Zeitung heute
Betende Banker
Von Michael Meier, Zürich. Aktualisiert am 01.07.2009
Christliche Mitarbeiter der SIX Swiss Exchange treffen sich jeden Donnerstag in der neuen Zürcher Börse Selnau zum Gebet für Kollegen und Vorgesetzte. Zu Lobpreis und Bibelbetrachtung kommt jeweils freitags die Basler Banken-Bibelgruppe in der Offenen Kirche Elisabethen zusammen. In etwas gehobenerem Ambiente, nämlich im Zürcher Hotel Baur au Lac, tauscht sich die Gesprächs- und Gebetsgruppe der Young Business People einmal monatlich aus. Beter aus verschiedenen Banken brüten wöchentlich im Zürcher Lavaterhaus über einem Bibeltext. Die Christen der Credit Suisse versammeln sich im Mehrzweckraum des Altersheims Laubegg zu Gebet und Inputs, jene der Bank Vontobel in einem Sitzungszimmer.
In Schweizer Banken wird zunehmend gebetet. Immer mehr Männer in Nadelstreifen setzen auf geistliches Networking, zumal in der Krise. Treibende Kraft ist Christian Rüegger, Credit Officer und Executive Director bei der UBS in Zürich. Der Vater von fünf Kindern hatte 2003 den Verein der UBS-Christen mitbegründet. «Wir wollten nie eine eigene Kirche sein», sagt der Täufer, «sondern die bankeninternen Gebets- und Bibelgruppen vernetzen.» Bei Anlässen schreibt er innerhalb der Bank hundert Interessierte an. Rüegger leitet auch die Banken-Bibelgruppen, einen losen Zusammenschluss von Bibel- und Gebetsgruppen verschiedener Finanzdienstleister. All diese Gruppen sind offiziell überkonfessionell. Wobei die Freikirchlichen und Evangelikalen mit ihrem engagiert-missionarischen Christsein klar dominieren.
«Das Gebet durchdringt mein ganzes Leben, also auch den Beruf», bekennt Rüegger. Dabei sei die Fürbitte nur ein Teil des Gebetes. «Gebet ist vor allem Dank und Lobpreis an Jesus Christus, weil ich ein Kind Gottes sein darf und in seiner Gunst stehe.» Der 59-Jährige erzählt, wie er am eigenen Leib eine Gebetserhörung erfahren hatte: Nach einem Zusammenbruch aus beruflichen Gründen habe sich die Situation ganz unerwartet geklärt.
Beten für die Geschäftsleitung
Nicht nur in der persönlichen Krise, vor allem auch angesichts der globalen Finanzkrise zählt für den Banker das Aufgehobensein in Gott und das Vertrauen, «dass es schon gut rauskommt». In der UBS-Gebetsgruppe bete man aber nicht etwa dafür, «dass die Krise vorbeigeht, sondern dass die Bank in der Krise gut geführt wird». Und dafür, dass Gott den Mitarbeitern beisteht und Zuversicht gibt.
Im letzten Herbst, just auf dem Höhepunkt der Krise, teilte der Verein der UBS-Christen der damaligen Geschäftsleitung, UBS-Chef Marcel Rohner und Verwaltungsratspräsident Peter Kurer, mit, dass man für die Bank bete. Kurer bedankte sich umgehend. Die neue Führungscrew Oswald Grübel und Kaspar Villiger hat Rüegger nicht eigens über die Gebetsinitiative informiert. «In der Gebetsgruppe selber beten wir nicht so personenbezogen, sondern allgemein um die weise Führung des Unternehmens durch den Arbeitgeber.»
Gebet verbessert Betriebsklima
Die Not lehrt beten. Davon ist auch Beat Christen, der Initiant der schweizweiten Firmengebete, überzeugt. «Zurzeit wird wieder mehr gebetet», sagt er. In der Krise seien die Menschen dankbar für Gebete. Schliesslich wirkten sich diese positiv auf das Betriebsklima aus. Beat Christen hatte speziell auch «für Herrn Ospel gebetet, als er die Firma meines Vaters nicht so gut führte». Seines Vaters? «Ja, die UBS gehört Gott Vater.» Die Bankenkader seien sich viel zu wenig bewusst, dass Gott alles gehöre, wenn er doch der Schöpfer sei. «Wir Menschen haben nur treuhänderische Funktion.» So versucht Christen das Credo christlicher Geschäftsführung als Gegenprogramm zur neoliberalen Gewinnmaximierung auf den Punkt zu bringen: «Christlichen Bankern geht es um gutes Verwalten und nicht ums Verdienen oder Machen von Geld.»
Beat Christen, bekannt als akkreditierter Beter und Lobbyist des lieben Gottes im Bundeshaus, beteuert, im Gebet sei er «24 Stunden online mit dem Zentralserver des Universums». Vor 17 Jahren hatte er die Vision, dass Christen in den öffentlichen Sektoren wie Medien, Schulen oder Forschung wieder eine führende Rolle übernehmen müssten. «Auch die Wirtschaft und Bankenwelt soll Teil von Gottes Reich werden.» Heute koordiniert der 63-Jährige ein Netzwerk von weit über 200 Firmen-Gebetsgruppen in der ganzen Schweiz. Als Mitarbeiter der Vereinigten Bibelgruppen VBG hatte er angefangen, vor allem die akademischen Berufsstände der Ärzte, Anwälte oder des Hochschulpersonals betend zu durchdringen. Die Banken-Gebetsgruppen sind die jüngste Frucht seiner Tätigkeit.
Auf der zurzeit wegen eines Virus vom Netz genommen Homepage der UBS-Christen konnte man auch von grösseren Anlässen der Banken-Bibelgruppen lesen. Letztes Jahr referierten dort SVP-Nationalrat Urich Giezendanner und Gastrounternehmer Rolf Hiltl. Einmal trat auch Marten Hoekstra, interimistischer Leiter des Global Wealth Management der UBS, als Referent auf. Er machte die betenden Banker mit den «Führungsprinzipien aus der Bibel» vertraut.
<@>www.bankenbibelgruppen.ch
(Der Bund)
Erstellt: 01.07.2009, 09:02 Uhr




