Zeitung heute

«Gemeinschaft ist nicht bloss konsumierbar»

Von Walter Däpp, Markus Dütschler. Aktualisiert am 11.05.2009

Vor 200 Jahren wurde Sophie von Wurstemberger geboren, die Gründerin der evangelischen Schwesterngemeinschaft Diakonissenhaus Bern. Daraus ist ein Betrieb mit über 400 Mitarbeitenden geworden – doch die Gemeinschaft selber wird kleiner: Lydia Schranz, die Oberin, ist mit 56 Jahren die jüngste Diakonisse.

Schwester Lydia Schranz. (Valérie Chételat)

Schwester Lydia Schranz. (Valérie Chételat)

Lydia Schranz

Schwester Lydia Schranz, 56-jährig, ist seit 1990 Oberin der evangelischen Schwesterngemeinschaft Diakonissenhaus Bern. Sie wuchs in Biel und Ostermundigen auf, war von 1974 bis 1977 Kindergärtnerin in Bern, bevor sie im Mai 1977 in die Gemeinschaft eintrat. Nach fünfjährigem Noviziat und dem Studium der Theologie im Theologisch Diakonischen Seminar Aarau wurde sie 1982 als Diakonisse eingesegnet. Sie war Seelsorgerin im Salemspital und in einem Pflegeheim, erteilte Ethikunterricht an der Krankenpflegeschule und ist als Predigthelferin im Einsatz. Sie ist Mitglied der Geschäftsleitung der Stiftung Diakonissenhaus Bern, die weit über 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Zur Stiftung gehören Alters- und Pflegeeinrichtungen wie das Heim Oranienburg, das Heim Belvoir, das Krankenheim Altenberg, die Villa Sarepta und das Zentrum für Palliative Therapie. Sie nimmt sich auch verschiedenen Randgruppen an und vermittelt im Berner Stellennetz Arbeitsplätze. Das Diakonissenhaus Bern feiert den 200. Geburtstag seiner Gründerin, der Patriziertochter Sophie von Wurstemberger , mit einer Ausstellung vom 12. Mai bis 21. Juni. Internet: www.dhbern.ch. (wd)

«Bund»: Sind Sie Frau Schranz oder Schwester Lydia? Wie spricht man Sie korrekt an?
Lydia Schranz: Unter uns Ordensfrauen sagen wir ,Schwester‘ und geben uns den Vornamen. Auch Aussenstehenden stelle ich mich als Schwester Lydia vor, doch das wird zunehmend missverstanden: Die Leute meinen dann, ich trüge ihnen gleich das Du an. Viele sagen mir Frau Schranz.

Schwester tönt wie Krankenschwester.
Viele meinen tatsächlich, wir seien alle in der Pflege tätig. Früher war es so, dass auch Krankenschwestern Arbeitstrachten trugen. Im Tram wird manchmal gerätselt, was wir wohl für eine ,Kappe‘ tragen. Kürzlich hörte ich, wie jemand über mich flüsterte: «Die gehört zur Kirche.» Wir sind etwas Exoten, wie andere Ordensleute auch.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörten Ihrer Gemeinschaft über tausend Schwestern an, Diakonissen in blauer Tracht mit weissem Häubchen sind in Bern seit jeher ein vertrautes Bild. Wie lange noch?
Von den heute 85 Diakonissen stehen 8 noch im aktiven Arbeitsprozess. Die Zeit wird kommen, wo man auf der Strasse keine Schwestern im ,blüemlete Blaue‘ mehr antrifft. Es gibt auch einige, die auf Zivilkleidung gewechselt haben. Ihr Erkennungszeichen ist das Medaillon.

Welches Motiv ist darauf zu sehen?
Es zeigt eine Geschichte aus dem Alten Testament. Eine Witwe sollte ihre Söhne verpfänden, weil sie ihre Schulden nicht bezahlen konnte. Sie wandte sich an den Propheten Elisa. Durch ihn geschah ein Wunder: Ihre Tonkrüge füllten sich mit Speiseöl – und so konnte sie die Schulden begleichen. Für uns heisst das: Wir lassen uns von Gott beschenken und haben stets genug, um anderen etwas weiterzugeben.

Diakonissen verzichten auf Ehe, Kinder, Selbstbestimmung und Wohlstand. Dazu sind Frauen heute kaum mehr bereit.
Das hat mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Seit den 50er-Jahren haben sich die starren Rollenbilder aufgeweicht. Frauen wählen ihren Beruf frei aus. Und wenn sie auf einem anderen Kontinent arbeiten möchten, müssen sie nicht mehr in eine Missionsgesellschaft eintreten. Wir Diakonissen verzichten aber nicht nur, wir gewinnen auch.

