Zeitung heute
Erfolgsprojekt bangt um Existenz
Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 21.01.2009
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Noch eine Stunde, bis es 12 Uhr schlägt – in der Küche von «La Cultina» wird bereits tüchtig Dampf gemacht. In diesen Tagen geht es noch etwas hektischer zu und her als sonst. Sechzehn Migranten haben im Dezember am Ausbildungsprogramm teilgenommen, seit Anfang Jahr sind es nur noch fünf. Dabei läuft das Lokal, das sich in den Räumlichkeiten des ehemaligen Migros-Restaurants am Eigerplatz befindet, so gut wie immer: Am Mittag gehen 140 bis 180 Menüs über die Theke, 120 Mahlzeiten werden täglich an Kindertagesstätten geliefert, zudem bestreitet der Betrieb wöchentlich mehrere Caterings.
«La Cultina» ist ein Schulrestaurant für junge Personen, die in die Schweiz gekommen sind, um Asyl zu finden. 2009 feiert das Projekt das zehnjährige Bestehen: eine Erfolgsgeschichte, darin sind sich die Verantwortlichen einig. Heute finanziert sich La Cultina zu achtzig Prozent über eigene Einkünfte. «Es gibt im Kanton Bern wohl wenig Projekte, die über eine so lange Zeit mit so viel Eigenmitteln laufen», sagt Geschäftsführer Marc Wehrli.
Rumhängen statt rüsten
Aber zum Feiern ist den Verantwortlichen nicht zumute: «Wir bangen darum, dass wir noch genügend Leute haben, um das Projekt weiterführen zu können», sagt Wehrli. Grund für die Sorgen sind die Praxisänderung im Zuge des neuen Asylgesetzes: Asylsuchende, deren Verfahren noch hängig sind, dürfen nicht mehr am Integrationsprojekt teilnehmen (siehe Kasten). Bisher waren es aber vor allem Asylsuchende, welche bei La Cultina eine Ausbildung besuchten. «Stattdessen hängen sie in den überfüllten Durchgangszentren herum und wissen nichts mit sich anzufangen», sagt Martina Wolf, die bei La Cultina Deutsch und Allgemeinbildung unterrichtet. Die La Cultina-Verantwortlichen sind sich sicher, dass es in absehbarer Zeit eine Änderung der neuen Praxis braucht. Ein Dorn im Auge ist ihnen zurzeit vor allem, dass viele Asylsuchende in den Bernischen Durchgangszentren ausharren, die höchstwahrscheinlich bald vorläufig aufgenommen werden – besonders Menschen aus Eritrea. La Cultina wünscht sich, dass der Kanton eine Übergangslösung trifft, damit auch solche Migranten an La Cultina teilnehmen könnten. Auch Aldo Milani von Integration BE, ein Zusammenschluss Bernischer Flüchtlingsorganisationen, die im Bereich Integration engagiert sind, unterstützt das Anliegen: «Es wäre schade, wenn ein Projekt kaputtgeht, das man in einem halben Jahr wieder brauchen wird.» Beim Kanton ist die Anfrage des Vereins La Cultina eingetroffen, bestätigt Florian Düblin, Leiter des Migrationsdienstes. Zurzeit werde darüber befunden, daher könne er keine Auskunft geben. La Cultina sei wohl eine der Integrations-Institutionen, welche am stärksten von den Änderungen im Asylwesen tangiert sei, stellt Milani fest. Aber durchaus nicht die einzige: «Zurzeit gibt es eine Neuaufmischung».
Dass sie sich umorientieren müssen, wissen auch die «La Cultina»-Macher. Eine Herausforderung wird dabei sein, vermehrt vorläufig Aufgenommene und neu auch anerkannte Flüchtlinge zu gewinnen. Die Schulrestaurant-Betreiber haben festgestellt, dass es nicht einfach ist, dieses Migranten-Segment zu gewinnen. Grund dafür sei einerseits, dass diesem Segment im Arbeitsmarkt grössere Möglichkeiten offen stünden, sagt Wehrli.
Viele machten Gastro-Karriere
Dabei könnte die halbjährige Ausbildung vielen Migranten einen Einstieg in die Berufswelt ermöglichen, ist Wehrli überzeugt. Die Liste der Berner Restaurants, in der heute ehemalige La-Cultina-Teilnehmer arbeiten, ist beeindruckend lang.
Im Fachunterricht lernen die Teilnehmer Grundkenntnisse in Gastronomie; etwa, welche Ansprüche an Hygiene gestellt werden. Und welche Gepflogenheiten in der hiesigen Arbeitswelt gelten: «Pünktlichkeit ist beispielsweise ein wichtiger Punkt», sagt Wehrli. Gerade Afrikaner hätten ein anderes Verständnis dafür, was unter dem Begriff «pünktlich» zu verstehen sei. Eine geschützte Werkstatt ist die multikulturelle Kantine aber nicht: Wenn am Mittag eine Lawine hungriger Gäste anrollt, müssen die fünf Menüs, welche das Restaurant täglich anbietet, bereitstehen. Die Teilnehmer erhalten nach der Ausbildung ein Diplom und Arbeitszeugnis.
Schweinefleisch und Schwule
Zum Programm gehören auch Sprachunterricht und Allgemeinbildung. Hier geht es oftmals um Fragen der Integration: «Ich konfrontiere die Teilnehmer gerne mit Schlagwörtern – etwa dem Thema Schwulenehe», sagt Mitarbeiterin Martina Wolf. Manche Migranten seien darob schockiert – und äusserten sich nicht gerade schmeichelhaft über homosexuelle Menschen. In solchen Fällen versuche sie, Parallelen zu Rassismus zu ziehen, sagt Wolf. Ein wichtiges Thema sei beispielsweise die Stellung der Frau. Ziel des Unterrichts sei es, den Migrantinnen und Migranten die Werte zu vermitteln, die in der Schweiz gälten. Dazu gehöre etwa auch, dass Muslime sich bereit erklären müssten, Schweinefleisch zuzubereiten – was fast alle akzeptierten. Natürlich gebe es immer wieder Tunichtgute, sagt Martina Wolf, aber im Projektalltag offenbare sich immer wieder, wie stark sich Migranten um Integration bemühten.
> (Der Bund)
Erstellt: 21.01.2009, 08:07 Uhr


