Der Krieg um die Kuhmilch

Ein Grossverteiler, der illegal Pastmilch verkauft. Oder ein Landesstreik, der sich an

einer Milchpreiserhöhung entfacht. In der Schweiz ist Milch ein Zündstoff wie anderswo Öl. Dabei zeigen gerade die Konflikte, wie gut die bisherige Ordnung funktioniert hat.

Ein Grossverteiler veranstaltet die Revolution: Man schreibt den 6. Juli 1960, als die Migros Basel bei den Behörden ein Gesuch einreicht, in der ganzen Stadt Pastmilch verkaufen zu dürfen. Sie wartet den Bescheid aber nicht ab, sondern beginnt schon am nächsten Morgen mit dem Verkauf. Eine Provokation, denn sie hat nur für drei ihrer Filialen eine Erlaubnis. Und sie bezieht die Milch nicht vom Milchverband Basel, der für die Stadt zuständig ist, sondern aus Zürich.

Noch am selben Tag reichen der Allgemeine Consumverein, der Milchhändlerverband Basel und der Verband der nordwestschweizerischen Käserei- und Milchgenossenschaften Strafanzeige ein: wegen Verletzung des eidgenössischen Milchbeschlusses. Und wegen Bruchs der Belieferungsordnung. Nach einer Busse von 200 Franken bricht der Grossverteiler die Aktion am 2. August ab.

Legal, illegal, halblegal

Der Basler «Milchkrieg» bleibt nicht der einzige. Pastmilch in der neuartigen Wegwerfpackung ist immer beliebter, doch verkaufen dürfen sie – wie die offene Milch – nur die amtlich lizenzierten Molkereiläden und Milchmänner. So will es die Milchordnung. Während die mit der Migros verbündeten Parlamentarier des Landesrings politischen Druck machen, um den Verkauf zu liberalisieren, probt der Grossverteiler den Aufstand an der Kundenfront: mit legalen, illegalen und halblegalen Verkaufs- und Verschenkaktionen; nach Basel auch in Genf und Schaffhausen. Erst 1966, nach der Abstimmung über den neuen Milchbeschluss, wird der Pastmilchverkauf freigegeben.

Es gibt die Legende von der Kappeler Milchsuppe, über der die Soldaten der konfessionell verfeindeten Eidgenossen anno 1529 das Kriegen vergessen haben sollen. Doch die Milch ist in diesem Land traditionell kein Anlass für Versöhnung, sondern Stoff für Konflikte. Anderswo gibt es Kriege um Öl; in der Schweiz spricht man von «Milchkriegen», wenn die Bauern die Käsereien boykottieren. Oder die Käser die Grossverteiler. Oder die Grossverteiler die Bauern.

Planwirtschaft nach dem Krieg

Einmal lag wegen der Milch sogar eine richtige Revolution in der Luft: vor neunzig Jahren, als der Bundesrat einen höheren Milchpreis ankündigte. Der Entscheid hätte die Ernährungslage in jener Zeit von Not und Teuerung weiter verschärft. So, im aufgeheizten Klima des Novembers 1918, brachte der Bundesrat die Arbeiterführer dazu, den Landesstreik auszurufen.

Kurz zuvor war der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen. Es waren die Erfahrungen mit der Landesversorgung im Krieg, die jenes planwirtschaftliche Milchregime konsolidierten, das der Staat und die Verbände seit 1916 erprobt hatten. Damals hatte der Bund den Zentralverband der Schweizerischen Milchproduzenten (ZVSM), die Dachorganisation der Milchbauern, beauftragt, die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkmilch sicherzustellen. So wurden die Bauern von Staats wegen verpflichtet, die Milch abzuliefern, die sie nicht für sich selber brauchten. Als Gegenleistung bekamen sie eine Preisgarantie; dazu Entschädigungen, die der Bund aus der Produktion von Käse und Milchkonserven abschöpfte.

Das war der Beginn eines planwirtschaftlichen Systems, das in den folgenden Jahrzehnten immer wieder angepasst und ausgebaut, immer feiner und komplizierter wurde: mit Ablieferungsvorschriften und Abnahmepflichten, Verbilligungsaktionen und Verkäsungszulagen – die Milch wurde zum Service public.

Eine Rückkehr zum Markt wünschte sich nach dem Krieg keiner der Milchbauernverbände: «Sie waren in ihre Rolle als ,Versorger der Nation‘ hineingewachsen», schreiben Peter Moser und Beat Brodbeck, Historiker im Archiv für Agrargeschichte in Zollikofen, im Buch «Milch für alle», einem Grundlagenwerk zur Schweizer Milchwirtschaft. Hinter diesem System stand ein doppelter politischer Wille: die Versorgung zu sichern und die Risiken von Produktion, Verarbeitung und Handel unter den Akteuren zu verteilen. Simpel gesagt: Jeder sollte sich Milch kaufen können, und jeder Bauer sollte von seinen Milchkühen leben können.