Was gewinnen Sie – einen sicheren Platz im Himmel?
(lacht) Ich strebe nicht nach einem guten Platz im Himmel, aber ich hoffe natürlich, Christus lasse mich einmal «la düre schlüüffe». Doch Spass beiseite: Ich habe kein Leistungsdenken. Auch meine Aufgabe als Oberin habe ich nicht gesucht. Ich hoffe, diese Verpflichtungen wieder einmal abgeben, mich in den Kreis meiner Mitschwestern einreihen zu können und mit ihnen zusammen auf dem Weg von Jesus Christus weiterzugehen.

Welche Vorteile bietet das Leben als Diakonisse?
Diakonissen leben in einer verbindlichen Gemeinschaft. Dazu muss allerdings jede Schwester etwas beitragen. Gemeinschaft ist nicht bloss konsumierbar. Wir essen gemeinsam, sofern es mit den Arbeitszeiten vereinbar ist. Zudem gibt es täglich vier Gebetszeiten, die erste um 7 Uhr, die letzte um 21.45 Uhr. Wir beten frei formulierte Gebete und liturgische Gebete.

Materielle Werte zählen nicht? Sie arbeiten für Gottes Lohn?
Das stimmt nicht ganz. Auch wir reden natürlich übers Geld. Die neu Eintretenden erhalten einen Lohn, geben einen Teil an die Gemeinschaft ab und sind selber für die Altersvorsorge verantwortlich. Die Stiftung hilft, dass sie bis ans Lebensende in der Gemeinschaft leben können.

Auch nach dem Tod sind die Diakonissen alle gleich: Die rund dreihundert Diakonissengräber auf dem Schosshaldenfriedhof sind eindrücklich – sie ähneln Soldatengräbern.
Ja, die Gräber sind alle gleich. Doch all diese verstorbenen Diakonissen waren eigenständige Persönlichkeiten. Jede hat ihre eigene Geschichte.

Sind Diakonissen eigentlich eine Art evangelische Nonnen?
Wir bezeichnen uns als evangelische Ordensgemeinschaft. Die Diakonissen der Gründerzeit strebten bewusst kein Kloster an. Sie wollten, dass die Schwestern hinausgehen – um zu helfen und für den Nächsten da zu sein. Rückzug und Kontemplation standen schon bei ihnen nicht im Vordergrund.

Parallelen zu katholischen Ordensleuten sind aber offenkundig.
Mit den katholischen Nachbarinnen im Viktoriaheim pflegen wir zum Beispiel einen sehr guten Kontakt. Ihre Oberin hat ein jährliches ökumenisches Treffen angeregt. Auch bei der Betreuung von Novizinnen arbeiten wir auf nationaler Ebene zusammen. Und Tagungen von Gemeinschaften verschiedener Ausrichtungen geniessen bei uns Gastrecht. Da hat sich im Vergleich zu früher viel geändert.

Offenbar hat die reformierte Landeskirche gemerkt, dass einiges, was sie im 16. Jahrhundert abschaffte, später fehlte. Wie ist Ihr Verhältnis zur Landeskirche heute?
Ich bin in der Synode, dem Kirchenparlament. Die Kirche nimmt unsere Arbeit wahr, und wir treffen uns auf Leitungsebene zu informellen Gesprächen.

Das Häubchen und die ,Uniform‘ unterdrücken das Individuelle und Weibliche. Man könnte eine Parallele zum umstrittenen islamischen Kopftuch erkennen . . .
Auf diese angebliche Parallele sind wir auch schon angesprochen worden. Ich kenne die Gründe für die Bekleidung der Musliminnen aber zu wenig. Unser Häubchen stammt aus einer Zeit, als verheiratete Frauen sprichwörtlich ,unter die Haube‘ kamen. Eintretende Diakonissen wurden mit der Haube also verheirateten Frauen gleichgestellt. Übrigens: Die Haube verdeckt nichts – ausser ein paar Haaren.

