«Je einfacher wir leben, desto glücklicher sind wir»
Von Rudolf Burger, Daniel Goldstein. Aktualisiert am 10.08.2009
Galsan Tschinag. (Marcel Bieri)
«Bund»: Herr Tschinag, Sie haben im Jahr 1995 in einer Karawane Angehörige Ihres Tuwa-Volks in der Mongolei in die angestammte Heimat zurückgeführt. Wie geht es diesen Menschen heute?
Galsan Tschinag: Leicht besser als dem Durchschnitt im Land. Aber es geht uns in der Mongolei überhaupt nicht gut. Seit einigen Jahren ist das Klima völlig verändert. Früher hatten wir etwa alle zwölf Jahre eine kleine Katastrophe. Doch in den letzten zehn Jahren gab es vier, fünf Mal eine Katastrophe.
Was ist passiert?
Zu viel Kälte, gar kein Regen und zu viele Stürme. Die haben in drei Jahren nacheinander die Humusschicht in der Steppe weggetragen; deshalb gab es graslose Jahre. Millionen Tiere sind eingegangen.
Wie konnten die Menschen da überleben?
Der Mensch ist ja für Schwierigkeiten gut gerüstet, aber nicht so gut für das Glück: Wenn es den Menschen ein bisschen gut geht, werden sie übermütig und verlieren die Vernunft. Sie sehen das doch auch in Ihrem eigenen Land.
Sind also Katastrophen eine gute Sache, weil sie den Menschen aufs Wesentliche zurückwerfen?
Es ist traurig, aber ich sehe das so: Katastrophen sind dazu da, dass wir uns bewähren; es sind auferlegte Prüfungen, wie im Buch Hiob.
Haben die Menschen in der Mongolei noch jene traditionellen Fähigkeiten der Nomaden, mit denen sie solche Katastrophen durchstehen können?
Diese Fähigkeiten sind schnell wieder zurückgekehrt, schon gegen Ende der Karawane. Am Anfang merkte man, dass die Leute schlaff und der Trunksucht verfallen waren. Sie waren Lügner und Betrüger.
War das eine Folge des Kommunismus oder des Kapitalismus nach der Wende?
Es war die Stadtnähe. Die Stadt hat die Menschen verdorben; sie hatten die Eigenschaften der Städter übernommen. Während der schweren Tage auf der Karawane sind sie langsam zu dem zurückgekehrt, was sie früher gewesen waren.
Aber in der Karawane dabei war wohl nur ein kleiner Teil des Tuwa-Volks?
Ein kleiner Teil, aber immerhin 150 Menschen. Und ich hatte schon zuvor acht Jahre lang jedes Jahr mit Lastwagen zehn Familien zurückgeschleust. Mit der spektakulären Karawane zusammen waren das 550 Menschen, ein kleines Volk. Jetzt sind dort schon 1850 Menschen.
Sind alle geblieben – oder gingen manche auch wieder weg?
Das hat es auch gegeben, vielleicht fünf der dreissig Familien der Karawane.
Hat sich mit der Entfernung von der Stadt auch das Alkoholproblem gelöst?
Nicht wirklich. Die Rücksiedler trinken vielleicht nicht so viel, aber die Jungen: Es gibt eine ganze Trinkergeneration.
Wie konnten diese Familien die Naturkatastrophen überleben; haben sie noch Tiere?
Ich habe zwei, drei Mal noch Vieh gekauft. Ich habe mit Vorträgen und Lesungen in Europa hart gearbeitet und das Geld dafür einfach auf den Küchentisch der Gemeinschaft gelegt. Unter anderem haben wir damit Vieh gekauft.
Leben Sie selber noch mit den Nomaden?
Halbwegs, mein Jahr ist so aufgeteilt: neunzig Tage Europa, neunzig Tage Hirtendasein, sechs Monate in der Nähe der Hauptstadt Ulan-Bator, wo ich auf dem Land ein kleines Grundstück gekauft habe. Dort sitze ich und schreibe meine Bücher. Und neuerdings pflanze ich Bäume. Das sind meine Schafe und Ziegen, meine Kinder und Enkelchen.
Wie bitte?
Ich habe vor einem Jahr bekannt gegeben, dass ich eine Million Bäume spende. Die Mongolei ist zu einem baumlosen, graslosen und wasserlosen Land geworden, zu einer Wüste. Deshalb habe ich gedacht, einer muss anfangen, und habe grosssprecherisch verkündet: Ich werde eine Million Bäume spenden.
