Zeitung heute

«Ich war der Sowjet-Spion»

Von Thierry Meyer und Eric Hoesli. Aktualisiert am 09.10.2009

Als Michail Nikolajew wurde er vor 25 Jahren in Zürich festgenommen und in ein Schweizer Gefängnis gesteckt. Jetzt enthüllt er seinen richtigen Namen: Witali Schlykow. Er war unter Boris Jelzin stellvertretender Verteidigungsminister.

Die Szene könnte einem Roman von John Le Carré entstammen. Beim Tee in einer Moskauer Hotellobby beginnt ein weisshaariger Mann, mit vifen Augen hinter der Brille, zu erzählen. Aus der Aktentasche zieht er Zeitungsausschnitte, das Faksimile einer Anklageschrift und Fotos, die nach Kaltem Krieg aussehen. Mit 75 hat Witali Wassiljewitsch Schlykow, ehemaliger Sowjet-Spion, beschlossen, seine Geheimnisse zu offenbaren. Eine aussergewöhnliche Geschichte, die in den Turbulenzen des 20. Jahrhunderts spielt.

25.Januar 1983. Juri Andropow, ehemaliger KGB-Chef und Nachfolger von Leonid Breschnew, hat im Kreml die politischen Schrauben angezogen. Der Kalte Krieg ist noch kälter geworden. In Zürich steigt der Agent Nikolajew (das ist Schlykows Deckname) unter dem Namen Ronald Miskell, Buchhalter aus dem US-Bundesstaat Illinois, im Hotel Limmathaus ab. Er hat ein Treffen mit einer Kontaktperson vereinbart an der Tramhaltestelle vor dem Kunsthaus. Ein Ort, den er mag: «Die Trams kommen aus allen Richtungen. Da ist es leicht, abzuhauen.» Doch anstelle von «Lyn» alias Ruth Gerhardt, geborene Jöhr – ihr soll er neue Mikrofilme und 125000 Franken übergeben im Tausch gegen Geheimdokumente über das südafrikanische Nuklearprogramm –, nehmen ihn Polizisten in Zivil fest. Ende der Karriere.

Nuklearprogramm ausspioniert

Diese hat ein Vierteljahrhundert früher begonnen. Der junge Schlykow, geboren in einem militärischen Konglomerat in der Nähe von Kursk, im Zentrum Russlands, studiert Ökonomie am renommierten Institut für internationale Beziehungen in Moskau. Die Fakultät ist ein beliebter Rekrutierungsplatz des KGB. Der ehrgeizige Student interessiert sich für die Spionagetätigkeit. Sie entspricht seinem Patriotismus, seiner Reiselust, seiner Abneigung zu heiraten. «Ich war verlobt, und nur schon der Gedanke, die Schlinge um den Hals zu haben, war Motivation, auf die Avancen des Geheimdiensts einzugehen.»

Schlykow geht zum militärischen Geheimdienst (GRU). Der KGB will keinen Ökonomen, während der verwandte, noch geheimere Nachrichtendienst einen sucht. Lächelnd erzählt er vom «normalen Curriculum» eines angehenden Spions: zwei Jahre höhere Schulung, geheime Wohnung, Aufenthalte in Österreich, seinem angeblichen Heimatland, und Akklimatisierung in Kanada, bevor er schliesslich in die USA einreist.

1962 wird der militärische Geheimdienst von einem Riesenskandal erschüttert: Einer seiner wichtigsten Protagonisten, Oberst Oleg Penkowski, wird in Moskau wegen Hochverrats verhaftet. Welche Geheimnisse sind in den Westen gelangt? Keiner weiss es. Die präventiven Säuberungen verändern die Strategie des GRU und führen zur Aktivierung des Agenten Schlykow. «Meine Arbeit war einfach: Ich traf Agenten und beschaffte von ihnen Dokumente im Tausch gegen andere. Ich vermied jeden Kontakt mit Sowjetbeamten, war wie eine Nadel im Heuhaufen.»

Anfang der 70er-Jahre nimmt Schlykow Kontakt mit Dieter Felix Gerhardt auf. Der südafrikanische Commodore (d.h. Brigadegeneral) leitet das Forschungszentrum und die Militärbasis in Simonstown, welche die Nato als Vorposten betrachtet. Gerhardt weiss alles über die Verteidigungsstrategie Südafrikas, sein Nuklearprogramm, die Beziehungen zu den USA und der Nato. Aber er spielt ein doppeltes Spiel: Seit 1962 ist er einer der wichtigsten Agenten der Sowjetunion. Seine Motivation zum Verrat erklärt er am Prozess, der ihm 1983 gemacht wird, so: Sein Vater, ein Bure, sei ein Nazi-Sympathisant gewesen. Der Ekel vor ihm habe ihn dazu veranlasst, die Apartheid zu bekämpfen, indem er den Sowjets diente. Am 20. Januar 1983 vom FBI in den USA – zusammen mit seiner Frau und Komplizin Ruth – verhaftet, verrät er Schlykow, alias Nikolajew. Die beiden haben sich in der Zwischenzeit wiedergesehen – ohne Groll, wie der einstige Sowjet-Spion sagt.

«Meine professionelle Beziehung zum Ehepaar Gerhardt dauerte 15 Jahre. Wir hatten Dutzende von Treffen, überall auf der Welt: in Madagaskar, Kopenhagen, Paris, Madrid, Genf, Bern oder Zürich. Die Schweiz war praktisch, weil Ruth Gerhardt aus Basel stammte. Die Gerhardts reisten in die Schweiz, um angeblich ihre Angehörigen zu besuchen, und fuhren dann, mit falschen Identitäten, nach Moskau, wo ich sie empfing.»

