochen viele Verbündete gewonnen. Nicht nur der Vorstand des Vereins Pro Progr, der sich aus Künstlern aus dem Haus zusammensetzt, arbeitet in diesen Tagen auf Hochtouren. Auch Juristen, Architekten und andere Fachleute stellen ihr Fachwissen kostenlos zur Verfügung, um das einmalige Kulturzentrum in der Innenstadt zu erhalten. Namhafte Musiker und Kulturleute bekunden am 12. Dezember an einem Fest ihre Solidarität (siehe Kasten).

Damit hätte niemand gerechnet, als die Künstler Mitte Oktober ihr Projekt vorstellten. «Die Künstler haben ihre Chance verpasst», meinte etwa die Kopräsidentin der Fraktion GB/JA Stéphanie Penher. Doch das Lobbying wirkte: Kurze Zeit später stellte der Stadtrat überraschend das Siegerprojekt zurück, das aus dem Progr ein Gesundheitszentrum machen will. Nun liegt es an den Progr-Künstlern, zu beweisen, dass sie in wenigen Wochen zehn Millionen Franken zusammenbringen. Auf diesen Betrag schätzen sie die Kosten für Kauf und Sanierung des denkmalgeschützten Hauses.

1,1 Millionen sind vorhanden

«Ich bin zuversichtlich, dass wir es schaffen», meint Peter Aerschmann. Der Stadtratsentscheid habe vieles ausgelöst, erst danach hätten Investoren ans Projekt geglaubt. Das Fundraising bestimmt zurzeit die Arbeit des Vereins. Auf der Webseite proprogr.ch können Geldgeber eine Absichtserklärung ausfüllen und ihre Beträge anonym anmelden. Fällig werden sie erst, wenn die Finanzierung gesichert ist – und das Projekt an der Urne durchkommt. Fünf Millionen übernehmen die Banken. Der Rest soll aber durch günstige Darlehen oder Schenkungen von Privatpersonen oder Stiftungen zusammenkommen – um die Mieten für die Ateliers tief zu halten. Momentan verfüge man über Zusagen von 1,1 Millionen, so Aerschmann. Er glaubt fest daran, dass die vier Millionen Franken bis Ende Jahr noch reinkommen. Zurzeit sei man bemüht, brachliegende Gelder aufzuspüren. So habe etwa die Bernische Stiftung für Kunst- und Kulturschaffende 200000 Franken Darlehen versprochen. Auch die 150 Progr-Künstler sollen sich finanziell engagieren: Mit einem Darlehen von mindestens 10000 Franken. «Die Mehrzahl wird nicht so viel Erspartes haben – dafür vielleicht reiche Eltern oder Sammler.»

Doch die Künstler-Initiative ist sich bewusst: Nach den Investoren muss auch noch die Stimmbevölkerung überzeugt werden. Im Januar nächsten Jahres soll das Geschäft in den Stadtrat, im Mai vors Volk. Dass bürgerliche Kreise dem Progr skeptisch gegenüberstehen, wurde im Stadtrat deutlich: Der Progr sei ein Haus voller Taugenichtse und Tagediebe, meinte Erich J. Hess (svp). (Der Bund)

Erstellt: 03.12.2008, 09:08 Uhr

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