Zeitung heute

«Atomzeitbombe Mühleberg»

Von Michelle Schwarzenbach. Aktualisiert am 27.04.2009 7 Kommentare

Unter dem Motto «Kein Tschernobyl in Mühleberg» hat ein breites Bündnis von Organisationen und Parteien zum Protest gegen den unbefristeten Betrieb des Atomkraftwerks Mühleberg und zum Einsatz erneuerbarer Energien aufgerufen.

Das Atomkraftwerk Mühleberg. (Franziska Scheidegger)

Das Atomkraftwerk Mühleberg. (Franziska Scheidegger)

An der Bühne auf dem Münsterplatz lehnt ein riesiger Kehrichtsack mit der Aufschrift «Atommüll». Daneben steht eine Kernmantelattrappe aus weissem Stoff. Links und rechts reihen sich Informationsstände aneinander. Die lachende rote Sonne auf gelbem Grund, das Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung, ist omnipräsent – auf Klebern, T-Shirts oder in Prospekten.

Rund 400 Menschen aus der ganzen Schweiz haben sich laut Schätzung der Nachrichtenagentur sda am 23. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auf dem Münsterplatz versammelt, um unter dem Motto «Kein Tschernobyl in Mühleberg» zu demonstrieren. Die Organisatoren – Anti-Atomkraft-Bewegungen, Umweltorganisationen und mehrere Parteien des links-grünen Spektrums – wollen insbesondere auf die seit Längerem bekannten Risse im Kernmantel des Atomkraftwerks (AKW) in Mühleberg aufmerksam machen, die in ihren Augen ein grosses Risiko darstellen, und gegen eine unbefristete Betriebsbewilligung protestieren. Zudem informieren sie die Anwesenden über die Gefahren bei der Nutzung von Atomenergie und zeigen mögliche Alternativen auf.

Junge Leute mobilisieren

Am Anfang steht allerdings Energie, die durch den Mund erzeugt wird. Eröffnet wird die Veranstaltung von der Hip-Hop-Combo Mundartisten aus Langenthal, die die Anwesenden mit frechen Sprüchen und Beat-Boxing im Nu vor die Bühne lockt. «Wir wollen mit der Band die jungen Leute anziehen», erklärt Edith Siegenthaler von der Organisation «Nie wieder Atomkraftwerke» (NWA). Denn: Noch spreche das Thema vor allem ältere Leute an, in deren Köpfen sei Tschernobyl nach wie vor präsent. Entsprechend ist die AKW-Gegnerschaft um eine Verjüngung bemüht.

Nach einer kurzen Begrüssung durch Aline Trede von NWA, die auch die Gäste aus der Westschweiz – unter anderen die Genfer Gruppierung «contrAtome» – herzlich willkommen heisst, hat die grüne Grossrätin Rita Haudenschild das Wort. In ihrer Rede stehen die Alternativen zu AKWs im Fokus. «Erneuerbare Energien einsetzen und damit Mühleberg überflüssig machen, dies ist das Ziel der neuen kantonalen Initiative ,Bern erneuerbar‘. Für den Umstieg von Atom- auf erneuerbare Energien braucht es in erster Linie den politischen Willen und Druck aus der Bevölkerung», meint sie. Darauf spricht die Genfer SP-Nationalrätin Maria Roth-Bernasconi und betont, wenn jemand sage, Tschernobyl könne sich nicht wiederholen, sei das inakzeptabel. Sie verlangt, noch heute mit der Planung des Ausstiegs aus der Atomenergie zu beginnen.

Lautstarke Performance

Zur Auflockerung folgt eine Performance. Jürg Joss von der Organisation «Fokus Anti-Atom» demonstriert anhand einer Kernmantelattrape, wie es beim Bruch einer Umwälzschleife im Reaktor zu einer massiven Freisetzung von Radioaktivität in die Umwelt kommen kann. Das Publikum gerät in Aufruhr – weniger wegen Joss’ Worten als vielmehr wegen eines ohrenbetäubenden Knalls im Innern des Kernmantels und einer dunkelgrünen Rauchwolke, die für kurze Zeit die Bühne einhüllt.

Als die Sicht wieder klar ist, ergreift Rainer zur Linde, der in der Nähe des AKW Mühleberg wohnt, das Wort. Für ihn steht fest: «Das Atomkraftwerk Mühleberg ist eine Atomzeitbombe – deshalb weg mit ihm und her mit erneuerbaren Energien, und zwar so schnell als möglich.» Zur Linde erntet kräftigen Applaus.

Internationaler Friedensmarsch

Der letzte Redebeitrag kommt von Kaspar Schuler, Ko-Geschäftsleiter Greenpeace Schweiz. «Rund um die Atomkraft wird von sicherer und einheimischer Energie gesprochen. Das ist manipulativ und verantwortungslos gegenüber indigenen Völkern, die besonders unter dem Uranabbau zu leiden haben: Ihre heiligen Berge werden entweiht, und ihr Trinkwasser wird verseucht», meint er.

