Schwarzenburg

Anarchie in Schwarzenburg

In der Silvesternacht wird in Schwarzenburg eine Eselfigur durchs Dorf getrieben und verprügelt. Begleitet wird sie von einer Schar wunderlicher Gestalten. Warum ist das Ritual bis heute derart bedeutend? Dieser Frage geht nun ein Dokumentarfilm nach, den eine junge Schwarzenburgerin gedreht hat.

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Wie jeweils der arme Tropf ausgewählt wird, der ins Eselskostüm steigen muss – das weiss Studentin Miriam Ernst bis heute nicht. Ansonsten ist sie in viele Geheimnisse über den Altjahresesel eingeweiht worden, dem Silvesterbrauch in Schwarzenburg, um den sich noch heute Mythen und Legenden ranken. Bekannt ist dagegen, dass es jeweils drei bis fünf Männer sind, die die Eselfigur spielen müssen – so anstrengend ist die ungemütliche Rolle.

Der Esel steht im Mittelpunkt der Schwarzenburger Tradition: Er wird durchs Dorf getrieben und muss für alles Schlechte des vergangenen Jahres herhalten – der «Esuführer» prügelt das Schlechte mit Schlägen aus ihm heraus. Zu diesem Zwecke verfügt der Eselskopf gnädigerweise über eine dicke Polsterung.

Minimales Budget

Miriam Ernst hat über den jahrhundertealten Brauch einen stimmigen, eindrücklichen Dokumentarfilm gedreht. Die 27-jährige Studentin, die in Schwarzenburg aufgewachsen ist, hat den Film als Bachelor-Arbeit ihres Theater- und Filmwissenschaftsstudiums in Bern und Zürich gedreht. Freilich hätte sie den einfachen Weg wählen und wie alle ihre Kommilitonen eine schriftliche Arbeit verfassen können. Doch es scheint nicht, als wäre sie eine Person, die es sich einfach macht im Leben: Unzählige Stunden hat sie dem Projekt gewidmet. Vom Konzept bis zum Schnitt hat sie fast alles selbst gemacht. Dabei habe sie aber viel Unterstützung erhalten, betont Ernst. Beim Schnitt habe ihr etwa ihr Kollege Jan Anderegg geholfen. Nur so war es möglich, den Film mit den Unterstützungsbeiträgen von 4000 Franken zu drehen – das Budget ist für ein 73-minütiges Werk ein Klacks.

Premiere nächsten Sonntag

Es sei ihr wichtig gewesen, dass der Film noch vor diesem Silvester fertig werde, sagt die Studentin. Dass es gereicht hat, dafür hat sie in den letzten Monaten einiges auf sich genommen: Sie hat den Job ausgesetzt, das Studium um ein halbes Jahr verlängert und ist an die Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit gegangen. Nächsten Sonntag wird «Der Esu isch erloubt!» erstmals den Schwarzenburgern vorgeführt.

Den «Eslern» hat sie den Film bereits gezeigt. So nennen sich die Männer, die am Ritual beteiligt sind oder waren. Jeder junge Schwarzenburger, der seinen 18. Geburtstag erreicht, wird vor die Entscheidung gestellt, ob er zu der «Esu»-Gruppe dazugehören will oder nicht. Bis heute sind nur männliche Mitglieder zugelassen. Und dem Ritual hängt etwas Geheimbündlerisches an.

Unter der Gürtellinie

Streng geheim ist etwa, wer die unflätige Predigt schreibt, die der «Esu»-Pfarrer vorträgt. Diese zielt gerne auch mal unter die Gürtellinie: So wurde auch schon preisgegeben, wenn im Dorf jemand fremdgegangen ist. Genüsslich zieht der falsche Geistliche auch über die lokalen Politiker her.

Die Kritik an den Obrigen, den Mächtigen, der Kirche – im Altjahresesels-Brauch hat sie schon in früheren Zeiten ein Ventil gefunden. Der «Esu»-Pfarrer hat die Narrenfreiheit zu sagen, was sonst Tabu ist. Es existieren keine Quellen, die über die Ursprünge berichten könnten. Die Nachforschungen, die ein Dorflehrer vor 50 Jahren angestellt hat, reichen bloss bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts.

