Zeitung heute

«Der Sport lässt sich nicht isolieren»

Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), spricht im Exklusivinterview über die Kajak-WM in Thun, Roger Federer, das Thema Doping

und Frauenboxen als

neue olympische Sportart.

Hoher Besuch für die Freestyle-Kajak-WM, die vergangene Woche in Thun stattfand: Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, schaute sich am Sonntagnachmittag die Finals an. Vor der Siegerehrung gewährte er dieser Zeitung ein Interview.



Hat der höchste Sportfunktionär der Welt überhaupt noch Zeit, selber Sport zu treiben?

JACQUES ROGGE: Ja, ich laufe und fahre Rad. Ich versuche, fit zu bleiben.



In erster Linie sehen Sie jedoch viel Sport.

Genau. Ich sehe viele Wettkämpfe auf höchstem Niveau. Das ist eine schöne Seite meines Postens.



Freestyle-Kajak ist eine junge, noch wenig verbreitete Sportart. Weshalb besuchten Sie die Weltmeisterschaft in Thun?

Zum einen unterhält das IOC mit dem Internationalen Kanuverband eine ausgezeichnete Beziehung, zum anderen wurde ich eingeladen. Ich kam nach Thun, weil es mein Zeitplan erlaubte und ich neugierig war, die Sportart kennen zu lernen.



Wie ist Ihr Eindruck von der WM und von Thun?

Es war ein spannender, sehr gut organisierter Anlass in schöner Umgebung. Thun ist eine wunderbare Stadt.



Es gibt Bestrebungen, Freestyle-Kajak als olympische Disziplin zu positionieren. Ist das realistisch?

Bis jetzt liegt keine offizielle Anfrage des Internationalen Kanuverbandes vor. Für die Olympischen Sommerspiele gilt eine Obergrenze von 10500 Athletinnen und Athleten. Sollte der Kanuverband sich für eine Aufnahme von Freestyle-Kajak einsetzen, müsste er bereit sein, eine andere Disziplin zu streichen. Bis jetzt gibt es keine solchen Diskussionen mit dem IOC.



Kürzlich wurde Frauenboxen trotz bescheidener Verbreitung ins Programm der Olympischen Sommerspiele 2012 in London aufgenommen. Weshalb?

Da täuschen Sie sich. Frauenboxen wird in 125 Ländern praktiziert, und der Zulauf ist gewaltig. Die Aufnahme widerspiegelt schlicht den enormen Popularitätszuwachs.



Weshalb schlägt das Exekutivkomitee des IOC der Generalversammlung vor, im Hinblick auf die Sommerspiele 2016 auch Golf und Rugby ins Olympiaprogramm aufzunehmen?

Wir erwarten, dass diese interessanten und beliebten Sportarten den Erfolg der Olympischen Spiele noch verstärken.



Vertreter von Sportarten, die nicht berücksichtigt wurden, beklagen sich, das Exekutivkomitee habe aus rein finanziellen Erwägungen entschieden. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Diese Entscheidungen haben mit Geld nichts zu tun. Baseball wurde nicht berücksichtigt, obwohl in diesem Sport wohl mindestens so viel Geld involviert ist wie in Golf und Rugby zusammen. Die Auswahl basierte auf der Popularität der Sportarten: Wichtig sind die Anzahl der Athleten und der Länder, in denen eine Sportart praktiziert wird, sowie die Anziehungskraft auf das Publikum.



Welchen Einfluss hat die Finanzkrise auf die olympische Bewegung?

Auch wir sind betroffen, allerdings nur in geringem Mass. Sowohl das IOC als auch die Veranstalter der künftigen Spiele sind wachsam und vorsichtig, wenn es darum geht, Geld zu fordern. Die Weltwirtschaftskrise wird die Qualität der sportlichen Wettkämpfe und der Organisation der Spiele in keiner Weise beeinträchtigen.