Schliesslich betritt ein bunter Tross von Menschen die Bühne: «Footprints for peace». Die internationale Gruppe, die sich zurzeit auf einem Friedensmarsch für eine Zukunft ohne Atomkraft von Genf nach Brüssel befindet, stellt sich dem Publikum vor.

Gemeinsam unterwegs sein, gemeinsam ein Zeichen setzen – darin sieht Aline Trede auch den Sinn dieser Kundgebung: «Alleine im stillen Kämmerchen zu sitzen, nützt nichts. Wir müssen gemeinsam zeigen: Wir sind dagegen.» (Der Bund)

Erstellt: 27.04.2009, 08:24 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

7 Kommentare

Beni Taugwaldner

28.04.2009, 08:48 Uhr
Melden

Lieber bei Kerzenlicht sterben als im atomaren Strahlenmeer krepieren. Darum brauchts Solar-Alternativen zu Mühleberg. Solarwerke fliegen nicht in die Luft und geben keinen Giftmüll her, auf dem die Nachfahren noch Jahrtausende sitzen. Antworten


Trudy Speer

27.04.2009, 20:17 Uhr
Melden

@René Müller (11:15). Sie werden staunen: Die Menschheit überlebte, als es noch lange keine Atomkraftwerke gab. Niemand musste "zu Fuss kommen", es brauchte abends keine Kerzen und auch keine Holzkohle, auch wurde operiert und oft nicht gestorben, Restaurants waren abends offen, Backofen etc.etc. gabs... Denn es gab Strom auch ohne Atomkraft. Und niemand starb wegen explodierender Atomkraftwerke. Antworten


Benedikt Jorns

27.04.2009, 15:57 Uhr
Melden

Wir sind auch bei denkbar grösster Förderung der Nutzung erneuerbarer Energie und einer optimalen Energieeffizienz weit davon entfernt, den weltweit wachsenden Verbrauch fossiler Brennstoffe zu senken. Doch noch im Laufe dieses Jahrhunderts dürften Erdöl und Erdgas, später auch Kohle knapp werden. Es braucht alle drei: Energieeffizienz, erneuerbare Energie und Kernenergie (inkl. Kernfusion). Antworten


Thomas Staffelbach

27.04.2009, 14:53 Uhr
Melden

Dieser Titel ist irreführend und polemisiert unnötig. Wir haben es nicht mit einer Zeitbombe zu tun, sondern mit Materialermüdungen in einem unbedeutenden Umlenkblech, welche sorgfältig beobachtet werden und völlig unter Kontrolle sind. Diese Risse bedeuten KEIN Sicherheitsrisiko. Dies hat die Behörde mehrfach bestätigt! Bitte um Sachlichkeit. Polemik schadet allen, Gegnern und Befürwortern! Antworten


Oskar von Arb

27.04.2009, 13:08 Uhr
Melden

Für jene, denen die Erfahrung von Tschernobyl fehlt: wie lange hat die Rendite liefernde Finanzwirtschaft die breite Masse fasziniert? -bis gestern. Und wie lange schon leben wir auf grossem Fuss und konsumieren die Welt zu Tode? -bis heute. Und wann begreifen wir, dass die echte Energie nicht aus dem Boden (Kohle, Öl, Uran) sondern vom Himmel (Sonne, Wind, Regen) kommt? - vielleicht morgen ... Antworten


Martina Wüthrich

27.04.2009, 11:39 Uhr
Melden

Die Frage ist nicht, ob Strom oder nicht, sondern woher. Zudem würde auch eine Mässigung des Stromkonsums schon einiges nützen (zum Beispiel laufen statt den Lift nehmen, das würde auch unserer statistisch bewegungsfaulsten Jugend gut tun). Dann wäre das Atomkraftwerk nämlich hinfällig. Und gewisse Leute werden es wohl nie begreifen: WOHIN MIT DEM MÜLL? Vergraben? Aus den Augen aus dem Sinn??? Antworten


René Müller

27.04.2009, 11:15 Uhr
Melden

Teilnehmer sind zu Fuss gekommen die Bahn Strom braucht. Im Haus werden abends Kerzen angezündet. Gekocht wird mit Holzkohle. Keine Operationen mehr, da wird gestorben. Einkaufsmeilen, Restaurants werden bei Eindunkelung geschlossen. Elektrische Zahnbürsten, Backofen, Kühlschränke, Heimcomputer, Radio, Fernsehen, Kinos, Lifte usw. werden verboten. All dies braucht Strom, deshalb verbieten!!!!! Antworten



Gratis ePaper für «Bund»-Abonnenten

Agenda

  • Für den Inhalt dieser Seite ist eine neuere Version von Adobe Flash Player erforderlich.

    Adobe Flash Player herunterladen

Weblog «KulturStattBern»