Zeitung heute

Die Muslime rücken zusammen

Von Christian von Burg. Aktualisiert am 10.10.2009

Die Minarett-Initiative wirft selbst liberale Muslime auf ihre Religion zurück. Zu Besuch bei Nese Cetinkaya, für die Moscheen nicht wichtig sind und die ihre Ehe als gleichberechtigter erlebt als die vieler Schweizer.

«Du bist ja nicht so wie die.» Das hört sie oft, wenn sie mit Schweizern über Muslime spricht. Nese Cetinkaya sitzt in ihrer modernen Wohnküche in einem Einfamilienhaus in Illnau-Effretikon. Sie kam Anfang der 70er-Jahre, fünf Jahre alt, mit ihren Eltern aus der Türkei in die Schweiz. Unterdessen spricht sie besser Schweizerdeutsch als Türkisch, ist Schweizerin geworden und hat selber eine Familie. Defne, ihre 10-jährige Tochter, bringt Kaffee. «Viele unserer Freunde sind so wie wir», sagt Cetinkaya, «wir sind kaum praktizierend.» Die Diskussion um die Minarett-Initiative werfe jedoch viele muslimische Frauen und Männer auf ihre Religion zurück. «Sie fühlen sich angegriffen und rücken zusammen.»

Nur selten in der Moschee

10 bis 15 Prozent der rund 400000 Muslime in der Schweiz besuchen regelmässig eine Moschee. Die Mehrzahl geht gemäss Islamexperte Andreas Tunger-Zanetti von der Universität Luzern selten oder gar nie in die Moschee. Ähnlich wie bei den Christen kreuzten zwar viele bei der Volkszählung noch «Islam» an, praktizierten ihre Religion aber nicht mehr.

Für Cetinkaya spielen Moscheen keine Rolle. Wenn sie betet, dann zu Hause. Dazu lädt sie etwa bei Totengedenktagen andere Frauen ein, die versiert sind im Lesen des Korans. «Ich verstehe die arabischen Verse nicht, aber es gibt eine schöne, beruhigende Atmosphäre.» Sie habe einmal eine Liturgie orthodoxer Christen gesehen. «Da empfand ich Ähnliches.» Ihr Mann geht selten in die Moschee, vielleicht ein, zwei Mal im Jahr. Meist im Ramadan und zum Opferfest. Minarette sind ihr denn auch kein grosses Anliegen. Und dennoch hält sie es für «falsch und ausgrenzend», wenn Muslime in der Schweiz keine Minarette bauen dürften.

Verständnis für Angst vor Islam

Tarik, ihr 7-jähriger Sohn, hat soeben fertig gezeichnet. Die Mutter betrachtet in Gedanken versunken das Bild und fragt: «Was meinst du, braucht es Minarette?» Ihr Sohn schaut sie fragend an. Sie zeigt an die Wand, wo eine Stadtansicht von Istanbul hängt: «Diese Türme da.» Tarik überlegt nicht lange: «Wenn man schon eine Kirche baut, dann sollen sie auch so ein Ding dazustellen.» Tarik war in der Schweiz noch nie in einer Moschee, sein älterer Bruder vielleicht ein, zweimal mit dem Vater. Die Mutter weiss es nicht.

Dem Verbot der SVP-Plakate zur Anti-Minarett-Initiative steht Cetinkaya zwiespältig gegenüber. «Mit einem Verbot wird zwar die Meinungsfreiheit beschnitten, aber das Plakat zeigt ein Zerrbild des Islams in der Schweiz.» Sie verstehe jedoch die Angst, die viele Schweizer vor dem Islam hätten. Cetinkaya verbindet sie mit dem islamistischen Terror im Ausland. «Seit den Anschlägen in New York hat sich unser Leben verändert», sagt sie. «Als Muslimin muss man sich seither immer wieder rechtfertigen.» Dabei sei sie selber beunruhigt über den Extremismus. Sie kenne allerdings niemanden in ihrem Umfeld, der damit in Berührung gekommen sei. «Ich bin aber vorsichtiger geworden», sagt Cetinkaya. Sie könne sich zum Beispiel nicht vorstellen, ihre Kinder einfach irgendwohin zum Religionsunterricht zu schicken. «Ich müsste genau wissen, wer dort was lehrt.»

Dass viele Schweizer den Islam per se als rückständig und patriarchal ansehen, hält Cetinkaya hingegen für falsch. «Sie kennen den Islam kaum.» Die Reibungsflächen entstünden vielmehr, weil viele Muslime aus ländlichen Gegenden stammten und noch nicht lange in der Schweiz lebten. Sie selber teilt sich mit ihrem Mann die Erwerbsarbeit und schliesst als kaufmännische Angestellte bei der Empa bald noch eine Masterarbeit in Management und Interkultureller Kommunikation ab. «Ich glaube, wir können als gleichberechtigter gelten als viele Schweizer Ehepaare», sagt sie.

Cetinkaya fährt durch ihr langes Haar und lächelt. Die Kinder drängeln, wollen endlich raus zum Minigolf-Spielen. Nein, ein Kopftuch sei in ihrer liberalen Familie nie ein Thema gewesen. Mit Freundinnen, die eines tragen, vermeide sie jedoch, darüber zu sprechen. Man will sich hier nicht in die Haare geraten. Die Motive, ein Kopftuch zu tragen, seien sehr verschieden. «Manchmal tragen es zwei von drei Töchtern eines Hauses und die dritte geht einen anderen Weg.»

Cetinkaya nimmt den Hausschlüssel und gibt dem Drängen der Kinder nach. Vor der Tür hängt ein Schild mit arabischen Buchstaben. «Was heisst das eigentlich?», fragt Tarik. Die Mutter entziffert es mühsam und sagt dann lächelnd: «Wir glauben an Allah.»

> (Der Bund)

Erstellt: 10.10.2009, 01:16 Uhr

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