Das war nicht immer so. Im 19. Jahrhundert boomte der Export von Schweizer Käse, doch das Risiko des schwankenden Weltmarkts blieb an den Bauern hängen: Der Milchpreis errechnete sich direkt aus dem Erlös des Käses im Ausland – den Bauern blieb der Betrag, der nach den Gewinnansprüchen der Verarbeiter und Händler übrig war. 1907 wurde der ZVSM gegründet, um diesen Mechanismus aufzubrechen und mit dem Verband der Käseexporteure eine Regulierung auszuhandeln, die die Produktionskosten der Bauern deckte.

Der ZVSM wurde Dreh- und Angelpunkt der neuen Ordnung; es folgten die Milchhändler, die Milchverarbeiter und die Konsumvereine, die sich ebenfalls national organisierten und mit ihren Verbänden zu Ausführungsorganen des Staates wurden.

Legitimiert wurde diese Ordnung auch durch eine Art Milchpatriotismus. In der Schweiz, die sich traditionell als Land der Hirten versteht, ist Milch mehr als nur Milch. «Milch ist das dem Schweizer von der Natur geschenkte Volksgetränk», heisst es in einer Ovomaltine-Reklame von 1934. Tatsächlich war sie hier schon früh ein alltägliches Lebensmittel, während sie etwa in Deutschland den oberen Klassen vorbehalten war.

Die Integrationskraft des Systems

Acht Jahrzehnte lang, bis zur Liberalisierung des Agrarsektors ab den Neunzigerjahren, war die Milchordnung in Kraft. In dieser Zeit habe keiner der beteiligten Akteure die Milchordnung grundsätzlich infrage gestellt, erklären Moser und Brodbeck. Und ausgerechnet die Konflikte beweisen, wie gut das System funktionierte. In der Ära vor dem Ersten Weltkrieg wurden die «Milchkriege» nämlich zwischen den Gruppen mit entgegengesetzten Interessen ausgefochten. So gründeten 1911 die Milchbauern die Emmental AG als eigene Firma für den Käseexport, um die Käsehändler zu umgehen.

Die Konflikte unter der neuen Ordnung waren dann anders gelagert, wie die Historiker zeigen: Sie entzündeten sich innerhalb der einzelnen Gruppen – wenn sich Minderheiten nicht vertreten und vom System ausgeschlossen sahen. Darum ging es in der Romandie in den Vierzigerjahren, als unzufriedene Milchbauern gegen den Willen ihres Verbands zum Lieferstreik aufriefen. Und darum ging es auch in den «Pastmilchkriegen» der Migros: Sie machte dem Handel das Verkaufsmonopol streitig. Umso bezeichnender für die Integrationskraft des Systems, dass es auch neue Akteure einbinden konnte. Wie etwa – durch die Freigabe des Milchverkaufs – die Migros.

Flexibel, aber zu teuer

«Die Milchordnung überlebte so lange, weil sie flexibel genug war, um die Anpassungen an die neuen Verhältnisse in der Konsumgesellschaft zu ermöglichen», erklären Brodbeck und Moser. Zu dieser Anpassungsleistung zählen sie auch die Kontingentierung, die heute, am 1. Mai, ausläuft. Die 1977 eingeführten Produktionslimiten sind das letzte Element der bisherigen Milchordnung.

Die Gründe für ihr Ende sehen die Historiker in ihrem Preis: Sie wurde zu teuer. Zu Beginn der Neunzigerjahre waren die Bundesbeiträge an die Milchverwertung auf über eine Milliarde Franken jährlich gestiegen. Dazu kam, dass der internationale Druck auf die nationalstaatlich ausgerichteten Marktordnungen seit 1989 überall wuchs.

Mit der Milchordnung sei auch der «Konsens über die Risikoverteilung» verloren gegangen; die Konflikte würden wieder vermehrt zwischen den Akteuren ausgetragen, prognostizieren die Historiker in ihrem Buch von 2007. Wie zum Beweis kam der Milchlieferstreik im Mai 2008: Die Bauern boykottierten die Verarbeiter – da ist er wieder, der Milchkrieg alten Zuschnitts.



Das Buch: Peter Moser/Beat Brodbeck: Milch für alle. Bilder, Dokumente und Analysen zur Milchwirtschaft und Milchpolitik in der Schweiz im 20. Jahrhundert. Verlag hier + jetzt, Baden 2007.>

Erstellt: 01.05.2009, 01:16 Uhr