Wie viele sind schon gepflanzt?
Die ersten 3000 Bäume stehen schon, die mongolische Armee war so lieb und hat mir Soldaten zur Verfügung gestellt. In diesem Jahr werden es wohl 10000 Bäume werden. Gedeihen sie gut, werden wir im nächsten Jahr 50000 oder 100000 pflanzen. Solange ich lebe, soll es mindestens eine Million werden. Die Nobelpreisträgerin Wangari Maathai, eine tolle Frau, hat in Afrika schon 30 Millionen Bäume gepflanzt. Wenn eine Frau in Afrika das kann, warum nicht auch ein Mann in Asien?
Wichtig ist wohl, dass die Bevölkerung mitmacht.
Die Menschen haben sich begeistern lassen. Meine Nachbarn, alle wollen Bäume haben, und jedem, der kommt, schenke ich Bäume, und ich helfe den Menschen beim richtigen Einpflanzen. So wird sich diese grüne Insel ausbreiten. Ich sage Nein zur Entwaldung unseres Landes, wie ich in den kommunistischen Jahren immer wieder Nein gesagt habe.
Welche Folgen hatte das?
Ich habe als Lehrer ein Berufsverbot auf Lebenszeit. Ich war an der Universität acht Jahre lang Dozent für Deutsch. Dann kam das Berufsverbot und vierzehn Jahre später die Wende. Da dachte ich, jetzt dürfe ich wieder arbeiten, und bat den Rektor darum, den ich sehr gut kannte. Er jedoch sagte: «Mein lieber Freund, es tut mir so leid, aber das Verbot kam von oberster Stelle des Staates, und solange es nicht aufgehoben ist, kann ich dich nicht beschäftigen.»
Haben Sie dagegen etwas unternommen?
Nein. Ich antwortete: «Ach so? Dann fühle ich mich aber sehr geehrt.» Ein kleiner Bürger und ein grosser, mächtiger Staat, mit Polizei, einer Armee, mit Ministerien, einem Präsidenten – und wir stehen miteinander im Krieg, das ehrt mich. Das werde ich zeitlebens so stehen lassen.
Haben sich also die Zustände nach dem Ende des Kommunismus nicht gebessert?
Dazu möchte ein Gedicht von mir zitieren: «Ein Knopf, geknüpft zu einer falschen Grösse, gewirkt in ein falsches Loch auch noch, so steck’ ich am Kragen meines Landes. Wir fühlen uns beide unwohl.»
Wie beurteilen Sie Ihr Land, gut fünfzehn Jahre nach dem Systemwechsel?
Wo gibt es denn diese berühmte Freiheit? Haben Sie etwa die Freiheit?
Wir glauben, wir sind ziemlich frei.
Ach, Sie Glückliche! Sie sind typische Journalisten. Ein DDR-Politbüro-Mitglied hat Journalisten einmal »politische Hanswurste» genannt. Gut, Sie haben Freiheit, gewiss. Sie haben alles, Berge, Städte, Autos, Lebensstandard, Wohlstand, Freiheit, Demokratie, Wahlen, Volksabstimmungen. Aber überlegen Sie sich manchmal auch, was hinter alledem steckt? Ich möchte Sie jetzt nicht gegen den Staat aufmüpfig machen. Ich bin ja selber dreizehn Jahre Journalist gewesen und habe oftmals gedacht: Was für ein hohlwangiges, scheissiges Journalistendasein!
Wir sind zufrieden damit – wären wir nicht Journalisten, hätten wir ja keine Gelegenheit, ein Gespräch mit Ihnen zu führen.
Sie leben in einem anderen Land, in einem europäischen, einem zivilisierten Land. Aber die Mongolei ist eine Sippengesellschaft. Dort, oder auch in den Nachbarländern, würden Sie es schwer aushalten. Sie sind, nehme ich an, ehrliche Menschen – und die haben es schwer.
Hat sich beim Übergang vom Kommunismus zur Demokratie denn nichts geändert?
Äusserlich schon, aber im Wesentlichen nicht: Die Unwahrheit wird für die Wahrheit gehalten. Und das Volk wird jetzt erst recht, in der Demokratie, bewusst verdummt, durch die Zeitungen und das Fernsehen.
