Zeitung heute
«Täter senden oft Signale»
Von Andreas Weidmann. Aktualisiert am 26.06.2009
«Bund»:Immer wieder sorgen Drohungen und Gewalt an Schulen für Schlagzeilen. Wie können sich die Schulen davor schützen?
Christian Randegger: Indem sie sich mental und organisatorisch auf entsprechende Krisensituationen vorbereiten. Dazu gehört die Aneignung von spezifischem Wissen, die Vernetzung mit Rettungs- und Kriseninterventionsteams und das Durchspielen verschiedener Szenarien mittels Simulationen – das auf Stufe der Schulleitung. Beim Schutz vor sogenannten Schoolshootings geht es etwa darum, ein Alarmierungs- und Evakuationskonzept zu erarbeiten, aber auch, Lehrpersonen auf Warnsignale zu sensibilisieren. Potenzielle Amoktäter senden oft Signale und kündigen ihre Taten damit oft mehr oder weniger versteckt an, sei es durch Verhaltensauffälligkeiten wie extremes Einzelgängertum oder durch konkrete Botschaften, etwa in Schulaufsätzen, auf Internetforen oder im Gespräch mit der Peergroup.
Wie häufig sind Amokdrohungen an Schweizer Schulen?
Sie stehen als Spitze des Eisbergs bei der Kriseninterventionen nicht im Vordergrund. Wesentlich häufiger sind Vorfälle wie Mobbing, Drohungen oder Erpressung, die einer Gewalttat vorangehen können. Wenn Lehrpersonen früh genug solche niederschwelligen Hinweise wahrnehmen, kann später vermutlich oft Schlimmeres verhindert werden.
Zur Bewältigung von Amokdrohungen empfehlen Sie auch die Durchführung von Notfallübungen. Löst dies nicht unnötige Ängste aus?
Notfallübungen müssen sorgfältig vorbereitet und simuliert werden. Wenn dann mit den Schülern ein Teil davon, zum Beispiel das geordnete Verlassen über eine Leiter, geübt wird, muss dies didaktisch sorgfältig eingeführt und in ein Gesamtkonzept eingebettet sein. Den Schülerinnen und Schülern muss klar sein, dass nicht nur der Notfall geübt wird, sondern dass die Gemeinschaft auch alles unternimmt, dass dieser Notfall gar nicht erst eintritt. Nach der Übung muss den Schülern die Gelegenheit gegeben werden, über die Erfahrung zu sprechen und dabei auch allfällige Ängste zu äussern.
Steigt durch solche Übungen und generell die Thematisierung von Amoktaten nicht das Risiko von Nachahmertaten?
Nein. Nachahmer werden primär durch die zu offensive oder gar reisserische Berichterstattung über einzelne Amoktaten provoziert. Deshalb ist es wichtig, dass die Schulen auch über ein Informations- und Medienkonzept verfügen.
Wegen einer Amokdrohung, die sich im Nachhinein als übler Scherz herausstellte, wurde die Gewerblich-Industrielle Berufsschule Bern im November 2008 stundenlang evakuiert. Haben die Verantwortlichen angemessen reagiert?
Ich kenne den Fall nur aus den Medien und masse mir nicht an, das Vorgehen zu kritisieren. Bilder schwer bewaffneter Polizeigrenadiere dürften auf Nachahmungstäter aber attraktiv wirken. Für die Mitschüler und Lehrer kann ein solches Ereignis zudem traumatisierend wirken, weil sie im Augenblick der Evakuation nicht wissen, ob es ein Ernstfall ist. (Der Bund)
Erstellt: 26.06.2009, 09:00 Uhr




