Angst vor der Ruhe nach dem Sturm

Wie weiter mit dem Progr nach dem Abstimmungserfolg? An der Tacheles-Gesprächsrunde mit Involvierten und externen Künstlern wurden Inputs gesammelt – und Bedenken geäussert.

Stichworte

«Wir müssen den Progr nicht neu erfinden», meinte Dirigent und Pro-Progr-Initiant Matthias Kuhn über die laufenden Arbeiten an den Strukturen der Kulturfabrik, woran auch er beteiligt ist. Ziel sei es vielmehr, weiterhin gute Projekte in den Progr zu holen und vermehrt Akzente zu setzen. «Wenn wir die wesentlichen Bestandteile des Erfolgs des Progr – die Einfachheit der Räume und seine Bekanntheit – weiterführen können, dann läuft der Laden», zeigte sich Kuhn sicher. Die letzten fünf Jahre hätten gezeigt, dass man das Grundkonzept übernehmen könne. Die Schaffung eines mit Progr-Künstlern besetzten Stiftungsrats und einer Kommission zur Auswahl der zukünftigen Mieter ist für Kuhn aber wichtig, damit der Progr auch unabhängig vom Engagement der Mieter und leitenden Personen funktioniere.

Wie Minestrone ohne Löffel

Bei Barbara Meyer Cesta vom derzeit im bernischen Rondchâtel situierten Künstlerprojekt Haus am Gern weckt dies Befürchtungen: «Ich habe beim Progr das Bild einer Minestrone-Suppe vor mir, die – ohne Löffel – nicht mehr gehörig durchgerührt wird und eindickt», so die Künstlerin, die im Progr zwar ein und aus geht, aber nie ein Atelier im Gebäude wollte. Auch für Rudolf Steiner, der mit Meyer Cesta zusammenarbeitet, stellt sich die Frage, wie der Progr nach der erfolgreichen Abstimmung vom 17. Mai nicht zum Stillstand kommt. «Die Unruhe ist für ein solches Projekt zentral», so Steiner. «Früher waren im Progr viele kleine Projekte möglich, die ihr eigenes Süppchen kochten», so Meyer Cesta, aber durch die Schaffung eines Progr-Stiftungsrats sehe sie solche Projekte bedroht.

Progr-Künstler Matthias Kuhn teilt diese Ängste nicht: Der Stiftungsrat fungiere als Verwalter und Repräsentant und stelle die Progr-Angebote zur Verfügung, entscheiden werde dieser aber zusammen mit den Mietern. Auch Inputs vonseiten der Mieter seien weiterhin möglich.

Festes Atelier oder Container?

Das von Visarte Bern veranstaltete Podium war bewusst auch mit Künstlerinnen und Künstlern bestückt, die einen alternativen Standort für ihre künstlerische Arbeit gewählt haben. So zum Beispiel der Suhrer Dani Geser, der sein Kunstlabor in verschiebbaren Überseecontainern führt: «Mich interessiert das Spannungsfeld zwischen Kunstproduzent und -konsument», so Geser; «ich muss also hin zu den Leuten.»

Podiumsleiterin Stefanie Christ stellte auch an die anderen Künstler die Frage, warum sie sich denn diesen Platz für ihre künstlerische Arbeit ausgesucht hätten: «Diese Frage ist für mich nicht relevant, denn ich habe meine Freiheit im Kopf, und der denkt unabhängig vom Standort», so Matthias Kuhn. Die Progr-Mieterin und Filmemacherin Leila Kühni schätzt die Kontinuität, die ihr das Atelier im Progr bietet. «Hin und her ziehen käme für mich aufgrund meines Materials gar nicht infrage», so Kühni.

Die Künstler vom Haus am Gern hingegen verschieben stetig ihr Atelier, das sie dann mit vier überdimensionierten Leuchtbuchstaben am neuen Ort markieren: «Dies führt zwar zu häufigen Zügelarbeiten, hält uns aber aktiv», so Steiner.

Die gut besuchte und aktive Diskussion zeigte, dass das Interesse an der Progr-Zukunft gross ist. Bis Herbst seien die Planungsarbeiten abgeschlossen, so Progr-Künstler Kuhn. (Der Bund)

Erstellt: 11.06.2009, 08:06 Uhr

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