Zeitung heute

«Deutlich geringere Chancen»

Sie werden bereits am Telefon abgewimmelt oder bei den Bewerbungsschreiben nach Namen aussortiert. Bei ausländischen Lehrstellensuchenden spiele die schulische Leistung eine untergeordnete Rolle, sagt der Schweizer Bildungsforscher Christian Imdorf.

«Bund»:Haben ausländische Jugendliche bei der Lehrstellensuche wirklich schlechtere Karten?

Christian Imdorf: Vergleicht man Schulabgänger mit gleichen schulischen Leistung, so haben diejenigen mit fremdländisch klingenden Namen deutlich geringere Chancen, eine Lehrstelle zu finden.



Sind Tamilen, Italiener und Ex-Jugoslawen gleich betroffen?

Am stärksten trifft es die Secondos aus dem ehemaligen Jugoslawien. Sie haben bis zu viermal geringere Chancen als junge Schweizer.



Oft wollen Kunden oder Mitarbeiter keine Ausländer im Betrieb – ist es da nicht verständlich, wenn Lehrmeister zuerst auf inländische Lehrlinge setzen?

Doch, diese Argumentation ist nachvollziehbar. Nur werden andere Punkte oft zu wenig bedacht: Man geht davon aus, dass Lehrlinge mit Eltern aus Kosovo automatisch Probleme machen. Fragt man aber genauer nach, so handelt es sich oft nicht um eigene Erfahrungen, sondern um Einschätzungen von aussen. Die meisten Betriebe haben übrigens auch schon schlechte Erfahrungen mit Schweizer Lehrlingen gemacht. Diese Erfahrungen werden aber nicht generalisiert.



Sie wollen sagen, die ausländischen Lehrlinge sind besser als ihr Ruf?

Es geht mir nicht darum, jemanden zu verteidigen. Ich will nur sagen, die Auswahl gehorcht auch Kriterien, die mit der Leistungsfähigkeit nichts zu tun haben. Es droht die Gefahr, begabte junge Menschen auszuschliessen, weil sie unter dem Image ihrer Landsleute leiden.



Wie funktioniert die Diskriminierung konkret?

Meist haben die Lehrbetriebe eine Vielzahl von Anfragen. Sie machen deshalb eine Vorselektion. Am Telefon sagt man Jugendlichen mit ausländischem Akzent, die Lehrstellen seien bereits besetzt. Von den Bewerbungsschreiben werden diejenigen mit ausländischen Namen aussortiert. Etwa ein Viertel der Bewerbungsprozesse beginnt mit einer Schnupperlehre. Bereits da haben ausländische Jugendliche schlechtere Karten. Denn oft läuft es bei der Lehrstellensuche auch über Bekanntschaften. Eltern ausländischer Jugendlicher haben meist nicht genügend Vitamin B.

Ist es nicht normal, dass sich jede Ausländergruppe erst ihre Sporen abverdienen muss?

Natürlich hatten schon die italienischen Secondos früher mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Man darf die Lehrstellenproblematik aber nicht verharmlosen, denn der Vorrang für Inländer führt in einen Teufelskreis.

Wie meinen Sie das?

Die ausländischen Jugendlichen müssen sich – immer bei gleicher schulischer Leistung – häufiger bewerben als die jungen Schweizer. Mit der Zeit verlieren die Bewerbungen an Sorgfalt. Sie müssen sich auf immer entferntere Stellen bewerben, was den Bedürfnissen der Arbeitgeber zuwiderläuft. Und schliesslich vermuten die Lehrmeister ein Problem bei Jugendlichen, die schon lange auf Lehrstellensuche sind. Die Jugendlichen selbst reagieren auf die steten Absagen mit Trauer und Frustration.



Wie gross ist der Anteil ausländischer Jugendlicher bei den Berufslehren heute?

Der Anteil bei den Schulabgängern , die auf Lehrstellensuche sind, beträgt heute gut einen Viertel. In den nächsten zehn Jahren wird er auf einen Drittel, im städtischen Umfeld sogar auf die Hälfte ansteigen. Die Lehrbetriebe müssen sich also öffnen.



Gibt es umgekehrt auch Fälle, in denen Schweizer Jugendliche diskriminiert werden?

Schweizer Jugendliche sind bei der Lehrstellensuche benachteiligt, wenn sie älter sind als der Durchschnitt der Bewerber, wenn sie fettleibig sind oder wenn sie für ihren Beruf das «falsche» Geschlecht aufweisen.

Welche Massnahmen empfehlen Sie, um die Diskriminierung abzubauen ?

Förderlich wäre, wenn betriebseigene Facharbeiter, die selber Immigranten sind, zu Berufsbildnern befördert würden. Es brauchte auch mehr Praktikumsplätze für ausländische Jugendliche. So könnten sich die Betriebe vor Ort ein reales Bild über deren Lern- und Arbeitsfähigkeit machen. Und schliesslich müsste man sich überlegen, ob die Selektion auch durch geschultes Personal ausserhalb der Betriebe stattfinden könnte.



Was halten Sie von Quoten?

Bei öffentlichen Stellen halte ich es für einen Versuch wert. In der Privatwirtschaft lässt sich dies jedoch kaum durchsetzen.>

Erstellt: 21.11.2008, 01:15 Uhr

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