Mikrofilme und Codenamen

Seien es Mikrofilme von Plänen, Strategien und anderen Geheimdokumenten oder Kontakte und Codenamen: Die Begegnungen zwischen dem sowjetischen Spion und dem südafrikanischen Paar folgen stets demselben Muster. Schlykow fungiert auch als Geldbote. Laut der Zürcher Justiz haben die Gerhardts rund 800000 Franken vom militärischen Geheimdienst der UdSSR erhalten, als Entschädigung für ihre Spionagetätigkeit.

Zu drei Jahren verurteilt

Der Sowjet-Spion weiss bis heute nicht, wer Gerhardt an die Amerikaner verraten hat. Er ist überzeugt, dass sein eigenes Kommen und Gehen ihnen bekannt war, vom CIA sogar gefilmt wurde. Aber was danach geschah, das weiss bis heute niemand wirklich. Denn Schlykow, alias Nikolajew, hat sich mithilfe der Schweizer Justiz ein neues Leben verschafft.

Nach der Verhaftung im Januar 1983 verbringt er vier Monate in Bülach im Gefängnis. «Die Haftbedingungen waren sehr hart.» «Ich hatte kein Anrecht auf Besucher, war total isoliert. Die Ermittler sagten mir, sie wüssten, wer ich sei, und drohten, mich nach Südafrika auszuliefern. Erst als die UdSSR mich als einen ihrer Agenten anerkannte, bekam ich einen Anwalt.»

Der Prozess gegen Nikolajew, wie er sich nennt, findet ein Jahr später statt. Er wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, das Maximum, das die Schweizer Gesetzgebung vorsieht für «Spionage auf Schweizer Territorium für ein Drittland und zum Nachteil eines anderen Drittlandes». Er kommt in die Strafanstalt Regensdorf. Zwei Jahre später wird er wegen guter Führung entlassen. Die Sowjets schaffen ihren Agenten via Prag aus dem Land. Er wird mit der Medaille «Roter Stern» dekoriert. Witali Schlykow ist jetzt ein Held der Sowjetunion. Er posaunt es aber nicht heraus, weil er damit Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. «Meine Chance bestand darin, unaufspürbar zu sein. Die Schweizer hatten den Amerikanern weder Fotos noch Fingerabdrücke von mir übermittelt.»

Schlykow beschliesst, beim GRU zu bleiben und sich dort dem Dienst für wirtschaftliche Verteidigungsanalysen anzuschliessen. Er macht sich Sorgen: «Die Militärplanung war schlecht, die Führung katastrophal – und die ganze Strategie auf völlig falschen, fünfzig- bis hundertmal zu hohen Schätzungen der amerikanischen Mobilisierungskapazität aufgebaut. Die UdSSR hat sich selbst ausgehungert, indem sie immense Rohstofflager anlegte für den Fall einer Mobilisierung. Ich habe Ende der 80er-Jahre in Artikeln davor gewarnt, aber niemand hat mich gehört.»

Nach dem Fall des kommunistischen Regimes wird Schlykow von Boris Jelzin zum stellvertretenden Verteidigungsminister ernannt. Eine russische Zeitschrift zählt ihn zu den 80 einflussreichsten Personen des Landes. Der Ex-Maulwurf nimmt an internationalen Konferenzen teil und verhandelt mit Leuten, denen er einmal nachspioniert hat. Alle sind ahnungslos: Der rote Teppich für den Ex-Spion! Auch hierzulande: «1992 bin ich von Oberstdivisionär Paul Rast, der Militärattaché in Moskau war, in die Schweiz eingeladen worden. Ich wurde mit allen diplomatischen Ehren empfangen. Als wir an der Strafanstalt Regensdorf vorbeifuhren, schwankte ich, alles zu erzählen. Der Fall war delikat: Unter meiner Identität als Nikolajew hatte ich Einreiseverbot. Aber die Schweizer waren sich dessen nicht bewusst.» Warum enthüllt er jetzt alles? «Ich will mein Gewissen entlasten.»

Immer noch «zu gefährlich»

Witali Schlykow hütet noch andere Geheimnisse. Er kommt auf die Rohstoffe zurück, die am Ende der SowjetÄra angehäuft wurden. «Weder Jelzin noch Gaidar (sein Premier) wussten etwas davon. Diese Lager haben sich einfach in Luft aufgelöst.» Die UdSSR war nicht arm, sie war laut Schlykow wie eine Grossmutter, die ihr Geld unter der Matratze verwahrt. Und gewisse Individuen hätten sich einfach bedient.

«Ich habe erkannt, dass ich einem kriminellen Staat diente – und habe demissioniert. Die Rohstoffbestände wurden insgeheim verschachert, oft über die Schweiz. Sie können das überprüfen: Anfang der 90er-Jahre sind die Preise an der Londoner Metallbörse zusammengebrochen unter dem plötzlichen Zufluss von Metallen. Der Weltmarktpreis für Aluminium fiel um 40 Prozent.» Das sei die Antwort auf die Frage, warum die Generäle sich nie gegen die politischen Reformen aufgelehnt hätten. Witali Schlykow schaut auf seine Tasse, dann in die Hotellobby. «Es ist noch zu gefährlich, über all das im Detail zu sprechen.»

Er erhebt sich. «Ich muss an die Hochschule zurück.» Schlykow unterrichtet heute Verteidigungsstrategie und -wirtschaft an einer Moskauer Universität. Er nimmt an Kongressen über die internationale Sicherheit teil – letzte Woche war er in Gstaad, wo wir ihn fotografierten. Und im Moment verbringt er Ferien auf einer griechischen Insel. Seine Tochter, sagt er, sei eine erfolgreiche Geschäftsfrau.

Übersetzung az/mak

© «24 heures», Edipresse 2009.

























> (Der Bund)

Erstellt: 09.10.2009, 01:16 Uhr

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