«Ein Riesenherz auf zwei Beinen»
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Ein dunkler Raum, ein veraltetes Interieur. Gestelle bis zur Decke hoch, wenig Platz dazwischen. Auf den Ablagen und am Boden angejahrte Schallplatten, Bücher, Bücher und nochmals Bücher. Im düsteren hinteren Teil des Ladens steht ein einfach gekleideter Mann, gebeugt über einen Plattenspieler, und unterhält sich mit seinem Gegenüber angeregt über eine Arie. Plötzlich schiesst er hoch, weist den einzigen Kunden, der ein Buch aus der Auslage anschaut, ungehalten zurecht, ja weist dem Gast vielleicht sogar die Tür.
An solche Szenerien und zwiespältige Bilder vom Inhaber erinnert sich, wer gelegentlich im Stadtberner Antiquariat zum Rathaus verkehrte. Nun ist das Antiquariat, das in seiner rührigen Verstaubtheit so gar nicht zwischen zunehmend trendige Bars und chice Boutiquen in der Altstadt passen wollte, für immer geschlossen. Besitzer Peter Cimei ist vor anderthalb Monaten in seiner Wohnung in Münsingen gestorben. Es wird vermutet, dass er einem Herzinfarkt erlag. Nachdem vor Jahren «Bianchi» und «Comenius» schlossen, hat die Stadt Bern damit ein weiteres Antiquariat verloren – und eine Charakterfigur.
Ein Traum geht in Erfüllung . . .
Als «ein Riesenherz auf zwei Beinen» bezeichnet Maya Albisetti ihren verstorbenen Onkel. Peter Cimei wurde 1941 in Bern geboren und wuchs zusammen mit zwei Geschwistern in der Bundesstadt auf. Er lernte Schriftsetzer. «Nicht aus Berufung», wie sich Cimeis enger Freund Fritz Seebald erinnert. Cimeis Interessen habe den schönen Künsten gegolten, vorab der Musik, dem Tanz und der Literatur. In jungen Jahren habe er im Ballett des Stadttheaters mitgetanzt. Und seit Jugendjahren habe er stets ein Ziel gehabt: dereinst das Antiquariat von Gunten am Rathausplatz 8 zu übernehmen, in welchem er von Kindsbeinen an verkehrte.
Cimeis Traum ging in den 80er-Jahren in Erfüllung. Das Antiquariat sei sein Lebensinhalt gewesen, sagt Albisetti. Ihr Onkel sei «unwahrscheinlich belesen und in der klassischen Musik äusserst versiert gewesen». «Er war der Schönheit verfallen – der Schönheit der Menschen, der Musik, der Literatur.» Cimei sei einer der interessantesten Gesprächspartner gewesen, sagt Sebald. Das habe auch die Kundschaft, sobald sie einmal Tuchfühlung mit dem Antiquar aufgenommen hatte, gemerkt und geschätzt.
. . . und fordert Verzicht
Und trotzdem – so würde man es als Aussenstehender bezeichnen – wurde aus dem Traum ein Albtraum. Das Geschäft sei von Beginn weg nicht selbsttragend gewesen, sagt Sebald. Cimei habe nebenbei als Nachtwächter in der Waldau und zuletzt im Psychiatriezentrum Münsingen gearbeitet und so – tagsüber – seinen Laden knapp halten können. «Der Geschäftssinn ging ihm ab. Das sah bereits, wer das Antiquariat betrat.» Stets habe er am finanziellen Abgrund gelebt. Während andere begannen, ihre Bücher im Internet zu verkaufen, hatte man bei Cimei zuweilen den Eindruck, er wolle Stücke seiner geliebten Sammlung gar niemandem überlassen. «Wenn jemand im Laden sagte, er wolle das Buch bloss, um den schönen Stich darin herauszuschneiden», habe der Kunde in Kauf nehmen müssen, das der Verkauf ausblieb, sagt Albisetti. «Er konnte rausbellen», es habe für ihn Wichtigeres gegeben als den kommerziellen Erfolg. Er sei eben ein Idealist gewesen.
Und dafür verzichtete er auf vieles: Cimei habe äusserst bescheiden gelebt, «fast zu spartanisch», urteilt Sebald. Er sei ein Mensch mit viel Familiensinn gewesen, auch wenn er selbst nie eine gegründet habe. Bis zuletzt sei er sonntags zu seiner Mutter, die fast gleichzeitig wie er verstarb, Mittagessen gegangen. Zu sich selbst aber habe er nur schlecht geschaut. Man habe gewusst, dass er gesundheitlich angeschlagen sei, sagt Albisetti. Trotzdem sei sein Tod für alle sehr überraschend gekommen. «Er hat auf eine lange Krankengeschichte verzichtet und verliess die Bühne ohne Zugabe.»
Gehegter Schatz geht – kiloweise
Cimeis gehegter Schatz wird dieser Tage kiloweise für wenig Geld verkauft. Das tue ihr schon weh, sagt Albisetti. Wegen ihres Onkels, aber auch wegen des schönen Lokals, das während über hundert Jahren ein Antiquariat gewesen sei. «Vielleicht geht es ein paar Bernern ähnlich.» (Der Bund)
Erstellt: 19.03.2009, 08:15 Uhr