Das ist ein betrüblicher Befund. Woran fehlt es denn?
Am menschlichen Wesen. Wir Menschen sind unvollkommen. Nun gut – in Europa gibts vollkommene Menschen, das sehe ich am Fernsehen: Die lachen ja alle. Aber wenn sie immer nur lachen, ist das verdächtig. Das haben Rotchina und Europa gemeinsam: Es dürfen der Weltöffentlichkeit nur lachende Menschen gezeigt werden, mit entblössten Zähnen.
Sie haben ein anderes Bild von den Menschen.
Wir Menschen sind so unfertig, wie sollte es auch anders sein? Die Erde ist möglicherweise 15 Milliarden Jahre alt, und das älteste Kunstwerk, die Venus, die man kürzlich gefunden hat, etwa 40000 Jahre. Die Menschheit ist also ein ganz neues Gewächs; wir müssen noch werden, wir sind noch grün. Wir stehen am Anfang.
Und es ist fraglich, wie lange es uns noch gibt.
Der Hofastrologe der Queen, ein Professor, hat 1000 Pfund gewettet, dass wir das 21. Jahrhundert nicht überstehen werden. Er sagte, er hoffe zu verlieren, wisse aber, dass es so nicht weitergehen könne. Die Industrie boomt – aber schauen Sie, wie viel wir damit zerstören und wie wir unsere menschlichen Urfähigkeiten verlieren. Wir entwickeln uns zurück. Unsere Kinder und Kindeskinder werden nicht in der Lage sein, sich in der Natur zurechtzufinden, wenn sie einmal ausgesetzt werden wie alternde Zootiere.
Das ist eine sehr pessimistische Sicht der Dinge.
Nein, nicht pessimistisch, realistisch.
In der Weltsicht, die Sie in Ihrem neuen Buch «Der singende Fels» darlegen, ist es ein Fehler, Menschen und Erde getrennt zu betrachten. Das müsste ein Ganzes sein.
Wir sind ein Rundes, die Menschheit und der Planet. Wir können selber jeden Tag die Realität erschaffen. Was wir heute säen, werden wir morgen ernten. Wenn wir heute so viel herstellen und zurechtbiegen, müssen wir uns doch überlegen: Grosser Himmel, wie wird das morgen ausschauen? Wir denken nicht an die Folgen, nur an das Geld.
Es gibt Leute, die an die Folgen denken, sonst gäbe es keine Klimakonferenzen.
Wenn Sie jetzt von Konferenzen reden, dann möchte ich losheulen. Neulich ist sogar der amerikanische Botschafter ausgeflippt, als die mongolische Staatsspitze wieder einmal Geld für eine Konferenz wollte. Dabei haben die USA, die EU und andere schon so viele Konferenzen finanziert. Da haben die Leute schön geredet und sich in Fünfsternehotels vollgefressen, und passiert ist nachher nichts.
Wäre es besser, die Mongolei müsste ohne Hilfsgelder auskommen?
Nein, diese Gelder müssten vernünftig ausgegeben werden, eben zum Beispiel, um Bäume zu pflanzen, Brunnen zu graben, die Gesundheit zu verbessern.
Von den grossen Konferenzen zu den kleinen: zu ihren Lesungen oder den Vorträgen über Schamanismus. Werden Sie da verstanden – können wir uns in das Gedankengut hineinversetzen, das aus dem Nomadenleben kommt?
Es wäre vermessen zu erwarten, dass die Menschen, die mir zuhören, das alles so schnell verstehen und dann privat umsetzen. Ich möchte sie aufstacheln und herzlich in die Arme nehmen.
Wie möchten Sie denn verstanden werden?
Ich möchte die Menschen aufrütteln: Werdet bescheidener, meine lieben Freunde. Die Menschen brauchen gar nicht so viel, wie die Ideologen des Staats glauben machen wollen. Wir brauchen ganz wenig, und dann ist unser Leben umso menschlicher, umso schöner. Je einfacher wir leben, desto glücklicher sind wir. Der Endzweck des Lebens ist für mich Glück.
Für eine Mehrheit in unserer Gesellschaft gibt es kein Zurück vom Auto, vom Fernsehen, vom Computer.
