Der Ärger der Schweinezüchter
Von Andreas Weidmann. Aktualisiert am 06.05.2009
Artikel zum Thema
«Eine Schweinerei im wahrsten Sinne des Wortes» sei es, was seit Tagen ablaufe, findet Andreas Johner. Johner ist Schweinezüchter im freiburgischen Heitenried und Präsident des Schweineproduzentenverbands Suisseporcs im westlichen Mittelland. Damit vertritt er auch rund 1100 Schweinezüchter und -mäster im Kanton Bern. Johners Wut richtet sich gegen die Bezeichnung Schweinegrippe. Diese sei irreführend, weil sie eine Übertragbarkeit der Krankheit durch den Fleischkonsum suggeriere. Übertragbar ist die Krankheit aber auf diesem Wege nicht. «Richtig müsste es aufgrund des Ursprungs der Krankheit deshalb ,Mexikanische Grippe‘ heissen», findet Johner.
9 Franken weniger pro Schwein
Aus Sicht Johners und vieler weiterer Produzenten hat die Diskussion der vergangenen Tage die Konsumentinnen und Konsumenten nachhaltig verunsichert. Die Schweineproduzenten spürten das «ganz direkt im Portemonnaie». Tatsächlich erhalten die Produzenten seit letztem Montag 10 Rappen weniger pro Kilogramm geschlachtetes Schwein – pro ganzes Schlachttier macht dies 8 bis 9 Franken aus. Normalerweise aber können die Produzenten zu Beginn der Grillsaison aber mit steigenden Preisen rechnen.
Die sinkenden Preise und damit die Einkommenseinbusse führt Johner auf die Verunsicherung bei den Konsumenten und die Zurückhaltung bei den Hauptabnehmern Migros und Coop zurück.
Doch von Verunsicherung bei den Konsumenten – das zeigt eine Anfrage bei den beiden Grossverteilern – kann zumindest im Moment keine Rede sein. Zwar geben Migros und Coop keine Verkaufszahlen bekannt. Beide Grossverteiler meldeten gestern auf Anfrage aber stabile Absätze beim Schweinefleisch seit dem weltweiten Ausbruch der Seuche. «Bei den Konsumenten ist klar durchgekommen, dass Schweinefleisch weiter problemlos konsumierbar ist», sagt Migros-Sprecher Urs Peter Naef: «Wir spüren keinen Veränderung nach unten.»
Auch von einer Zurückhaltung beim Einkauf wegen der Schweinegrippe wollten die Grossverteiler nichts wissen: Die sinkenden Produzentenpreise erklärt Patrick Wilhem, Marketingleiter der Migros-Grossmetzgerei Micarna, vielmehr mit einem Überangebot auf dem Markt. Weniger Schweine geschlachtet habe Micarna seit dem weltweiten Ausbruch der Krankheit nicht.
Einbruch bei Vogelgrippe
Die aktuelle Situation mit dem stabilen Schweinefleisch-Konsum kontrastiert auffällig mit jener während der BSE-Krise in den Jahren 2000/01 und den Alarmmeldungen zur Vogelgrippe in den Jahren 2005 und 2006. Damals war der Pro-Kopf-Verkauf beim Rindfleisch respektive beim Geflügel gemäss Angaben der Branchenorganisation Proviande jeweils deutlich um bis zu 2 Kilogramm eingebrochen. «Die heutige Situation ist kaum vergleichbar mit BSE oder der Vogelgrippe», sagt dazu Proviande-Sprecherin Regula Kennel. Auch bei BSE und Vogelgrippe habe für die Konsumenten keine Gefahr bestanden, damals seien aber tatsächlich Tiere erkrankt, und das Fernsehen habe entsprechende Bilder gezeigt. Die heutige Situation sei vollkommen anders, «die Schweizer Schweine sind gesund», so Kennel.
Tatsächlich betonen die Behörden seit Tagen, dass der Verzehr von Schweinefleisch weiterhin unbedenklich ist und die Influenza-Viren nicht durch Lebensmittel übertragen werden, sondern durch den Kontakt mit infizierten Personen.
Verband droht mit Klage
Bei den Schweineproduzenten bleibt jedoch der Ärger über den Begriff Schweinegrippe. Beim Branchenverband Suisseporcs ist dieser mittlerweile so gross, dass der Verband die Medien dazu aufgefordert hat, unverzüglich nur noch von Influenza AH1N1 zu sprechen und zu schreiben. Andernfalls prüfe man rechtliche Schritte gegen die Verwendung des «rufschädigenden» Begriffes Schweinegrippe.
Dass sich die Schweineproduzenten auf einen solchen Rechtshandel einlassen werden, scheint wenig wahrscheinlich: Zwar benutzen Behörden wie die Weltgesundheitsorganisation oder das Bundesamt für Gesundheit mittlerweile nur noch die Bezeichnung AH1N1. Internationale Nachrichtenagenturen und die meisten Medien im deutschsprachigen Raum halten aber am mittlerweile gut eingeführten Begriff Schweinegrippe fest. (Der Bund)
Erstellt: 06.05.2009, 07:34 Uhr



