Künstlerin Manon: «Ich liebe Bern!»

«An Bern habe ich nur gute Erinnerungen», sagt die Künstlerin Manon. In ihrer Geburtsstadt verbrachte sie viel Zeit bei der Grossmutter im Atelier und unter den Lauben.

Erinnerung an glückliche Tage: Hinter dieser Tür war Grossmutters Nähatelier. (Valérie Chételat)

Erinnerung an glückliche Tage: Hinter dieser Tür war Grossmutters Nähatelier. (Valérie Chételat)

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Die Stadt zeigt sich hier nicht von ihrer beste Seite. Hier an der teerschwarzen Christoffelgasse, wo ohne Unterlass Busse zwischen eiligen Geschäftsleuten und kinderwagenschiebenden Müttern hindurch um die Kurve ächzen und quietschend vor wartenden Rentnern, Arbeitern und Hausfrauen zum Stillstand kommen.

Ein wenig abseits von diesem Trubel steht eine kleine Frau mit einem winzigen Hündchen an der Leine, Sonnenbrille, Stirnfransen und Pagenschnitt, schlichter Mantel, flache Schuhe: die Künstlerin Manon. «In der Christoffelgasse sind die Erinnerungen so wach, als wärs gestern gewesen», hatte sie einige Tage zuvor in einer Mail geschrieben. «Wollen wir uns gleich dort treffen? Die Hausnummer ist mir entfallen. Sie werden mich schon erkennen, ich werde mit meinem Mann und zwei Hunden da sein.»

Ferien im Liebefeld

Bekannt ist Manon auf der ganzen Welt als Pionierin der künstlerischen Selbstdarstellung und Performance, als Meisterin der inszenierten Fotografie – und als Zürcher Künstlerin. Was oft vergessen geht: Manon stammt eigentlich aus Bern, hier ist sie 1946 geboren, hier hatten sich ihre Eltern beim Tanzen im Casino kennengelernt.

Den Grossteil der Kindheit hat die Künstlerin allerdings in St. Gallen verbracht. Das hört man ihr noch heute leicht an, wenn sie spricht – «leider», wie sie sagt: «Meine guten Kindheitserinnerungen beziehen sich auf Bern; St. Gallen ist im Rückblick eher grau und schwarz.» Denn in den Ferien durfte das kleine Mädchen jeweils nach Bern zu ihrer Grossmutter, einer früh verwitweten Künstlergattin und engagierten Frauenrechtlerin. Sie wohnte im Liebefeld in einer Villa, und Manon erinnert sich vage, im Liebefeld sogar einige Zeit zur Schule gegangen zu sein. Es sei nicht zufällig, dass sie auch als Erwachsene regelmässig in Bern sei – an Vernissagen, bei Freunden –, wohingegen sie St. Gallen jahrelang kaum besucht habe, sagt Manon. «Bern ist bei mir tief eingraviert.»

Edle Stoffe, seltsame Fetische

«Meine Grossmutter hatte ein mondänes Haute-Couture-Atelier an der Christoffelgasse, in Räumen, die anscheinend sogar Napoleon mal von innen gesehen haben soll . . . Ich gäbe wer weiss was darum, diese Räume wiederzusehen.»

Das Atelier war in Nummer 7: Manon erkennt das ehrwürdige Sandstein-Haus sofort. Der Eingang ist heute eingeklemmt zwischen einem Reformhaus und einem Schuhladen. Im Reformhaus gibts einen Seiteneingang ins Treppengeschoss, auch daran erinnert sich Manon. Hilfsbereite Verkäuferinnen lassen sie ein, samt Ehemann – einem Juristen mit dem klangvollen Namen Sikander von Bhicknapahari –, dem Chihuahua-Hündchen und dem zweiten Hund, einer Promenadenmischung mit schwarzem Krausfell. Manon stürmt in den 2. Stock voraus. Hier ist nun ein Advokaturbüro, und dessen Sekretärin verweigert dezidiert den Einlass. Aber in Manon steigen die Erinnerungen auch im Treppenhaus auf: Drinnen seien zwei grosse Räume gewesen, lichtdurchflutet der eine, in dem den Kundinnen – reichen Diplomatengattinnen zumeist – die edlen Kleidungsstücke vorgeführt wurden, düster der andere, auf den Hof hinaus, in dem ein gutes Dutzend Näherinnen emsig geschneidert hätten. Als Teenager nahm Manon hier selber Schere und Nadel zur Hand, lernte, wie man Schnittmuster erstellt und Ideen in Entwürfe und schliesslich Kleider verwandelt.

«Vielleicht stammt ein Teil deines Geschicks im Umgang mit Materialien von da», sagt Sikander zu Manon. Diese nickt und erzählt von einer weiteren Inspirationsquelle, der alten Russin in der Wohnung nebenan, die sie jeweils habe besuchen dürfen. Überall habe es da geheimnisvolle Objekte gegeben, Erinnerungsstücke an die russische Heimat, «Fetische, fast ein wenig so wie später in meinem ,lachsfarbenen Boudoir‘». Mit dieser Installation schaffte Manon 1974 den Durchbruch als Künstlerin.

Märchenwelt unter den Lauben

«Wir verliessen das Haus jeweils durch den Hinterausgang, um in den Lauben einzukaufen. Den frischen Kaffeegeruch bei Merkur werde ich nie vergessen, überhaupt die Lauben mit all den schön dekorierten kleinen Läden für Käse, Süssigkeiten, Comestibles . . .»

Unter den Lauben begegnete ihnen oft die legendäre Madame de Meuron mit ihrem ausladenden Hut. Eine Tante von Manon führte in der Christoffelgasse eine Leihbücherei, eine Grosstante beim Bahnhof einen Kiosk, ein Onkel in der Altstadt ein Herren-Ausstattungsgeschäft. Dieser führte seine Nichte regelmässig zum Modegeschäft Weilemann, wo damals zu jeder Saisoneröffnung die Schaufenster speziell geschmückt wurden. Ganz Bern sei da jeweils hingepilgert, weil die Fenster so «unglaublich spektakulär» gewesen seien, eine ganze Märchenwelt habe sich aufgetan, erzählt Manon.

Später, als junge Mitarbeiterin einer Werbeagentur, durfte sie einige Male selbst die Weilemann-Schaufenster gestalten – viel habe ihr dies bedeutet, sagt Manon, «einfach wegen meiner Kindheitserinnerungen». Deswegen war sie als junge Frau auch stolz, als einmal eine riesige Werbeaufnahme von ihr (fotografiert übrigens von Balthasar Burkhard) im Loeb-Schaufenster ausgestellt war.

Traum: Wohnen in Bern

Gelebt hat die Weltbürgerin schon an vielen Orten: in Paris, New York, Berlin, Genua, Amsterdam . . . – doch heute sagt sie:

«Bern ist die einzige Stadt, in der ich (ausser da, wo ich jetzt lebe) wohnen möchte. Seit Langem ist mein Plan, wenigstens mal für ein paar Monate zurückzukommen, bisher hat es sich zeitlich leider nie ergeben. aber vielleicht im nächsten Frühling . . . kurz und gut: Ich liebe Bern!» (Der Bund)

Erstellt: 25.09.2009, 09:43 Uhr

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