Und warum nicht? Weil damit die Interessen einer Geldmafia beeinträchtigt werden. Ganz zurück kann man nicht, aber jedes Jahr einen Schritt zurück oder wenigstens stehen bleiben. Nicht beschleunigen, sondern entschleunigen.
Also zurück zur Natur?
Ja, mit dem alten Rousseau. Aber mit dem Auto und dem Laptop bitte? (lacht) Wir haben in der Wissenschaft, in der Zivilisation ganz viele Fortschritte erzielt. Davon müssen wir nicht zurückgehen. Aber wir müssen uns sagen: Wir haben doch eigentlich genug, was wollen wir mehr? Aber die Politik, die Machthabenden wollen immer mehr, mehr Wirtschaftswachstum.
Sie stellen das Wirtschaftswachstum infrage.
Ja. Selbst die Pflanzen werden zum Wachstum hochgepeitscht. Wir in der Mongolei sind Pestiziden aus Russland und China ausgesetzt. Dort machen sie immer grössere und schönere Äpfel, aber die schmecken nach nichts. Dabei heisst das Zauberwort Bio. Gerade Europa macht da ziemlich grosse Fortschritte, aber Asien, wo ich herkomme, will davon nichts wissen. Wir Menschen scheinen unbelehrbar zu sein. Mich macht es wütend: Wir sehen, was Europa und Amerika falsch gemacht haben und könnten unseren eigenen Weg gehen, aber das tun wir nicht.
Es gibt das Bild vom Rufer in der Wüste. Sind Sie so einer?
Ich muss sagen, dass ich ganz schön gehört werde. Ich bin schon zufrieden.
Können die Leute, die sich im Westen für Schamanismus interessieren, wirklich verstehen, worum es dabei geht?
Im Westen trete ich nicht so sehr als Schamane, sondern als Aufklärer auf. Man hat von uns Schamanen eine ganz falsche Vorstellung, es ist nichts Allmächtiges, Unerklärbares oder ziemlich Düsteres. Ihr habt im Westen auch Schamanen, ehrliche, hellsichtige Menschen. Das ist der Grund, weshalb ich Goethe, Mozart, Beethoven, Rembrandt, Einstein als Schamanen bezeichne. Einstein war ein hervorragender Physiker, aber auch ein Schamane. Er hat so viele gute Dinge gesagt, die hier nicht unbedingt propagiert werden.
Woran denken Sie?
Wenn er gesagt hat: Eine Maus, die auf einem fernen Stern liegt, hat den Zustand des Universums verändert, dann ist das die Aussage, dass alles mit allem zusammenhängt. Wenn es mir in der mongolischen Wüste gut geht, wird es Ihnen im fernen, wohlgeordneten Bern irgendwie auch besser ergehen. Die Menschheit ist ein Gewebe, dass sie schwyzerisch ausschauen und ich mongoloid – das ist nur die Oberfläche. Wenn wir einen Monat zusammenleben würden, durch die Wüste reisten, ums Überleben kämpften, Durst und Hunger erlitten, würden wir sehen, wie nahe wir miteinander verwandt sind.
War das so mit dem deutschen Kamerateam, mit dem Sie in der Wüste unterwegs waren?
Die waren nicht gebildet. Diese Burschen hatten zu wenig gelesen und keine Lust, über gewisse Dinge nachzudenken. Über die Karawane haben sie gut berichtet, sie haben die Bilder ausgeschlachtet, in Geld verwandelt. Aber ich wollte, dass ein grosses Epos bliebe, langsam dahinfliessende Bilder von der mongolischen Landschaft, von 150 Menschen, 140 Kamelen, 350 Pferden, 30 Hunden, Hühnern, Katzen und Autos. Wir waren eine Gemeinschaft und haben es gemeistert. Das war biblisch. Mit so einem Film hätten wir einen Oscar bekommen. (lacht)
Mit dem Kamerateam sind Sie nicht glücklich, aber mit dem Unternehmen Karawane nach wie vor?
Ich bin so stolz, dass ich dabei mein ganzes Geld verplempert habe. Ich habe 80 Kilogramm Bargeld in die Wüste mitgenommen. Das war mutig, aber eigentlich unvernünftig, eine Don Quichotterie in der neuen Zeit. Aber es ist gelungen, die Karawane hat stattgefunden, ist Buch geworden, Film, ist Legende geworden und geblieben. (Der Bund)
Erstellt: 10.08.2009, 15:18 Uhr



