Zeitung heute
Anschlag auf Vasellas Jagdhaus
Von Maurice Thiriet. Aktualisiert am 04.08.2009
Es scheint, als bliebe Novartis-Chef Daniel Vasella derzeit nichts erspart. Gestern Morgen um 3.30 Uhr meldete ein Nachbar des tirolischen Jagdanwesens in der Gemeinde Bach einen Gebäudebrand, dem ein dumpfer Knall vorausgegangen sei. Das Jagdhaus von Daniel Vasella mit Kühlräumen, der Trophäenausstellung und dem Büro des Jagdmeisters stand in Flammen. 120 Feuerwehrleute benötigten eine Stunde, um den Brand auf der 4000 Hektaren grossen Pacht Vasellas zu löschen. «Bei dem Feuer wurde die geschindelte Fassade schwer beschädigt», sagt ein Novartis-Sprecher, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.
Mit gutem Grund: Vor Wochenfrist haben Unbekannte das Grab von Daniel Vasellas Mutter in Chur geschändet und die Urne mit ihrer Asche entwendet. Den Grabstein verschmierten sie mit der Aufforderung, Novartis solle die Zusammenarbeit mit dem britischen Tierversuchslabor Huntington Life Sciences (HLS) einstellen. Hinter der Aktion dürfte die militante britische Tierschutzorganisation Stop Huntington Animal Cruelty (SHAC) stehen. Sie will Novartis dazu bringen, die vermutete Zusammenarbeit mit HLS zu beenden. Zu diesem Zweck hat sie mutmasslich auch ein Novartis-Sportzentrum in St. Louis (F) in Brand gesteckt und leitende Angestellte mit Brand und Farbanschlägen eingeschüchtert. SHAC-Sprecherin Clare Willcott dementierte gegenüber dem «Bund» die Beteiligung ihrer Organisation an Einschüchterungen und Brandstiftungen gegen Novartis, verwies aber auf die grosse Zahl der Sympathisanten, die «unsere Ziele unterstützen».
Die jüngsten Übergriffe der Tierschützer sind ein Höhepunkt in einer Entwicklung, die sich seit Längerem abgezeichnet. Der Inlandgeheimdienst DAP stellt seit geraumer Zeit eine zunehmende Aktivität militanter Tierschützer in der Schweiz fest – teils unter Anführung englischer Aktivisten. 2007 gingen 16 Prozent der bearbeiteten Fälle von gewalttätigem Extremismus auf das Konto von Tierschützern. «Seit etwa 2005 stellen wir eine massive Akzentuierung des Problems auch in der Schweiz fest», sagt Jürg Bühler, interimistischer Direktor des DAP. 2008 sind die Fallzahlen etwas zurückgegangen. «Wohl wegen Verhaftungen und langjährigen Haftstrafen in England», sagt Bühler. 2006 sind führende Tierschützer aus dem Umfeld der SHAC zu 12 Jahren Haft verurteilt worden, weil sie die Leiche der Schwiegermutter eines Zuchtfarm-Besitzers in Newchurch(GB) entwendet hatten.
Zu den konkreten Fällen des Jagdhauses im Tirol und der Grabschändung in Chur kann sich Bühler nicht äussern, weil der DAP noch nicht eingeschaltet wurde. Doch gemäss seiner allgemeinen Einschätzung tragen auch die jüngsten Übergriffe die Handschrift der Engländer.
Seriöse Tierschützer entsetzt
Hiesige Tierschutzorganisationen reagieren unterschiedlich auf die Anschläge. «Wir verurteilen solche Aktionen, die dem Tierschutz schaden», sagt Heinz Lienhard, Präsident des Schweizer Tierschutzes STS. Gar «aufs Schärfste» verurteilt Katharina Beriger von Vier Pfoten die Grabschändung und fügt an: «Das ist für den Tierschutz kontraproduktiv.» Weniger eng sieht es hingegen Erwin Kessler vom Verein gegen Tierfabriken (VGT): «Ich habe mit der Sache nichts zu tun und kann deshalb dazu auch keinen Kommentar abgeben.»
> (Der Bund)
Erstellt: 04.08.2009, 01:18 Uhr




