Rätsel um den steinernen JFK
Der Chutzen
Bekannt ist der Chutzen auf dem Belpberg nicht wegen des Kennedy-Denkmals, sondern wegen seiner Geschichte als Standort für Wachtfeuer. Ab dem 15. Jahrhundert wurde im Staate Bern ein Alarmsystem mit Wachtfeuer aufgebaut. Wenn Gefahr bestand, wurde der Alarm mit Höhenfeuern von Hügel zu Hügel verbreitet. Der planmässige Ausbau dieses Netzes erfolgte im 17. Jahrhundert. Einerseits wegen des Dreissigjährigen Kriegs und anderseits, weil die verbündete Stadt Genf damals besonderer Gefährdung ausgesetzt war. Das bernische Wachtfeuernetz war das am besten ausgebaute der alten Eidgenossenschaft. (cbn)
«Kennedy-Gedenkstätte auf dem Chutzen», steht in der Broschüre über Sehenswürdigkeiten und heimatkundliche Beiträge der Region Gantrisch. Eine Kennedy-Gedenkstätte auf dem höchsten Punkt des Belpbergs? So berühmt John F. Kennedy auch fast 46 Jahre nach seinem Tod noch immer ist, so unbekannt ist die Gedenkstätte ihm zu Ehren auf dem höchsten Punkt des Belpbergs. Weshalb steht sie ausgerechnet dort? Weshalb zu Ehren Kennedys? Denn JFK war zwar in Berlin, aber nie auf dem Chutzen.
Informationen über die Gedenkstätte zu erhalten, ist schwierig. «Nur sehr, sehr wenig» wisse er darüber, sagt Fritz Tschirren, Gemeindepräsident von Belpberg, am Telefon. Wegen dieser Gedenkstätte steige kaum jemand auf den Chutzen – «höchstens Eingeweihte». Belps Gemeindepräsident Rudolf Neuenschwander kann auch nicht weiterhelfen, «Google» und «Wikipedia» sind ebenfalls keine Hilfe. Es gibt nur einen Weg: Man muss sich auf Spurensuche begeben.
Die Inschrift auf dem Granit
Chutzen Belpberg, 892 Meter über Meer. Die Aussicht auf Alpen, Aaretal und Jura ist phänomenal. Die grosse Linde spendet Schatten, die Holzbänke laden zum Verweilen und Geniessen ein. Etwas abseits, ein wenig versteckt zwischen Tannen- und Dornensträuchern, steht das Denkmal. Etwa 1,5 Meter hoch und im Schnitt 80 Zentimeter breit ist es. «In Ehren dem Andenken dem unvergesslichen Präsidenten der U.S.A. John F. Kennedy», steht in den Granit gemeisselt. Und: «Gewidmet 23. Okt. 1964, Vereinigung Pro Libertate.» Ein Fliegenschwarm schwirrt um den Stein, in den Sträuchern liegt Abfall herum.
Mössinger und die Pro Libertate
Weitere Informationen zu diesem unbekannten Denkmal erhält man im nahen Restaurant Chutzen: Besitzer Ernst Ulrich ist nämlich ein Zeitzeuge von damals. «Ja, ich war beim Einweihungsfest dabei», sagt Ulrich, der in der Gemeinde Belpberg aufgewachsen ist. Er erinnert sich, dass unter anderen Max Mössinger, der Gründer von Pro Libertate, an der Feier teilgenommen habe. Mössinger hatte die Vereinigung 1956, als die Sowjetunion den Aufstand in Ungarn niederdrückte, gegründet und 30 Jahre lang präsidiert. Der Immobilien- und Liegenschaftsfachmann verstarb vor einem Jahr in Gelterfingen.
Belpberg, nicht Längenberg
Im Historischen Lexikon der Schweiz wird Pro Libertate als «antikommunistische, rechtsbürgerliche Vereinigung» beschrieben. Als der Ost-West-Konflikt an Orientierungskraft verloren habe, sei Pro Libertate in eine Krise geraten. «Der Kampf gegen die Armeeabschaffungsinitiative 1989 reaktivierte Pro Libertate», heisst es im Lexikon; die Vereinigung stehe «für die Selbstbehauptung der Schweiz » ein.
«Chutzen»-Wirt Ernst Ulrich kann eines der Rätsel um den Kennedy-Stein lösen. Nämlich weshalb das Denkmal ausgerechnet auf dem höchsten Punkt des Belpbergs steht. «Mössinger stammte hier aus der Gegend. Er war der Ansicht, auf dem Längenberg gebe es mit dem Tavel-Denkmal bereits eine Gedenkstätte. Also wollte er auch eine auf dem Chutzen errichten.»
Kennedy – Sinnbild für Freiheit
So bleibt noch die Frage zu klären, weshalb Pro Libertate ausgerechnet Kennedy ehrte. SVP-Grossrat Thomas Fuchs, frisch gebackener Präsident der Pro Libertate, weiss Antwort: Die Vereinigung habe im Gedenken an den Beginn des ungarischen Volksaufstands am 23. Oktober 1956 den Jahrestag jeweils mit einer Feier zelebriert. «Es ging darum, jener Völker zu gedenken, die damals der Freiheit entbehren mussten», erzählt Fuchs. Knapp ein Jahr nach der Ermordung von John F. Kennedy habe Pro Libertate am 23. Oktober 1964 eine Gedenkstätte zu Ehren jenes Mannes eingeweiht, der damals «ein Sinnbild für Freiheit» gewesen sei. An der Einweihungsfeier hielt Ständerat Dewet Buri eine Ansprache, mit dabei war auch US-Botschafter Henry Cox. Eine Flagge der USA und eine der Schweiz wurden gehisst, Uniformierte legten einen Kranz nieder. Gemäss einem «Bund»-Artikel vom 21. Oktober 1964, in dem auf die Feier hingewiesen wurde, trat auch die Musikgesellschaft Belp auf. In der «Schweizer Filmwochenschau» des Schweizer Fernsehens wurde bald darauf ein Beitrag über den Anlass ausgestrahlt.
Buch über vergessene Denkmäler
Was damals mit einer beachtlichen und beachteten Feier begann, ist heute weitgehend verblasst. «Diese Gedenkstätte spielt hier oben keine Rolle», sagt Wirt Ulrich und bestätigt damit, was Belpbergs Gemeindepräsident Tschirren bereits angetönt hatte. Doch vielleicht ändert sich dies ja – sei es mit diesem Zeitungsartikel oder mit dem Buch von Fritz von Gunten. Der Leiter der Kulturmühle Lützelflüh will ein Buch mit dem Titel «Denk mal, ein Denkmal» schreiben. Vergessene und unbekannte Sehenswürdigkeiten sollen darin thematisiert werden. Was denn der Auslöser für dieses Projekt gewesen sei, fragt der «Bund» Fritz von Gunten. Seine Antwort überrascht irgendwie nicht: «Das Kennedy-Denkmal auf dem Chutzen.» (Der Bund)
Erstellt: 17.07.2009, 08:42 Uhr
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