Die Klinik Waldau und ihre Künstler

Ein Dokumentarfilm hat sie bekannt gemacht: Künstler und Künstlerinnen, die Insassen der Psychiatrischen Klinik Waldau waren oder noch sind. Der Verein Kunstwerkstatt stellt ihnen die Infrastruktur für ihr Schaffen zur Verfügung.

Otto Frick (links), sein Hund, sein Vorzeigekünstler Philippe Saxer. (Adrian Moser)

Otto Frick (links), sein Hund, sein Vorzeigekünstler Philippe Saxer. (Adrian Moser)

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Kunstwerkstatt

Die Kunstwerkstatt hat jeweils dienstags, donnerstags und samstags zwischen 13.30 Uhr und 17 Uhr geöffnet – sie befindet sich auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Waldau und steht allen Besuchern offen. Im Atelier können auch Werke der Künstler erstanden werden. Dem Verein Kunstwerkstatt kann man auch beitreten, die Mitgliedschaft kostet jährlich fünfzig Franken. Mehr Infos erteilt Präsident Franz Käser (034 422 40 05).

Im Korridor auf einem kleinen Tischchen sass er, rauchend, Berge von Blättern, Stiften, Aschenbechern, Federn und Tintengläsern vor sich – der Maler Philippe Saxer, als er mal wieder eine Zeit in der Waldau verbrachte. Dass dieser junge Mann etwas auf dem Kasten hatte, sah Frick gleich, der in der Psychiatrischen Klinik Waldau damals als Malermeister angestellt war. Und so lud er ihn zu sich in die interne Betriebsmalerei ein, wo er keine Wände streichen musste, sondern seine eigenen Bilder malen konnte. Und Saxer nutzte den Platz, schuf grossflächige Bilder – und vor allem grossartige.

Die malenden Patienten der Klinik Waldau – durch den berührenden Dokumentarfilm «Halleluja! Der Herr ist verrückt» von Alfredo Knuchel sind sie vor fünf Jahren einem grösseren Publikum vorgestellt worden. In den 28 Jahren als Waldau-Malermeister hat Frick immer wieder den Patienten, die mit ihrem Kunstschaffen aufgefallen sind, in der Betriebsmalerei Platz zur Verfügung gestellt, damit sie sich künstlerisch betätigen können. Während der Filmarbeiten ist sich Frick aber bewusst geworden, dass es eines festen Ortes bedarf. Eines Raums, wo sich die Künstler ausbreiten können – vor allem auch, wenn sie nicht in der Waldau weilen. Keiner verfügte nämlich über ein Atelier, stattdessen arbeiteten sie in der Küche oder gar im Schlafzimmer.

Schlichte Idee

Das war der Anstoss für Malermeister Frick, nach einem geeigneten Ort zu suchen. Und so gründete er vor fünf Jahren die «Kunstwerkstatt». Ein Verein, der ein schlichtes Ziel hat: Er stellt den Künstlerinnen und Künstlern die Infrastruktur zur Verfügung, wo sie ihrer Arbeit nachgehen können. In einem Raum in einer etwas windschiefen Scheune auf dem Waldaugelände hat sich die Kunstwerkstatt eingerichtet, die Räumlichkeiten werden von der Klinik zur Verfügung gestellt – der Verein ist aber unabhängig gegenüber der Klinik. Dreimal die Woche ist das Atelier geöffnet. Farben, Pinsel und Leinwände stehen gratis zur Verfügung. Mit Therapie hat das Projekt nichts zu tun, im Atelier sind die Teilnehmenden Künstler, keine Patienten.

Es ist ein heisser Dienstagnachmittag, einer der letzten Sommertage. Otto Frick sitzt im Schatten und erzählt von den über zwanzig Künstlern und Künstlerinnen, die der Kunstwerkstatt angehören. «Wir sind eine richtig gute Truppe», sagt der 66-Jährige, der in Vorarlberg aufgewachsen ist und vor mehr als vierzig Jahren als Gastarbeiter in die Schweiz kam. Vor einem Jahr ist ein Buch erschienen, das Einblick in die eindrückliche Aussenseiter-Kunst gibt, die in der Kunstwerkstatt entsteht. Wenn Otto Frick durch den Band blättert und stolz über seine Schützlinge erzählt, versteht man, warum sie ihn manchmal auch «Vater» nennen. Es sei eine Freude, die Entwicklung der Künstler zu verfolgen, sagt Frick.

