«Nur Verlierer bleiben liegen»

Nicolas Kiefer (32) ist der international bekannteste Spieler am Allianz Suisse Open Gstaad. Daran

ändert nichts, dass er in der Weltrangliste auf Platz 128 abgestürzt ist. An den Rücktritt denkt der frühere Becker-Zögling nicht.

Zum Job eines Tennisprofis gehören auch Promotionsauftritte und Pressetermine. Zu den Lieblingsbeschäftigungen der Filzballkünstler zählen sie gewöhnlich nicht. Für Nicolas Kiefer scheint der Besuch bei den Gstaader Ballgirls und -boys indes keine Strafaufgabe zu sein. «Mir liegen Kinder am Herzen», sagt der Deutsche. Dass dies keine leeren Worte sind, beweist der 32-Jährige mit der Stiftung «Aktion Kindertraum». Benachteiligten Kindern, die schwer krank sind und eine tiefe Lebenserwartung haben, wird geholfen und Freude bereitet. Es sei finanziell sehr aufwändig, die Kinderwünsche zu erfüllen, erzählt er. «Es ist teuer, ein Kind samt Eltern und Betreuer in die USA reisen zu lassen, damit es mit Delfinen schwimmen kann», nennt er ein Beispiel.

Die traurigen Schicksale haben Kiefers Einstellung verändert. Früher war der Hannoveraner ein schlechter Verlierer, der zuweilen auch Ausreden bemühte. Heute kann er mit Niederlagen besser umgehen. «Die Kinder helfen mir mehr, als ich ihnen helfen kann», gibt er zu.

Nicolas Kiefer absolvierte 1999 seine beste Saison, stiess Anfang 2000 im Ranking auf Position 4 vor, wurde von den Medien mit Andre Agassi verglichen und in Deutschland als potenzieller Nachfolger Boris Beckers gefeiert. Er habe es damals als Anerkennung empfunden, dass ihm zugetraut worden sei, in die grossen Fussstapfen zu treten. Doch der Aufstieg wurde gebremst. Einerseits konnte er an Grand-Slam-Turnieren nur selten überzeugen, anderseits warfen ihn immer wieder Verletzungen zurück. Doch «Kiwi» liess sich durch die vielen Rückschläge nie unterkriegen. «Nur Verlierer bleiben am Boden liegen, Sieger stehen immer wieder auf. Und ich fühle mich als Sieger und Kämpfer», sagt Kiefer, der auf dem Tennisplatz die Mütze stets verkehrt herum trägt. «Manchmal muss man den inneren Schweinehund überwinden.»

Auch mit 32 Jahren strebt Kiefer noch Fortschritte an. «Du darfst nie zufrieden sein – das ist mein Motto», sagt er überzeugt. Auf einen Coach zählt er allerdings nicht mehr; er reist stattdessen mit einem Physiotherapeuten um die Welt. In seinem Alter werde er taktisch kaum mehr viel dazulernen und müsse selber Verantwortung übernehmen. «Das Wichtigste ist mein Körper, wenn er funktioniert, kann ich gutes Tennis spielen.»

An den Rücktritt denkt der Olympiamedaillengewinner im Doppel nicht. Solange er Spass habe, mache er weiter. Und es deutet wenig darauf hin, dass er die Freude bald verlieren wird. «Ich liebe diesen Sport über alles. Ich mag die Herausforderung eins gegen eins. Es gibt keine schöneren Momente, als wenn man gewinnt.» Auch der Rückfall in der Weltrangliste auf Platz 128 mindert seinen Enthusiasmus nicht. Das sei «kein Weltuntergang, weil ich weiss, dass ich woanders stehe, wenn ich gut spiele». In Anbetracht seines Talents hat Kiefer sicher nicht Unrecht. Vielleicht beginnt die Aufholjagd schon in Gstaad.Adrian Ruch>

Erstellt: 30.07.2009, 01:17 Uhr




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