Zensur für die Predigt

Miriam Ernst hat daher Bezüge zu anderen archaischen Bräuchen gesucht. Dabei hat sie festgestellt, dass sich eine Figur wie der «Esu-Pfarrer» nur in Schwarzenburg findet. «Warum hat gerade ein Dorf wie Schwarzenburg diese Art von Zwischengericht entwickelt», hat sich die junge Filmemacherin gefragt. Vielleicht weil die arme Bevölkerung im Schwarzenburgerland durch die gnädigen Herren von Bern und die Pfarrherren stark sozial kontrolliert worden sei, vermutet Ernst.

Bis in die 1980er-Jahre musste die Predigt zuerst dem Regierungsstatthalter vorgelegt werden. Noch heute wird vor dem Verlesen das Publikum in ironischer Weise gefragt: «Isch dr Esu erloubt?» Andere Figuren, die beim Umzug beteiligt sind, kommen dagegen in ähnlicher Gestalt auch in Bräuchen anderer Gegenden vor. Da ist etwa der Teufel oder das «Hinnerefürfroueli», das zwei Gesichter hat – eines, das frohgemut in die Zukunft blickt, und eines, das der Vergangenheit hinterher weint.

Aus den Erinnerungen

Die starke Symbolik und die skurrile Poesie des Maskenumzugs vermag der Film wunderbar einzufangen. Dabei helfen die Ausführungen von Maria Messerli, der Mutter von Miriam Ernst. Auch sie hat sich schon seit Jahren mit dem Brauch beschäftigt.

«Es macht wohl den Anschein, als hätte ich ein naheliegendes Thema gewählt», sagt Miriam Ernst. Dem sei nicht so: Zwar sei sie schon mit 17 Jahren aus Schwarzenburg weggezogen, den Altjahresesel habe sie aber in guter Erinnerung behalten. Die Energie dieser Nacht, in der sich der Mechanikerlehrling oder der BWL-Student als «Huttefroueli» oder «Söiplaterehengscht» verkleiden, habe sie schon als Kind in den Bann gezogen.

Brauch als touristischer Event

Anarchisch, wild und ketzerisch – das ist der Altjahresesel noch immer. Aber es ist eine legitimierte, organisierte Überbordung. Heute ist der Altjahresesel auch ein touristisches Event, ein Anlass für die ganze Familie. Ältere «Esler» bekundeten Mühe, dass die Einwohner die Symbolik des Umzugs gar nicht mehr verstünden. Bestimmt habe das Ritual früher eine existenziellere Bedeutung gehabt: Man hoffte, die guten Geister heraufzubeschwören, die langen Nächte wieder kürzer werden zu lassen. Dieser Aberglaube ist verschwunden, geblieben ist das offensichtliche Bedürfnis, Übergänge gemeinsam zu feiern.

Über den Durst

Und gemeinsam zu trinken. Der Altjahresesel war mitunter wegen wüster Trinkeskapaden im Verruf. Bis heute spielt der Alkohol eine Rolle: An der berüchtigten «Ussufete» am Neujahrstag beweisen die jungen Männer ihre Trinkfestigkeit. Im Film spricht Ernst mit jungen und alten «Eslern». Sie unterhält sich mit «Erstjährigen» – oder mit ihrer Grossmutter, die den Umzug stets als unsittlich empfand.

Viele Dorfpfarrer hätten in der Vergangenheit den Anlass gemieden und verteufelt, in den 1940er-Jahren habe einer unter anderem wegen des wilden Brauchs seine Stelle gekündet. Der «Esu»-Pfarrer der letzten Silvesternacht, die Ernst filmisch begleitete, ist Sohn des heutigen Pfarrers. «Das zeigt, wie sich die Stellung des Anlasses gewandelt hat», sagt Ernst.

Filmpremiere Am Sonntag, 21. Dezember, im Restaurant Bahnhof, Schwarzenburg. Vorstellungsbeginn ist um 17 Uhr.

(Der Bund)

Erstellt: 19.12.2008, 08:54 Uhr

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