Da ist etwa der junge Marc Nydegger, der inzwischen schon an mehreren Ausstellungen gezeigt wurde – die letzte in Kyoto. Gleich vier Bilder habe er dort verkauft, sagt Frick, und ihm glänzen die Augen. Oder da ist Madeleine Mollet, die kolorierte Tuschzeichnungen fertigt, häufig weibliche Porträts. Sie habe viel Talent – nur wiederhole sie sich manchmal in ihren Sujets, sagt Frick. Er kennt seine Künstlertruppe und hat keine Skrupel, sie auch mal zu kritisieren. Oder da ist etwa Heinz Lauener, der eigentümliche, kindlich-naive Objekte aus Papiermaché baut. Flugzeuge, Autos, Kirchen. Besonders gut liefen die Karussells, erzählt Frick. Lauener habe bis vor kurzem in einem Altenheim im Oberland gewohnt und sich dort nicht wirklich wohl gefühlt – als 32-Jähriger unter alten Menschen.

Keine Tabus zementieren

Otto Frick spricht offen über die Biografien der Künstler, manch beklemmende Geschichte ist darunter. Von Menschen, die Beruf und Familie und ein soziales Netz hatten – und wegen ihrer psychischen Erkrankungen alles verloren. Ihre Geschichten zu verheimlichen, das hält er für falsch. So werde nur das Tabu weiter zementiert, das psychischen Krankheiten anhafte.

Als Malermeister ist der umtriebige Frick in der Klinik manchmal angeeckt: So hat er zusammen mit den Patienten, die in seiner Werkstatt mithalfen, die Fassade der alten Klinik streichen wollen – die Leitung fürchtete, dass die anspruchsvolle Arbeit auf dem hohen Gerüst die Patienten überfordere. Letztlich setzte sich Frick durch. Die Patienten seien extrem stolz auf die grosse Arbeit gewesen. «Endlich hatten sie das Gefühl, etwas zu leisten.»

Gott, die Welt und Blocher

Vor drei Jahren ist Frick pensioniert worden, in den Ruhestand getreten ist er deswegen nicht. Oft bestreitet er den Hütedienst im Atelier. Inzwischen entlasten ihn zwei Frauen, die freiwillig einen Nachmittag pro Woche übernehmen. Im Atelier werde viel diskutiert – über Gott und die Welt. Christoph Blocher sei früher stets ein grosses Thema gewesen: «Als er Bundesrat wurde, hatten alle Angst, dass er die IV abschafft», erzählt Frick. An diesem Dienstagnachmittag sind erst drei Künstler aufgetaucht. Viele könnten im Atelier selbst nicht arbeiten, da sie sich durch die anderen gestört fühlten. Dennoch hat der Verein für sie einen Nutzen – das Atelier ist auch ein Verkaufsraum und der Verein unterstützt die Künstler im Geschäftsverkehr mit Galeristen und hilft ihnen, Ausstellungen zu organisieren. In der ganzen Schweiz, in Frankreich, in Holland und eben Japan haben die Kunstwerkstatt-Künstler schon ausstellen können.

Philippe Saxer ist inzwischen der unbestrittene Star der kunterbunten Gruppe. Seine Bilder erzielen bei Sammlern Preise von mehreren Hundert Franken, inzwischen ist auch ein Buch mit einer Retrospektive über das reiche und vor allem auch vielfältige Werk des 44-Jährigen herausgekommen (auch dies dank der Hilfe der Kunstwerkstatt).

Auch Saxer taucht nun im Atelier auf, ist aber nicht sonderlich gut im Strumpf. Das Atelier sei wichtig für seine künstlerische Arbeit, hier befielen ihn keine Angstzustände, mit denen er zurzeit kämpfe. Nach zwei Jahren im Chalet Margarita, einem Wohnheim der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern, zieht er in eine eigene Wohnung um und hat etwas Bammel deswegen.

Zurzeit stecke er in einer künstlerischen Pause, sagt er. Zwei Jahre habe er nun intensiv gemalt, sei in einer manischen Phase gewesen, in der sein künstlerisches Schaffen jeweils fast explodiere. Nun fühle es sich an, als seien ihm die Ideen ausgegangen. «Das Fass ist leer.» Aus dem Hintergrund schaltet sich Otto Frick ein: «Das hast du schon oft gesagt und am nächsten Tag wieder gearbeitet.» Philippe Saxer muss lächeln, Otto habe recht, räumt er ein.

Der Traum von den Silos

Gänzlich zufrieden ist Otto Frick mit seinem Projekt aber noch nicht. Schon lange hegt er nämlich einen Traum, den er bisher nicht verwirklichen konnte. Gerne würde er die Kunstwerkstatt in den zwei alten, über 13 Meter hohen Silos einrichten, die neben dem Waldau-Bauernhof stehen und nicht mehr in Betrieb sind. Die Klinikleitung reagierte zunächst positiv auf die Idee – bewilligte aber das Projekt letztlich nicht. Begründung: Es müsse «gesamtplanerisch» vorgegangen werden. Das war vor fünf Jahren. Die Futtersilos stehen noch immer da – noch immer leer. (Der Bund)

Erstellt: 11.09.2009, 09:32 Uhr

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