Soziologie: Professoren wehren sich

Eine Kündigung, Protest der Studenten – und neu auch der Professorinnen: Das Fach Soziologie werde marginalisiert, schreiben mehrere Uni-Direktoren in internen E-Mails.

Am Anfang des Protests stand die vorzeitige Rücktrittserklärung von Claudia Honegger. Sie ist gegenwärtig die einzige Professorin für Soziologie an der Universität Bern und spricht von der «schleichenden Abschaffung» ihres Fachs. Der Paukenschlag blieb nicht ungehört: Betroffene Studierende führten daraufhin einen Protestmarsch durch. Der Einfluss studentischer Interventionen ist erfahrungsgemäss gering; mehr zählt da schon der Einspruch höherer Glieder einer Universität, der Professoren und Direktorinnen: Selbst sie ergreifen nun aber das Wort für «ein starkes Fach Soziologie».In internen Schreiben, die dem «Bund» vorliegen, kritisieren sie dezidiert den Entscheid, die Soziologie als eigenständiges Bachelor-Fach abzuschaffen und stattdessen einen Bachelor Sozialwissenschaften (Sowi) einzuführen. Sie vertreten damit eine diametral entgegengesetzte Position als der Rektor und eine Mehrheit der Professoren an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät (Wiso), an welcher der umstrittene Studiengang angeboten werden soll. Die Befürworter begrüssen die Integration von Politikwissenschaft, Medienwissenschaft und eben der Soziologie in einen einzigen Studiengang. Die Konsequenz dieses Entscheids: Ein Student, der Soziologie, Politik- oder Medienwissenschaft im Bachelor als eigenständiges Fach belegen möchte, kann dies in Bern zukünftig nicht mehr tun.

Aufruhr für Rektor unverständlich

«Ich hoffe sehr, die Fakultät kommt nochmals auf ihre Entscheidung zurück», schreibt etwa die Direktorin des Geografischen Instituts Doris Wastl-Walter in einem Brief an den Dekan der verantwortlichen Wiso-Fakultät. Rektor Urs Würgler macht den kritischen Professoren indes keine Hoffnung: Der Beschluss sei definitiv, sagt er.

Hans-Rudolf Wicker, Direktor des Instituts für Sozialanthropologie, und Christian Windler, Direktor des Historischen Instituts, wendeten sich mit ihren Schreiben direkt an den Rektor. Ihrer Ansicht nach werden im vorgesehenen Sowi-Bachelor die soziologischen Inhalte marginalisiert. Als Folge leiten Wicker und Windler eine «Schwächung des gesamten Hochschulstandorts Bern» ab: Wer in Soziologie eine qualitativ hochstehende Ausbildung erhalten möchte, werde mittelfristig eine andere Schweizer Universität wählen: «Zürich oder Basel.» Dass auch alle Nebenfachstudierenden der Soziologie vom Entscheid betroffen seien, dürfe nicht vergessen gehen.

Für Rektor Urs Würgler ist der gesamte Aufruhr unverständlich. «Warum gerade rund um die Soziologie ein solches Theater gemacht wird, kann ich nicht nachvollziehen», sagt Würgler. Ab und an müssten Studiengänge revidiert werden, nirgends sonst, nur bei den Soziologen, werde ein derartiges Brimborium veranstaltet.

Grundsätzlich, sagt Würgler, sei es müssig, sich für die Soziologie stark zu machen: Deren Existenz werde von der Unileitung nicht infrage gestellt. Die gesamte Professorenschaft der Philosophisch-historischen Fakultät sieht dies indes anders: Die Soziologie werde zugunsten eines neuen Studienprogramms Sozialwissenschaften «aufgehoben», heisst es in einem internen Brief. Ohne Gegenstimme haben die Professorinnen und Professoren zudem beschlossen, der Universitätsleitung vorzuschlagen, die Soziologie von der Wiso- an die Phil.-hist.-Fakultät zu transferieren. «Denn eine Hochschule ohne Soziologie ist keine Volluniversität mehr», argumentieren sie. Würgler hält dagegen: Ein Transfer der Soziologie an eine andere Fakultät würde der vorgesehenen Ausrichtung des Departements Sozialwissenschaften widersprechen.

Pulver hat interveniert

Über die neusten Entwicklungen im Fall Soziologie und die kritischen Schreiben verschiedener Professoren ist der kantonale Bildungsdirektor Bernhard Pulver nicht im Detail informiert. Pulver hat die Oberaufsicht über Berns Hochschulen und verfügt über die Möglichkeit, gegebenenfalls zu intervenieren: «Wird beispielsweise die Soziologie de facto abgeschafft, würden wir einschreiten», sagt Pulver. Als Massnahme kämen im Extremfall finanzielle Kürzungen infrage. Soweit sei man aber noch längst nicht. Vorerst habe er die Unileitung lediglich dazu angehalten, mit den betroffenen Akteuren nach Lösungen zu suchen; dieser Prozess sei im Gang. (Der Bund)

Erstellt: 03.06.2009, 12:08 Uhr






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