Sie erwarten also keine negativen Auswirkungen auf die Winterspiele in Vancouver?

Nein.



In der Schweiz ist eine Frage zu Roger Federer unvermeidlich: Wie stufen Sie den Tennisstar ein?

Ich habe ihn noch nie persönlich getroffen, aber ich verfolge seinen Werdegang. Er ist eine Ikone des Tennissports und wohl der beste Spieler, den die Welt bisher gesehen hat. Ich wünsche ihm für den Rest seiner Karriere alles Gute.



Was halten Sie von Usain Bolt?

Er ist ein aussergewöhnlicher Sportler, der schon jetzt zur kleinen Gruppe der ganz grossen Leichtathleten zählt – zusammen mit Paavo Nurmi, Jesse Owens und Carl Lewis.



Können Sie persönlich Leichtathletikwettkämpfe und Radrennen als Zuschauer trotz der vielen Dopingfälle in der Vergangenheit noch geniessen?

Jeder positive Dopingfall ist ein Erfolg im Kampf gegen das Doping. Denn mit jedem Betrüger, der aus dem Verkehr gezogen wird, schützt man die sauberen Sportler. Gleichzeitig ist die ganze Problematik eine traurige Geschichte, aber – um auf Ihre Frage zurückzukommen – ich geniesse den Sport nach wie vor. Denn ich weiss, dass der Mensch nicht perfekt ist, die ganze Gesellschaft Mängel hat. Das gilt auch für Sportler.



Vor zehn Jahren wurde die Welt-Antidopingagentur gegründet. Hat Sie die Erwartungen erfüllt?

Ja, das IOC als Mitgründer ist mit der Entwicklung der Wada zufrieden.



Es gibt Dopingfälle, Wettskandale, bankrotte Fussballklubs und Ausschreitungen innerhalb und ausserhalb der Stadien. Hat der professionelle Sport seine Redlichkeit verloren und die ursprünglichen Werte aufgegeben?

Das ist keine Frage des Profisports. Selbstverständlich müssen wir Doping, Wettbetrug und Gewalt bekämpfen, aber der Sport lässt sich nicht isolieren, von der Gesellschaft getrennt betrachten. Es wird in jedem einzelnen Teil der Gesellschaft betrogen: in der politischen Welt, in der wissenschaftlichen Welt, in der ökonomischen Welt, selbst im Alltag. Der Sport ist genau wie die Gesellschaft – mit allen guten und schlechten Seiten.



Welches der genannten Probleme bereitet Ihnen am meisten Sorgen?

Bei meinen Handlungen hatte die Dopingbekämpfung immer höchste Priorität. Doping ist die grösste Gefahr für den Sport.



Könnte das IOC mehr gegen Doping unternehmen, zum Beispiel verseuchte Sportarten für einen Vierjahreszyklus von den Spielen ausschliessen?

Das wäre eine dumme Strafe, man schüttet das Kind nicht mit dem Bade aus. Es sind nicht die Verbände, die betrügen, es sind die Athleten. Zudem ist die überwiegende Mehrheit der Sportler absolut sauber; vielleicht dopen zwei Prozent, doch diese sorgen für die grossen Schlagzeilen. Durch den Ausschluss einer Sportart würden wir die sauberen Athleten bestrafen. Das wollen wir nicht, daher unterstützen wir die Verbände, solange sie den Dopingmissbrauch ernsthaft bekämpfen – und das tun auch der Internationale Radsportverband und der Internationale Leichtathletikverband.



Und was können Sie als IOC-Präsident tun, um den Sport reiner, fairer, besser zu machen?

Ich kann dazu beitragen, den Kampf gegen Doping voranzutreiben und ethische Werte hochzuhalten. Aber am meisten für einen fairen Sport tun können die Athleten; sie bestreiten die Wettkämpfe, nicht wir Funktionäre.

Interview: Adrian Ruch



> (Der Bund)

Erstellt: 08.09.2009, 01:15 Uhr

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