Die Gründerin Ihrer Ordensgemeinschaft, die vor 200 Jahren geborene Sophie von Wurstemberger, war eine Patriziertochter. Durch ihr diakonisches Wirken brach sie aus ihrer Gesellschaftsschicht aus.
Sie brach tatsächlich aus ihrem angestammten Milieu aus. Dass sie mit ihrer Mutter Krankenbesuche unternahm, gehörte zu den Aufgaben einer Patrizierfrau. Sophie gingen aber Not und Elend der Armen, Kranken und Betagten sehr nahe. Sie liess sich deshalb keine neuen Kleider anfertigen, sondern trug die alten aus, um das Geld dann für die Armen zu spenden. Die Diakonissenbewegung war in diesem Sinne emanzipatorisch: Frauen bekamen Gelegenheit, ihre Fähigkeiten und Gaben zu nutzen – zum Wohle anderer.

Heute wirkt das Bild der für Gotteslohn dienenden, helfenden Frau aber antiquiert.
Es mag sein, dass unsere dienende Lebensform nicht mehr modern ist, aber ich finde es ein spannendes Leben. Unsere Gemeinschaft berücksichtigt und fördert heute viel stärker persönliche Neigungen und Interessen einer Frau, die eintritt.

Sie sind heute vermutlich mehr Managerin als Ordensfrau?
Beides trifft zu. Ich bin in diese Aufgabe hineingewachsen, ohne eine Managementausbildung absolviert zu haben. In der Stiftung Diakonissenhaus Bern vertrete ich heute den Bereich Gemeinschaften.

Was bewog Sie, Diakonisse zu werden?
Ich war Kindergärtnerin. Mein Vater war Theologe im Diakonissenhaus, weshalb ich hie und da hier ,z Predig‘ ging. Drei Tanten waren Diakonissen. Ich begriff lange Zeit nicht so recht, was das war. Und es interessierte mich auch nicht. Später setzte ich mich aber ernsthaft mit dem vermeintlich eigenartigen Lebensstil der Diakonissen auseinander. Ich bat Gott, mir zu zeigen, wohin mein Leben gehen könnte. Und er zeigte es mir. Im Mai 1977 trat ich in die Gemeinschaft ein, und nach fünfjähriger Probezeit, dem Noviziat, wurde ich zur Diakonisse eingesegnet.

Ein Gelübde mussten Sie nicht ablegen?
Nein. Nach der Probezeit werden wir als volles Mitglied aufgenommen. Dabei werden wir gesegnet für den weiteren Weg.

Hatten Sie nie Zweifel, ob dieser Weg für Sie der richtige ist?
Doch, die gab es – schon in der Probezeit, als ich in einem theologischen Seminar mit Frauen und Männern die gleiche Klasse besuchte. Ich habe mich nach diesen Jahren innerlich nochmals entschieden, in der Schwesterngemeinschaft zu bleiben. Es ist aber nicht etwa so, dass Frauen Diakonissen werden, weil sie keinen Mann gefunden haben. Auch später, als es interne Krisen zu überwinden gab, fragte ich mich, ob ein anderer Weg nicht einfacher wäre. Heute bin ich aber überzeugt, dass ich am richtigen Ort bin. Viele Schwestern, die gleichzeitig eintraten, sind aber ausgetreten oder gestorben.

Kann man einfach so austreten?
Wenn eine Schwester den Weg in der Gemeinschaft überhaupt nicht mehr sieht, lassen wir sie unter Einhaltung einer Kündigungsfrist und nach der Regelung der finanziellen Abgeltung im Frieden ziehen.

Was ist für Sie als Diakonisse wichtig?
Obwohl ich auch allein leben könnte, schätze ich die Verbindlichkeit der Gemeinschaft. Ich weiss, dass ich mich auf die andern verlassen kann.

Wieso leben Diakonissen im Zölibat – wie katholische Ordensleute oder Priester?
Unsere Gemeinschaftsform gebietet das. Wer mit uns leben will, muss sich dafür entscheiden. Alleinstehende Personen sind verfügbarer, sie brauchen nicht auf einen Partner oder auf Kinder Rücksicht zu nehmen. Es gibt auch geschiedene Frauen, die diesen Schritt machen. Von ihnen wird erwartet, dass sie keine Partnerschaft haben, wenn sie als Diakonisse leben.

Früher gehörte das Salemspital der Stiftung Diakonissenhaus Bern, die es dann an die Hirslanden-Gruppe verkaufte. Ist der christliche Hintergrund noch spürbar?
In allen Bereichen des Diakonissenhauses liegt uns die diakonische Grundhaltung am Herzen. Im Salemspital arbeiten keine Diakonissen mehr. Wir beten aber für Patienten, Ärzte und Mitarbeitende.

