Zeitung heute
Die Retter des Abendlandes
Dass der Berner Stadtrat regelmässig über Geschäfte befindet, die in der Kompetenz des Kantons oder des Bundes liegen, ist ein oft beklagtes Phänomen. Die Anzahl der sogenannten «Briefträgervorstösse», in denen der Gemeinderat aufgefordert wird, an anderer Adresse eine wichtige Botschaft anzubringen, sagt zunächst etwas über den schleichenden Kompetenzverlust der kommunalen Behörden aus. Manchmal steht aber auch der schlichte Drang einzelner Ratsmitglieder im Vordergrund, wieder einmal über wirklich relevante Themen wie zum Beispiel Gott oder die Welt zu debattieren. So hat der Stadtrat an seiner letzten Sitzung mit 32 Ja zu 29 Nein eine dringliche Motion verabschiedet, die Lehrpersonen verpflichtet, ihre Schüler vor gesetzlichen Feiertagen über Sinn und Zweck derselben zu informieren. Die GFL/EVP-Fraktion findet es irritierend, wenn Schulabgänger «Ostern in erster Linie mit Osterhasen und Eiern assoziieren». Und der Sprecher der BDP/CVP-Fraktion doppelte nach: «Die Kinder müssen wissen, warum sie frei haben.» Wer weiss, warum er an Pfingsten frei hat, weiss gemäss dem FDP-Sprecher besser Bescheid über die Werte der «abendländischen Kultur». Wegen dieser Werte wiederum sei die hiesige Kultur «vergleichsweise erfolgreich», sinnierte der Freisinnige.
Die Stadtratssitzung von letztem Donnerstag wird in die Geschichte der Menschheit eingehen. Mit der Überweisung der Motion hat der Stadtrat einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Rettung des christlichen Abendlandes geleistet. Wer angesichts der Dimension dieses Entscheides darauf hinweist, dass der Rat mit seinem Vorstoss in die Lehrplangestaltung eingreift, die wiederum in der Kompetenz des Kantons liegt, kann nur als kleinkariert bezeichnet werden. Die Berner Bevölkerung darf sich glücklich schätzen, über ein Parlament zu verfügen, das Zeit aufwendet, um einen dringend notwendigen Beitrag zur Lösung der grundlegenden Fragen der Menschheit zu leisten. Die SP übrigens hat das Anliegen nicht unterstützt. Sie hat angekündigt, später «eine umfassende Ethikdiskussion» führen zu wollen. Der fortschrittliche Teil der Menschheit wartet schon jetzt gespannt auf diese Debatte.
Bernhard Ott>
Erstellt: 02.06.2009, 01:16 Uhr