Verfolgen Sie mit dem Dienst am Nächsten auch heute noch missionarische Ziele?
Wenn wir jemandem helfen, fragen wir ihn nicht zuerst nach seinem Glauben. Wir helfen nicht, um gleichzeitig predigen zu können. Kirchenferne Menschen kommen zu uns und erzählen von ihren Problemen, weil sie wissen, dass wir als Christinnen leben. Sie erkennen in uns zuerst die Schwester, nicht die Kirchenvertreterin.

Hungersnöte und Typhusepidemien wie in den Frühzeiten des Werks gibt es nicht mehr. Wo sehen Sie Ihre Aufgaben heute?
Wir sind uns bewusst, dass wir als kleine Schwesterngemeinschaft nicht mehr grosse Projekte lancieren können. Wir haben aber beispielsweise Raum für einzelne Frauen, die aus der Klinik kommen und für einige Zeit ein Zuhause brauchen, das ihnen Halt gibt. Allein könnten sie ihr Leben nicht bewältigen. Sehr wichtig ist uns auch die Begleitung unserer betagten Mitschwestern. Und dort, wo einst Diakonissen wirkten, arbeiten heute Mitarbeitende, die ganz gewöhnlich entlöhnt werden. Durch eine von ihnen wurde zum Beispiel die «Wäggmeinschaft zwöiti Meile» aufgebaut – ein niederschwelliges Angebot für Menschen, die Hilfe suchen.

Die Arbeitslosigkeit nimmt wieder zu – für Sie ein weiteres Wirkungsfeld?
In der Stiftung gibt es eine Beratungsstelle für Arbeitslose, das Berner Stellennetz. Dort wird Arbeitslosen für sechs Monate ein ihren Möglichkeiten entsprechender Arbeitsplatz vermittelt. Oft kommt es danach zu Festanstellungen. Zurzeit bekommen die Beraterinnen tatsächlich viele Anfragen. Es gibt auch ausgesteuerte Erwerbslose, die an keinen geregelten Tagesablauf mehr gewöhnt sind. Da hilft es schon, wenn sichergestellt wird, dass sie früh aufstehen und zur Arbeit gehen, damit sie diese nicht sogleich wieder verlieren.

Sind Sie auch im Ausland tätig?
Zwei Diakonissen begannen vor elf Jahren in Weissrussland ein Spitex-Projekt, das heute in vier Städten läuft. Bedürftige erhalten Pflege und bekommen Kleider und Lebensmittel. Die eine Schwester ist inzwischen aus unserer Gemeinschaft ausgetreten, arbeitet aber immer noch dort. Wir unterstützen ihre Arbeit weiterhin. Das ist unser Fenster zum Osten.

Sie leben nicht zurückgezogen, wie Sie sagen – Sie sehen fern, hören Radio, lesen Zeitungen. Was tun Sie in der Freizeit?
Ich unternehme gerne Bergwanderungen. Sie dürfen aber nicht zu schwierig und zu anstrengend sein. Aus praktischen Gründen trage ich dabei nicht etwa meine Schwesterntracht, sondern ganz gewöhnliche Wanderhosen.

Wie sieht das im 19. Jahrhundert von Sophie von Wurstemberger gegründete Werk in zwanzig Jahren aus?
Das fragen wir uns natürlich auch. Es ist heute ein grosses Werk – so gross, wie es sich die Gründerin wohl nie vorgestellt hätte. Sie dachte, fünfzig Diakonissen seien genug, zu viel Wachstum sei nicht nötig. Zur Zukunft: Ich hoffe, dass in unserem gelben Haus, dem Mutterhaus der Diakonissen, weiterhin gebetet wird. Ich wünsche mir eine Gemeinschaft, die weiterhin für die Stadt und für unser Land betet. Und dass unser Haus ein Haus Gottes bleibt – dass es auch in Zukunft nicht zum Bürohaus wird.

Was macht den Geist dieses Hauses aus?
Es soll ein Haus und ein Ort der Stille sein. Menschen, die ihre Beziehung zu Gott intensivieren möchten, sind eingeladen, in diesem Haus an Exerzitien im Alltag teilzunehmen.

Das tönt sehr katholisch.
Exerzitien sind nichts anderes als Übungen. Menschen, die bereits eine gewisse Kirchennähe haben, finden dabei Einkehr und Ruhe. Etwa als Ort, um sich mit einem Bibelwort auseinanderzusetzen. Oder als Ort zum Tagen und zur konzentrierten Arbeit. Manche sagen, wir seien so etwas wie ein Stadtkloster. (Der Bund)

Erstellt: 11.05.2009, 13:04 Uhr

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